Ex-Bahn-Chef

Hartmut Mehdorn ist im Herzen ein Flieger

Als neuer Chef von Air Berlin hat Hartmut Mehdorn das Überleben der Firma gesichert. Jedoch darf er nicht dieselben strategischen Fehler machen wie bei der Bahn.

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Voll Energie und mit federnden Schritten, die festlich gekleidete Gattin am Arm, strebt Hartmut Mehdorn kurz nach seiner Ernennung zum Chef der Fluggesellschaft Air Berlin in die Berliner Philharmonie. Es ist der Saisonauftakt der Philharmoniker unter Sir Simon Rattle.

Gegeben wird die 7. Sinfonie von Mahler. Und im Publikum sitzen Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Und er, der ehemalige Bahnchef. Mehdorn ist wieder da. Das mag nicht der Hauptgrund für den 69-Jährigen gewesen sein, sich die Sanierung der angeschlagenen Airline aus der Hauptstadt anzutun. Aber das Gefühl, dazuzugehören in der Hauptstadt, treibt auch Hartmut Mehdorn an.

Arbeitslos oder gar Pensionär sind ehemalige Topmanager heute sowieso nicht. Auch Mehdorn hatte bis zu seinem Feuerwehreinsatz in Berlin mit seinem ehemaligen Finanzvorstand Diethelm Sack ein Büro in Frankfurt und verdingte sich hier und da als Berater und Aufsichtsrat. Bei Besuchen kochte der Ex-Bahnchef auch mal persönlich Kaffee.

In Mehdorns Leben sind Muster erkennbar

Doch wer Mehdorn kennt, wusste: Beraterjobs und Aufsichtsratsmandate, das füllt ihn nicht aus, dem fehlt was. Seit Juli 2009 ist er Verwaltungsrat bei Air Berlin. Ganz fremd ist ihm die Malaise bei der zweitgrößten deutschen Airline also nicht, die Branche beobachtet der Luftfahrtingenieur seit Beginn seiner Karriere.

Aber zum Chef einer Airline hatte es Mehdorn nie gebracht. „Und das war es, was er eigentlich immer wollte“, sagt ein langjähriger Freund. „Wissen Sie, eigentlich bin ich ja von Herzen ein Flieger“, sagte Mehdorn in vertraulichen Runden bereits, als an ein Ende als Bahnchef noch nicht zu denken war.

Mehdorn war bei der Dasa, der heutigen EADS, und wechselte als Chef zum weltgrößten Hersteller von Druckmaschinen, Heidelberger Druck. Dort profilierte er sich als Sanierer und wurde 1999 Bahnchef. Sanieren, das kann Mehdorn, umbauen, abbauen. Er ist zupackend, immer bereit Widerstände zu überwinden und einen Konzern in eine neue Richtung zu schicken. So einen wie Mehdorn kann die angeschlagene Air Berlin jetzt gut gebrauchen. Vorausgesetzt, der Luftwaffenhauptmann der Reserve begeht nicht erneut die alten Fehler.

Denn in Mehdorns Berufsleben sind Muster erkennbar. Als Vorstandschef der Heidelberger Druckmaschinen verordnete er dem Untenehmen einen Expansionskurs, machte es durch Zukäufe und neue Produkte zum Universalhersteller.

In den ersten Jahren verdoppelten sich Umsatz, Mitarbeiterzahl und Gewinn. Mit der Bahn ging Mehdorn ebenfalls auf Einkaufstour. Aus dem staatlichen deutschen Schienenunternehmen wurde ein globaler Mobilitätskonzern. Zwischen 1999 und 2008 konnte Mehdorn den Umsatz der DB AG mit 33,5 Milliarden Euro mehr als verdoppeln, aus Milliardenverlusten wurden Milliardengewinne.

Mehdorn bleibt sich treu

Als HeidelDruck brachte er den Druckmaschinenhersteller an die Börse, mit der Bahn wollte er das wiederholen – doch beide Unternehmen gerieten durch seinen forschen Kurs Richtung Kapitalmarkt in bedrohliche Schieflage.

HeidelDruck geriet derart in Not, dass der Konzern nach Mehdorns Ausscheiden auf die Größe vor seinem Antritt zurückgeschrumpft wurde. Und auch bei der unter Mehdorn auf maximale Effizienz getrimmten Bahn – die Hauptursache für die vielen heute drückenden Probleme – hieß die Devise nach seinem Ausscheiden zurück zum Kerngeschäft, zum zuverlässigen Schienentransport.

Bei Air Berlin muss Mehdorn jetzt genau diesen Schwenk hinbekommen: nicht weiter wachsen, sondern fokussieren und eine Idee davon entwickeln, was in diesem harten Wettbewerbsumfeld zum langfristig profitablen Kerngeschäft werden könnte. Ein erster Paukenschlag ist ihm mit dem Einstieg der arabischen Etihad Airways bei Air Berlin bereits gelungen.

Allerdings war das wohl nicht das Ergebnis ausgeklügelter strategischer Überlegungen – sondern Air Berlin braucht schlicht Geld. Zu hoch sind die Schulden, zu bedrohlich die ersten Bremsspuren in der konjunkturellen Entwicklung.

Aber der Deal verschafft Mehdorn Luft, um den Einstieg in die Luftfahrtallianz Oneworld und den Umzug auf den neuen Berliner Großflughafen „Willy Brandt“ ohne finanzielle Probleme über die Bühne zu bringen. Dass er dabei nicht radikal die Flotte zusammenstreicht und auch möglichst keine Mitarbeiter entlassen will, ist ein Zeichen dafür, dass Mehdorn sich selbst treu bleibt. Seinem Nachfolger will er eine sanierte Airline übergeben – die wieder auf Wachstumskurs gehen kann.