Drogerie-Kette

Auch Lars und Meike können Schlecker nicht retten

Die Gründer-Kinder Meike und Lars Schlecker haben es nicht geschafft, die Insolvenz der Drogeriemarktkette zu verhindern. Jetzt wird es teuer für die Eigentümer.

Foto: Michael Trippel/laif

Eine Schlecker-Filiale im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Es ist Freitagnachmittag, die Eilmeldung von der Insolvenz der Drogerie-Kette noch keine Stunde alt. Trotzdem sieht es im Laden schon aus wie in der frühen Nachkriegszeit.

Die Regale des Billigdrogisten sind weitgehend leer gefegt. Wo bis vor Kurzem noch Deoroller, Shampoo und Katzenfutter standen, klaffen nun große Lücken im Sortiment. Im Schaufenster hängt ein Zettel: „Ladengeschäft zu vermieten. Courtagefrei.“ Zwei Verkäuferinnen stapeln leere Pappkartons und plaudern dabei munter miteinander. Von Betroffenheit keine Spur. „Wir schließen“, verkündet eine der beiden und macht dazu ein fröhliches Gesicht. „Montag ist wahrscheinlich schon der letzte Tag.“

Diese Gelassenheit allerdings basiert, so stellt sich bald heraus, auf Unwissenheit. Denn die Angesprochene glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, dass nur ihre Filiale geschlossen wird . Sie und ihre Kolleginnen, beruhigt sie, würden von anderen Geschäften im Stadtgebiet übernommen. Dass in Wirklichkeit nicht nur eine Filiale, sondern der ganze Konzern am Ende ist, hat sich bis hierher noch nicht herumgesprochen.

Erst kurz vor 14 Uhr waren die Faxe aus der Firmenzentrale im schwäbischen Ehingen an die Filialen verschickt worden. Darin wurde die Belegschaft darüber informiert, dass Schlecker in die Planinsolvenz geht. Und dass das nicht das Ende sei, sondern nur eine neue Variante der Sanierung unter veränderten Rahmenbedingungen. Ob das viele Mitarbeiterinnen tatsächlich glauben? Es ist fraglich. Auch wenn der Geschäftsbetrieb erst einmal unverändert weiterläuft.

Betriebsräte bemühen sich um Gelassenheit

Das steht ebenfalls auf dem Fax. Zusammen mit dem etwas gewollt wirkenden, ermutigenden Hinweis der Chefs, dass steigende Umsätze in den Filialen die Chance für das Überleben des Schlecker-Reiches steigerten. Deswegen stehen auf dem Fax auch gleich noch Hinweise, wie die Mitarbeiter ihren Kunden die neue Situation verkaufen sollen.

Die Betriebsräte bei Schlecker bemühen sich denn auch, Gelassenheit zu verbreiten. Sie habe die Nachricht eben im Fernsehen gesehen, sagt eine Mitarbeitervertreterin aus Norddeutschland später und ergänzt: „Wir müssen jetzt Ruhe ausstrahlen.“ Für die aufgeregten Kolleginnen, die nun anrufen, hat sie eine klare Botschaft: „Ganz normal weiterarbeiten. Auch ich gehe am Montag zur Arbeit.“ Man könne jetzt nichts anderes tun als abwarten und „gucken, was passiert“.

Dass sie ahnt, was kommen könnte, ist aber auch klar. In den vergangenen Jahren hat ja jeder sehen können, wie schnell Tausende Einzelhandelsjobs in einer Insolvenz verloren gehen, bei Quelle beispielsweise, bei Hertie oder Wehmeyer. „Die Kolleginnen haben jetzt schon Existenzängste. Es wäre schlimm, wenn sie ihren Job verlieren“, sagt die Schlecker-Betriebsrätin.

Lex Schlecker beschlossen

Diese Befürchtung ist berechtigt: Dass die Mitarbeiter ihren Teil beisteuern müssen, wenn Schlecker überleben soll, steht außer Frage. Erst im Dezember hatte das Unternehmen die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di um Gespräche für die Aushandlung eines Sanierungstarifvertrags gebeten. Spätestens seither wissen sie, dass sie zur Kasse gebeten werden.

Jetzt, wo es in die Insolvenz geht, wächst aber die Unsicherheit. Sofort, nachdem die Nachricht bekannt wurde, forderte die Gewerkschaft vom Eigentümer Anton Schlecker „volles Engagement bei der Rettung der Arbeitsplätze“. Gut 30.000 sind es derzeit noch. Anton Schlecker trage als Eigentümer persönlich die Verantwortung für seine Beschäftigten. Besonders in einem solchen Falle gelte „Eigentum verpflichtet“, sagte Stefanie Nutzenberger, Ver.di-Vorstandsmitglied für den Handel.

Bisher hat der Firmenpatriarch, dessen Vermögen auf mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt wird, seine Mitarbeiter nicht gerade auf Händen getragen. Im Gegenteil: Sein Unternehmen ist geradezu berühmt für seinen ruppigen und mitunter gesetzeswidrigen Umgang mit den Angestellten. 1998 wurden Anton und seine Frau Christa gar zu zehn Monaten Bewährungsstrafe und je einer Million Mark Strafe verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten.

Danach wurde es nicht besser: Mitarbeiter wurden bespitzelt. Die Politik beschloss sogar ein als „Lex Schlecker“ bekanntes Gesetz, weil die Drogeriekette Angestellte entließ, um sie danach als Zeitarbeiter mit niedrigeren Löhnen neu einzustellen.

Jetzt aber wird der knauserige Milliardär wohl tief in die Tasche greifen müssen, wenn er das Unternehmen in der Hand der Familie halten will. Denn das fordern die Regeln der Planinsolvenz, die die Schleckers nun wohl oder übel anstreben. Der Eigentümer muss dabei einen großen finanziellen Beitrag zur Sanierung des Unternehmens leisten. Nur dann bleibt er im Boot und kann später – falls die Sanierung gelingen sollte – wieder davon profitieren.

In einer klassischen Insolvenz dagegen ist der Eigentümer raus und kann seine Ansprüche später allenfalls auf die lange Liste des Insolvenzverwalters schreiben – mit der sicheren Gewissheit, kaum etwas von seinen Forderungen bekommen zu können.

Das passierte 2009 Madeleine Schickedanz und der Privatbank Sal. Oppenheim als größte Aktionäre des insolventen Handelskonzerns Arcandor. Vorgesehen war auch hier die Planinsolvenz, aber die Eigentümer konnten wegen Ebbe in den eigenen Kassen keinen nennenswerten finanziellen Beitrag mehr leisten. Also gab es keine Planinsolvenz, sondern die klassische Variante: Der Konzern wurde zerschlagen, Schickedanz und Sal. Oppenheim erlitten praktisch einen Totalverlust.

Bei SinnLeffers hat es funktioniert

Wie das Konzept funktionieren kann, hat zuvor die Textilhandelskette SinnLeffers gezeigt: Eigentümer Peter Zühlsdorff verzichtete in der wochenlang vorbereiteten Planinsolvenz auf millionenschwere Forderungen an sein Unternehmen. Die Kette hat überlebt – wenn auch in Filial- und Mitarbeiterzahl deutlich reduziert – und gehört Zühlsdorff bis heute. Jetzt wachsen die Umsätze wieder. Auch die Drogeriemarktkette Ihr Platz rettete sich 2005 zunächst über die Planinsolvenz. Später fand sie einen Käufer: ausgerechnet Anton Schlecker.

Wie der Milliardär nun reagiert, ist unklar. Bekannt ist aber, dass der gelernte Metzgermeister, dessen Geschäftsmodell auf eiserner Sparsamkeit gründete, im Privatleben dem Luxus keinesfalls abgeneigt ist. So wird ihm ein Faible für Versace-Hemden nachgesagt. Und er soll gerne Rennautos fahren, zumindest besitzt er gleich mehrere davon.

Aus der Öffentlichkeit hat er sich fast komplett zurückgezogen. Zusammen mit seiner Frau Christa, einer gelernten Fremdsprachenkorrespondentin, lebt er in einer gut bewachten Villa in seinem Heimatort Ehingen. Anlass für diese Abschottung: die Entführung der Kinder Lars und Meike. 1987, als die beiden 16 und 14 Jahre alt sind, geschah das Verbrechen einen Tag vor Weihnachten. Gegen ein Lösegeld von 9,6 Millionen D-Mark kamen beide damals wieder frei.

Zukunftsprogramm aufgelegt

Mittlerweile stehen die beiden an der Spitze des Familienunternehmens. Gemeinsam haben sie das Zukunftsprogramm „Fit for Future“ angestoßen, um die schlingernde Traditionsfirma wieder flottzumachen. 2011 wurden im Zuge dessen alleine 800 Filialen geschlossen, und in diesem Jahr sollen zahlreiche weitere folgen. Denn Schlecker schreibt schon seit 2008 Verluste.

Und die sind selbst verschuldet. Denn zum einen hat der langjährige Marktführer Konkurrenten wie dm, Rossmann und Müller komplett unterschätzt und unbeachtet groß werden lassen. Zum anderen verpasste das Unternehmen zu lange Investitionen in die Sortimente, in lukrative Eigenmarken und in das Erscheinungsbild der wenig einladenden Filialen. Schlecker-Filialen waren Orte zur Bedarfsbedeckung, die der Kunde so schnell wie möglich wieder verließ.

Schlecker hat mehr Geschäfte als die Konkurrenten zusammen – nur verdienen sie kein Geld mehr. Zwar hat Schlecker mittlerweile zahlreiche Läden renoviert und – wie es offiziell aus dem Unternehmen heißt – „heller, freundlicher und übersichtlicher“ gestaltet. Diese Geschäfte bringen nach der Renovierung angeblich auch deutlich mehr Umsatz als zuvor.

Zum Gegenlenken ist es zu spät

Doch reichte der Sanierungsetat nur für einen Bruchteil der einstmals 8000 Filialen. „Schlecker hat erst gegengelenkt, als es längst zu spät war“, meint der Discountexperte Matthias Queck vom Handelsinformationsdienst „Planet Retail“: „Die Wettbewerber wurden mit jedem Tag stärker und Schlecker täglich schwächer.“

Das hatten auch die beiden Schlecker-Kinder gemerkt, als sie im Jahr 2010 das Ruder übernommen haben. Dennoch gaben sie sich lange Zeit zuversichtlich. „Wir sind mitten drin in einer großen Reorganisation und auf gutem Weg“, hatte Lars Schlecker noch im Dezember verkündet. Dass er nur rund vier Wochen später zum Insolvenzrichter muss, begründet das Unternehmen mit einer geplatzten Zwischenfinanzierung. Dadurch fehlte das Geld für die Fortführung der eingeläuteten Sanierung.

Doch der nun eingetretene „Worst case“ könnte auch hilfreich sein. Denn zum einen bezahlt nun die Bundesagentur für Arbeit über das sogenannte Insolvenzausfallgeld drei Monaten lang die Gehälter der Mitarbeiter. Zum anderen hat der Insolvenzverwalter Sonderkündigungsrechte für sämtliche Verträge, also beispielsweise Mietverhältnisse. Dadurch kann der notwendige Filialabbau beschleunigt werden, die Fixkosten gehen runter.

Dass der Verwalter viel Geld durch den Verkauf von Filialen an die Konkurrenten einnehmen wird, ist allerdings unwahrscheinlich: „Diese Schlecker-Standorte“, sagt ein Drogeriemarktkenner, „passen doch gar nicht ins Konzept von dm oder Rossmann.“