Insolvente Drogeriekette

Schleckers Zukunft beginnt in der Provinz

Die Drogeriekette hat etliche Filialen auf dem Land. Wird das Sortiment erweitert, könnte die Provinz Schlecker vor dem endgültigen Aus retten.

Foto: Christian Hahn

Ein Päckchen Kaffee. Zahncreme. Eine Tüte Gummibärchen für den Enkel. Resi Sorgenfrei braucht keine Minute, und schon hat sie ihren Einkauf zusammen. Die 74-Jährige weiß, was sie will. Und sie weiß, wo es steht. Schließlich ist sie zweimal die Woche hier, in der Schlecker-Filiale von Seth in Holstein.

„Man trifft ja sonst kaum noch jemanden“, sagt die Rentnerin und wirft, während sie ihre paar Einkäufe aus dem Plastikkorb klaubt, der Frau hinter der Kasse ein aufmunterndes Lächeln zu. „Und Andrea ist nett!“ Shopping bei Schlecker. Das ist eine der Hauptattraktionen, die Seth zu bieten hat. Doch seit einer Woche geht nicht nur in diesem Dorf die bange Frage um: wie lange noch?

Am Montag meldete die Anton Schlecker e.K. beim Amtsgericht Ulm Insolvenz an. Die ehemals größte Drogeriemarktkette Europas kann nicht mehr zahlen. Eine niederschmetternde Nachricht für rund 30.000 Mitarbeiter.

Doch nicht nur für sie. Von den 7000 deutschen Filialen des Unternehmens befinden sich viele auf dem platten Land, in kleinen Dörfern und Gemeinden. Während in den Großstädten jede Lücke im Einzelhandel schnell von anderen Anbietern geschlossen wird, ist im ländlichen Raum das Aus für die Dorfdrogerie zugleich ein schwerer Schlag für das Gemeinwesen.

Wenn der letzte Laden dicht macht, stirbt das Dorf

In manchen Fällen ist Schlecker das letzte Geschäft, das sich am Ort überhaupt noch gehalten hat. Die Pleite der Drogeriekette droht hier zum letzten Akt eines jahrzehntelangen Strukturwandels zu werden. Wenn der letzte Laden dichtmacht, stirbt das Dorf.

Seth in Holstein: 1900 Einwohner. Eine Kirche, ein Kindergarten, eine kleine Grundschule. Die meisten Besucher kommen über die Bundesstraße 432 in den Ort. Und verlassen ihn kurz darauf wieder, ohne Notiz genommen zu haben von der Ansammlung zweigeschossiger Häuser links und rechts der Straße. Es gibt ja auch nicht viel, woran das Auge hängen bleiben könnte. Ein Bäcker, ein Friseur. Und ein Schlecker-Markt.

Um kurz nach acht Uhr am Morgen brennt dort bereits Licht. Und es herrscht reger Betrieb. Alle paar Minuten drückt ein Kunde die Glastür auf. Begrüßt die Filialleiterin wie eine alte Jugendfreundin, die sie für viele ja auch ist. Und verschwindet in den Laden, um sich ein, zwei Dinge zu greifen. Ein Handwerker holt seine tägliche Schachtel Kippen, ein Rentner seine Zeitung und eine Packung Kukident.

So geht das in einer Tour. Zumindest an diesem Morgen kann die Filiale in Seth keine Schuld daran tragen, dass bei Schlecker die Kasse nicht stimmt. Schon öffnet sich die Tür wieder. Ines Bartosch springt kurz herein, um Duschseife zu kaufen. „Wenn es den Schlecker nicht mehr gäbe, wäre das schlecht für Seth“, sagt die 30-Jährige, die ein Kind an der Hand hat, das nicht das ihre ist.

Sie ist Tagesmutter und damit eine der wenigen, die in Seth eine Arbeit gefunden haben. Es erleichtere ihren Alltag, nicht für jede Kleinigkeit ins Auto steigen zu müssen, sagt sie. „Wenn es hier gar keinen Laden mehr gäbe, würde das unser Leben verändern.“

Das Leben ist nicht mehr dasselbe, weil Schlecker dichtmacht? Das muss absurd klingen für jeden, der nur den typischen Großstadt-Schlecker kennt. Dieses lieblos hingeknallte Warenlager mit seinen flackernden Neonröhren und dem frustrierten Verkaufspersonal. Der Schlecker in Seth hat damit nur das blau-weiße Schild über dem Eingang gemein. Er ist so etwas wie ein Rundumversorger für alle Belange des dörflichen Lebens.

Mitarbeiter dürfen nicht mit Journalisten sprechen

Zur Einschulung bekommen Kinder hier Stifte und Radiergummi; ihre Zeugnisse zeigen sie später nicht selten stolz im Laden vor, noch ehe sie ihre Eltern zu Gesicht bekommen. Es gibt Tageszeitungen für den Morgen und für die Sether Nächte ein DVD-Regal. Geburtstage, Hochzeiten, Todesfälle werden vom Grußkartensortiment abgedeckt. Den Alten und Kranken im Ort wird eine Einkaufstüte mit dem Nötigsten auch schon mal nach Hause gebracht.

Das Einzige, worin auch die Sether Filiale ganz Schlecker ist, ist der Umgang mit der Öffentlichkeit. Sie dürfe mit Journalisten nicht sprechen, sie nicht mal ins Geschäft lassen, sagt die Filialleiterin, der es sichtlich gegen die Natur geht, so abweisend zu sein.

Sie könnte viel erzählen darüber, wie wichtig dieser Job für sie und ihre Kinder ist, wie gerne sie und ihre beiden Kolleginnen hier arbeiten. Doch sie darf nur einen Zettel unter der Kasse hervorfischen, auf dem Nummer und Name eines PR-Verantwortlichen in Düsseldorf stehen. Auch wenn im Schlecker-Konzern sonst längst alles drunter und drüber geht – das funktioniert.

„Früher gab es hier drei Lebensmittelgeschäfte. Die sind alle weg“, sagt Sönke Köneking, Landwirt in sechster Generation und im Nebenberuf Bürgermeister von Seth. Bei jedem Bericht über Schlecker dreht der 46-Jährige das Radio lauter. Mehr kann er nicht tun, auch wenn in diesen Tagen immer wieder der Ruf nach dem Bürgermeister laut wird. Man müsse doch etwas tun. Für das Dorf, für Andrea. „Wir wissen nicht, ob uns nun auch noch der letzte Laden im Ort wegbricht. Wir können das wohl zurzeit auch nicht beeinflussen“, sagt Köneking.

Immer wieder hatte der Sether Bürgermeister in der Vergangenheit versucht, sich gegen das Aussterben des Ortskerns zu stemmen. Er rief in den Konzernzentralen an, um festzustellen, dass man als Bürgermeister eines 1900-Seelen-Dorfes nicht übers Vorzimmer hinauskommt.

"Wir sind ein Schlafdorf geworden"

Spar, Edeka – nacheinander kehrten die Ketten dem Ort den Rücken. Vor allem ältere Einwohner, allein und ohne Auto, hatten keine Möglichkeit mehr, sich zu versorgen. Es gab Einwohnerversammlungen zum Thema. Mit Geld vom Land stellte der Ort zwischenzeitlich sogar selbst einen Lebensmittelladen auf die Beine. Doch auch der musste bald wieder schließen. „Die Umsätze sind einfach zu gering“, bedauert Köneking. „Wir sind eben ein Schlafdorf geworden.“

Jahrhundertelang lebten die Menschen in der Gegend vom Sether Moor, in dem sie Torf abbauten und den Brennstoff bis ins 40 Kilometer entfernte Hamburg karrten. Heute legen die Strecke vor allem Berufspendler zurück, die ihren Job im Dunstkreis der Millionenmetropole haben und zum Wohnen hier hinausgeflüchtet sind, wo sich ein Normalsterblicher noch ein Eigenheim leisten kann. Die Lage im äußeren Speckgürtel der Hansestadt sorgt dafür, dass Seth laut Bevölkerungsstatistik sogar ein leicht wachsendes Dorf ist. Doch im Kern stirbt es aus.

„Die Pendler wohnen in Seth, aber sie leben hier nicht“, beklagt der Bürgermeister. Das gesellschaftliche Leben des Ortes findet seit jeher in den Vereinsheimen statt. Schützenverein, Männergesangverein, die Sether Sportgemeinschaft – 15 Vereine gibt es in der Gemeinde.

„Doch wenn Sie alle zusammennehmen, die wirklich in den Vereinen aktiv sind, kommen Sie vielleicht auf 25 Leute“, sagt Köneking. Oft sind die Kinder der einzige Anknüpfungspunkt der Neubürger mit der alteingesessenen Bevölkerung. Für eine lebendige Dorfgemeinschaft brauchte es dagegen Plätze, an denen man sich auch zufällig mal über den Weg läuft. Zuletzt übte diese Funktion nur einer aus: der Schlecker.

So wie Seth geht es vielen Orten im Land. Deshalb sehen Experten im Dorfladen ein mögliches Zukunftskonzept für den Konzern. Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, sieht durchaus Chancen für Schlecker auf dem Land oder in Stadtteilzentren.

„Es könnte sich lohnen, weiter an dem Konzept als Nahversorger zu arbeiten. Wenn Schlecker dort eine Mischung aus Kiosk und Drugstore würde, könnte die Kette eine attraktive Nische besetzen. Dazu allerdings muss das Sortiment viel breiter werden. Es müssen mehr Lebensmittel und Bio-Artikel ins Regal, auch Eigenmarken und Zeitschriften. Vielleicht noch eine Café-Ecke. Aber dafür braucht Schlecker ein gutes Konzept. Und ohne eine deutliche Verbesserung des Images wird es nicht gehen.“

Schon lange vor der Insolvenz hatten sie in der Schlecker-Zentrale in Ehingen, weit weg in Baden-Württemberg, angefangen, über den modernen Tante-Emma-Laden für die kleinen Orte nachzudenken.

Aus dem platten Land Schlecker-Land zu machen. Denn viele der kleinen Läden abseits der Metropolen verdienten durchaus Geld, war zu hören, daraus ließe sich ein Geschäftskonzept machen. Aber bisher weiß niemand, ob Standorte wie Seth noch etwas davon haben oder den befürchteten massenhaften Ladenschließungen in den nächsten Monaten zum Opfer fallen werden. Höchstens die Hälfte der Schlecker-Läden habe eine Chance, meinen Experten. Bei dieser Vorstellung wird es Bürgermeister Köneking ganz mulmig zumute.

Dabei kaufen manche Kunden jetzt sogar etwas mehr ein, in der rührenden Hoffnung, damit vielleicht etwas zur Rettung des letzten Ladens in ihrem Dorf beitragen zu können. Auch im örtlichen Frisiersalon ist die Zukunft des Sether Einzelhandels in dieser Woche Thema Nummer eins. „Wenn Schlecker schließt, wird es echt gruselig“, befürchtet Friseurmeisterin Sandra Lorentz, 45. Dann bleibe vor allem den Alten im Dorf nur noch ein letzter Anlaufpunkt, der schon jetzt rege frequentiert wird. „Der Friedhof. Um 17 Uhr beim Blumengießen – da triffst du sie alle.“