Konjunktur

Verbraucher könnten Deutschland Rezession ersparen

Nach zwei Boomjahren in Folge könnte die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rutschen. Ökonomen hoffen auf die Kauflaune der Bürger.

Foto: Infografik DWO

Trotz der Krise im Euro-Raum hat die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr das viertstärkste Wachstum seit der Wiedervereinigung geschafft. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts um drei Prozent. Es ist das zweite Mal in Folge, dass Deutschland beim BIP eine Drei vor dem Komma ausweist.

Im Jahr 2009 hatte Deutschland mit einem Rückgang von knapp fünf Prozent noch die stärkste Rezession der Nachkriegszeit erlebt. „Die konjunkturelle Erholung hat sich auch im zweiten Jahr nach der Wirtschaftskrise fortgesetzt“, sagte der Präsident des Bundesamts, Roderich Egeler. Nach ersten Schätzungen liege Deutschland in der Spitzengruppe der europäischen Staaten.

Allerdings verdeckt das gute Jahresergebnis, dass sich die deutsche Konjunktur gegen Jahresende spürbar abgeschwächt hat . Im Vergleich zum Vorquartal sank die Wirtschaftsleistung um geschätzt 0,25 Prozent. Bleibt es dabei, wäre das der erste Quartalsrückgang seit Anfang 2009. Der weltweite Konjunkturabschwung und die Euro-Krise haben damit auch in Deutschland deutliche Spuren hinterlassen.

Von "Morgenpost Online“ befragte Ökonomen rechnen mehrheitlich damit, dass sich der wirtschaftliche Rückgang in den ersten drei Monaten dieses Jahres fortsetzen wird . Technisch gesehen steckt Deutschland damit bereits in der Rezession. Eine Wirtschaft befindet sich laut Definition im Abschwung, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge zurückgeht.

Dennoch rechnen die meisten Experten damit, dass es für Deutschland nur bei einer Wachstumsdelle bleiben wird. So äußerte sich das Bundeswirtschaftsministerium optimistisch, dass trotz der konjunkturell gedämpften Entwicklung Ende 2011 „eine ausgeprägte Schwächephase derzeit nicht wahrscheinlich“ ist.

Der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, sagte zugleich: „Von Rezession kann keine Rede sein, auch wenn wir uns in diesem Jahr von den großen Wachstumszahlen verabschieden müssen.“

Schlechte Aussichten für Euro-Zone

Anders sieht es für die Euro-Zone aus. Führende Wirtschaftsforscher erwarten, dass die Euro-Zone in eine Rezession abgleiten wird . Diese sollte allerdings nur mild und relativ kurz ausfallen – unter der Bedingung, „dass die Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone durch adäquate Entscheidungen der Politik im Zaum gehalten werden kann“, teilten das Münchner Ifo-, das französische Insee- und das italienische Istat-Institut mit.

Die Forscher erwarten, dass das reale BIP der Euro-Zone zum Jahresende 2011 um 0,3 Prozent geschrumpft ist, im ersten Quartal 2012 um 0,2 Prozent zurückgeht und im zweiten Quartal stagniert. Über das Jahr betrachtet sollte die Bundesrepublik den Prognosen von Ökonomen zufolge hingegen ein Wachstum von rund 0,5 Prozent ausweisen können. „Die Wirtschaft in Deutschland wird sich parallel zu der des Euro-Raums abschwächen, allerdings auf höherem Level“, sagt etwa Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup.

Hoffnungsträger für die meisten Ökonomen bleibt dabei neben der erwarteten wirtschaftlichen Erholung außerhalb Europas die erstarkte Binnennachfrage in Deutschland. Diese entwickelte sich 2011 dank höherer Löhne und Rekordbeschäftigung zum Wachstumsmotor.

Die privaten Konsumausgaben legten mit einem preisbereinigten Anstieg um 1,5 Prozent so stark zu wie zuletzt vor fünf Jahren. Die Investitionen der Unternehmen zogen im Vergleich zum Vorjahr um stattliche 8,3 Prozent an. Die Wirtschaftsleistung im Baugewerbe – einst konjunkturelles Sorgenkind in Deutschland – wuchs mit einem Plus von 5,4 Prozent so stark wie seit 17 Jahren nicht mehr. Auch der Außenhandel entwickelte sich robust.

Dank höherer Steuereinnahmen verbesserte sich zudem die Kassenlage des Bundes deutlich. Das Staatsdefizit belief sich auf ein Prozent des BIP. Damit hält Deutschland erstmals seit drei Jahren wieder die Obergrenze des EU-Stabilitätspakts von drei Prozent des BIP ein.

Die gute Konjunktur schlug sich auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt nieder. Dem Statistischen Bundesamt zufolge ging die Zahl der Erwerbslosen um 446.000 auf 2,5 Millionen zurück. Zugleich verdiente ein durchschnittlicher Arbeitnehmer den Schätzungen zufolge brutto 3,5 Prozent und netto 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei den Bruttolöhnen pro Kopf sei das der stärkste Anstieg seit 1993.