Ratingagentur

S&P stellt Europas Elite die Bankrotterklärung aus

Die kollektive Herabstufung durch S&P könnte der Beginn vom Ende der Euro-Zone sein. Zu stark hat sich die Union auseinanderentwickelt.

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Die umfassende Abstufung der Euro-Zone durch Standard&Poor’s (S&P) lässt sich durchaus als historisch bezeichnen. Gleich neun der 17 Euro-Staaten wurden von der führenden Ratingagentur zurechtgestutzt. Mit Frankreich hat die zweitgrößte Ökonomie der Währungsunion das Spitzenrating AAA verloren, eine nationale Schmach.

Bei Zypern und Portugal liegt die Bonität nunmehr im Ramsch-Bereich. Italien und Irland notieren nur noch wenig darüber. Allein Deutschland kam ungeschoren davon. Historisch ist aber nicht nur das Ausmaß der kollektiven Abstufung, sondern auch die Begründung. Selten hat ein relevanter Markt-Akteur so offen und schonungslos Europa die Leviten gelesen.

S&P hat weniger die Versäumnisse der Vergangenheit angeprangert, obwohl es gute Gründe dafür gäbe. Frankreich beispielsweise hat seit Einführung des Euro in mehr als der Hälfte der Jahre die im Maastricht-Vertrag festgelegte Defizitgrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung missachtet. Portugal hat gar in 10 von 13 Jahren bei der Neuverschuldung gesündigt.

Die Bonitätsprüfer kritisieren jedoch vielmehr die politische Aufarbeitung der Euro-Krise. Insbesondere der langwierige und offen zur Schau gestellte Disput der Euro-Fürsten verhindere eine rasche und angemessene Lösung. Indirekt nimmt sich S&P auch das politische Handling im Umgang mit den Banken vor. Das globale Schrumpfen der Bilanzen sorge für eine Verknappung wachstumsfördernder Kredite an Unternehmen und Haushalte.

Und S&P ist nicht irgendein Akteur. Es handelt sich um die mächtigste der drei großen Ratingagenturen. Bereits mit der Abstufung der USA löste sie im August vergangenen Jahres ein Beben an den Märkten aus. Nach den Bonitätsnoten von S&P richten sich die Investoren, und die sind für die Euro-Zone überlebensnotwendig. Schließlich müssen die 17 Staaten in diesem Jahr für Anleihen im Wert von 1500 Milliarden Euro Käufer finden.

Der Euro-Gipfel vom 9. Dezember hat in den Augen der Bonitätswächter lediglich einen Teil der Schuldenkrise adressiert. Das Problem der Euro-Zone liegt nämlich nicht allein in schuldensüchtigen Peripheriestaaten. Die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Mitgliedsstaaten hat sich seit Einführung des Euro auseinanderentwickelt. Daran droht die Euro-Zone zu zerbrechen. Doch der Währungsunion fällt es schwer, eine wachstumsfördernde Politik umzusetzen, angesichts von „mächtigen Interessengruppen“, wie S&P treffend bemerkt. Schon warnen Politiker, die Ratingagentur hätte die Schuldenkrise in Europa verschärft.

Tatsächlich kommt die umfassende Herabstufung zu einer Zeit, als die Krise erste zaghafte Anzeichen eines Abebbens zeigte. Neue Verwerfungen insbesondere auf den europäischen Anleihemärkten sind nun nicht ausgeschlossen. Aber es kann nicht die Aufgabe einer Ratingagentur sein, Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Politik zu nehmen.

Ein mutiger Schritt

Bei Ratings geht es allein um die Kreditwürdigkeit eines Schuldners und die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit dieser seinen Verbindlichkeiten pünktlich nachkommt. Und hier hat sich die Situation in der Euro-Zone eben deutlich verschlechtert.

Der historische Schritt von S&P ist mutig. S&P stellt Europas Elite eine Bankrotterklärung aus und macht ihnen zugleich einen Strich durch die Rechnung. Denn mit der Abstufung von Frankreich ist auch die Bonität des Rettungsfonds EFSF in Gefahr. Diesem dürfte es nun noch schwerer fallen, Rettungsgelder einzusammeln.

Die kollektive Herabstufung könnte daher auch der Beginn vom Ende der Euro-Zone sein, sollte nun lediglich eine Diskussion um eine Entmachtung der Ratingagenturen beginnen. Europas Politiker müssen in großen Kategorien denken und mutige Entscheidungen treffen, sollte die Währungsunion gerettet werden.

Insofern kann sich auch Deutschland nicht in Sicherheit wiegen. Sollten immer neue Rettungsschirme aufgespannt werden, statt die fundamentalen Probleme zu lösen, ist irgendwann auch die Zahlungsfähigkeit des letzten Retters überspannt.

Die Ratingagentur hat mit ihrer Abstufung zweifelsohne an verlorener Reputation gewonnen. Nach der Abstufung der USA musste – wohl auf politischen Druck – der S&P-Chef zurücktreten. Doch das scheint sie nicht abgehalten zu haben von der offenen Kritik an der Euro-Zone.

Verbinden Sie sich mit unserem Morgenpost Online-Autor auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.