Bilanz

2011 war kein gutes Jahr für Berlins Börsenfirmen

87 Firmen mit Sitz in Berlin sind an der Börse notiert. Die Mehrheit von ihnen schloss das Jahr 2011 mit einem Kursminus ab. Doch es gab auch Gewinne von bis zu 900 Prozent.

Foto: picture-alliance / Wolfram Stein

Es gibt keine Schulden ohne Sühne. Zu dieser bitteren Erkenntnis sind in diesem Jahr viele Berliner Unternehmen und deren Aktionäre gekommen. Die Börsenlandschaft der Hauptstadt ist geprägt von vielen kleinen Gesellschaften, die in der Regel wenig Eigenkapital und dafür hohe Schuldenquoten haben. Und diese finanzielle Klammheit spiegelt sich in den Börsenkursen. Eine Analyse von Morgenpost Online offenbart, dass von 87 börsennotierten Firmen – die ihren Sitz in Berlin haben – 59 Unternehmen das Jahr mit einem Kursminus abschließen.

Deshalb kommt auch der Börsenindex der Morgenpost – in dem die 50 größten hiesigen Unternehmen abgebildet sind – auf ein Jahresminus von knapp zehn Prozent. Der Index enthält bekannte und schwergewichtige Konzerne wie die Landesbank Berlin sowie die Axel Springer AG. Auch die Softwareschmieden PSI und Beta Systems, oder die Medizintechnikfirmen AAP Implantate sowie Eckert & Ziegler gehören dazu. Zudem sind Medienunternehmen wie Deag oder Senator dabei, nicht zuletzt auch der Berliner Zoo.

Die Schwergewichte stehen gut da

Die Börsen-Blanz ist allerdings besser als es scheint. Der Berliner Aktienindex ist deutlich glimpflicher davon gekommen als sein bundesweites Pendant – der Dax. Dieser weist seit Jahresbeginn eine Bilanz von minus 17 Prozent auf. Der Grund für die Berliner Outperformance: Die wenigen Schwergewichte haben sich besser geschlagen als die vielen Leichtgewichte.

Der Indexstand kaschiert deshalb auch die teilweise dramatischen Schicksale, die so manches Berliner Börsenunternehmen in den vergangenen zwölf Monaten erlitten hat. So gab es – fast schon traditionell – erneut zahlreiche Pleiten und zerstörte Unternehmer-Visionen. Das spektakulärste und gleichzeitig aktuellste Beispiel ist die Insolvenz des Solarkonzerns Solon – dessen Aktie inzwischen nur noch 37 Cent wert ist, was einer Marktkapitalisierung von 6,5 Millionen Euro entspricht. Zum Vergleich: In seinen besten Zeiten kostete das Solon-Papier 87 Euro, was einem Börsenwert von 1,1 Milliarden Euro entsprach. Das Schicksal von Solon ist ein geradezu typisches Problem Berliner Konzerne. Die Kapitalbasis der Solarfirma war so schwach, dass das Unternehmen schlichtweg keine neuen Kredite bewilligt bekam. Auch andere Unternehmen und deren Aktien – wie etwa der Prozessfinanzierer Juragent und die Solarfirma Solarvalue – befinden sich in Turbulenzen, was dramatische Kursverluste von etwa 90 Prozent in diesem Jahr belegen.

Das größte Kursminus des Jahres hat – auch schon traditionell – Gruezi Real Estate zu vermelden. Es sind satte 95 Prozent. Die Firma ist fast schon ein Mysterium. In diesem Jahr wurde nicht einmal mehr eine Hauptversammlung abgehalten. Die einzig positive Nachricht für die Aktionäre lautet: Die Immobilienfirma existiert noch immer.

Den Abstürzen stehen aber auch fabelhafte Gewinne entgegen. So kommt die Aktie der Tuste AG auf ein sagenhaftes Kursplus von 900 Prozent. Bei dem Unternehmen handelt es sich um eine Beteiligungsfirma. Immerhin 500 Prozent waren mit den Aktien von Paketeria drin. Die Börsianer belohnten den Wandel des Geschäftsmodells. Nachdem die Firma ursprünglich einen Paketversand über die Volksbanken plante, wird jetzt die Idee der nadellosen Spritze verfolgt.

„Wer diese Kurssprünge sieht, könnte glauben, er bewegt sich in Berlin auf einem Zockermarkt. Doch dem ist nicht so“, sagt Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger (SdK). „Berliner Werte sind etwas für Spezialisten. Es fehlt die Stabilität der großen Werte. Aber die Papiere der kleinen Unternehmen bieten viele spannende Geschichten, mit denen sich durchaus Geld verdienen lässt.“ Die Vielzahl an kleineren Börsenfirmen sei ein Spiegelbild Berlins, erklärt Kunert. „Die Hauptstadt beheimatet kein einziges Unternehmen aus der Börsenoberliga Dax mehr. Dafür werden an der Spree gern kleine Konzerne mit neuen Ideen heimisch.“

LBB verabschiedet sich im Frühjahr

Und dieser Trend dürfte sich noch verstärken. Denn nach dem zu Jahresbeginn mit der Berlin Hyp ein absolutes Schwergewicht vom Kurszettel genommen wurde, dürfte auch der Berliner Börsengigant Landesbank Berlin (LBB) schon bald den Rückzug vom Parkett beschließen. Es ist eigentlich schon beschlossene Sache, dass die privaten Aktionäre auf der LBB-Hauptversammlung im Frühjahr mit einem Abfindungsangebot herausgedrängt werden. „Es kommt einer Enteignung der privaten Aktionäre gleich, wenn die privaten Anteilseigner in einem so ungünstigen Börsenumfeld herausgekauft werden“, schimpft Kunert. Er will sich dafür einsetzen, dass die LBB-Aktionäre noch einen Aufschlag auf den derzeit so niedrigen Börsenkurs bekommen.

Die Hauptstadtbörsianer müssen jedoch nicht fürchten, dass ihnen die Unternehmen ausgehen. Bereits jetzt haben zwei Firmen bekanntgegeben, dass sie sich hier ansiedeln wollen. MySparta verkauft künftig von der Spree aus Energy Drinks nach China und Indien. Fritz Nols, der ehemalige Kursmakler, versucht aus der Hauptstadt heraus, seinen ehemaligen Börsenmantel wiederzubeleben.

Den größten Neuzugang hat die Stadt bereits in diesem Jahr erlebt. Mitte April ging der Immobilienriese GSW an die Börse – und das mit großem Erfolg. Aktionäre der ersten Stunden können sich bis dato über ein Plus von 15 Prozent freuen. Mit einem Börsenwert von über 900 Millionen Euro hat es der Neuzugang gleich auf Rang drei der größten börsennotierten Unternehmen der Hauptstadt geschafft.