Sex auf Firmenkosten

"Je besser der Anzug, desto übler das Benehmen"

Wüstenrot gerät mit Sex-Reisen in die Schlagzeilen. Auf dem Hamburger Kiez überrascht das kaum. Bei den Damen sind Manager weniger beliebt.

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Flankiert von zwei gläsernen Kandelabern, führt ein roter Teppich ein paar Stufen hinauf zu einem weiß getünchten Haus. Der livrierte Türsteher versteht die Kunst, alles zu erfassen und zugleich Luft zu sein unter seiner roten Uniformmütze, während die Gäste, fast ausschließlich Herren in teuren Anzügen, durch den Eingang eilen.

Passanten mögen das akkurat gepflegte Haus im Hamburger Stadtteil St. Georg für ein kleines, aber teures Hotel halten. Und gewissermaßen ist es das auch. Ein Zimmer im "Relax" kostet 250 Euro - pro Stunde. Dafür gibt es Kamin und Whirlpool auf dem Zimmer. Und diese Annehmlichkeiten muss niemand ganz allein genießen. Denn ganz oben auf dem Angebot des Zimmerservice steht hier käuflicher Sex. Und bezahlt wird zumeist mit der Firmenkreditkarte.

Sex auf Firmenkosten. Eine Provision in der Horizontalen für den guten Geschäftspartner. Ein Bonbon für die umsatzstärksten Verkäufer. Die öffentliche Empörung ist groß, wenn solche Praktiken ans Licht kommen. Eine spätrömische Orgie in einem Budapester Badehaus kratzte in diesem Sommer am Saubermann-Image der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer.

Nach Ergo trifft es Wüstenrot

In dieser Woche traf es Wüstenrot. Die Bausparkasse soll Vertreter, die ihren Kunden besonders viele Policen verkauft hatten, zur Belohnung in ein Flugzeug nach Brasilien gesetzt haben. Und dort vom Flughafen Rio in einen Bus zum nächsten Puff. Auch Bereichsleiter und Direktoren, berichteten Teilnehmer später, hätten sich das Gruppenerlebnis nicht entgehen lassen.

Von derlei Fehltritten auf der Führungsebene distanziert sich die Abteilung Konzernkommunikation eines Unternehmens immer sofort. "Uns ist die Botschaft wichtig, dass wir diese Ausschweifungen in keiner Weise irgendwie organisiert oder unterstützt haben", beschwor erwartungsgemäß ein Wüstenrot-Sprecher, nachdem der Abstecher an die Copacabana bekannt geworden war.

Prostitution auf Konzernkosten, so etwas gibt es im 21. Jahrhundert natürlich in keiner seriösen deutschen Firma mehr. Offiziell. Doch wenn das wirklich so wäre, müssten in deutschen Städten viele gut laufende Etablissements ihre Türen schließen.

Hotel Relax – beliebt bei Geschäftsleuten

"80 bis 85 Prozent der Kunden sind Geschäftsleute", sagt Nadine Greve, die als Mitarbeiterin des "Relax" sehr direkt erlebte, was offenbar nicht wenige Manager so machen, wenn sie mit Kollegen zum geselligen Teil des Abends übergehen. Das Edelbordell ist eine der bekanntesten Anlaufstationen in Norddeutschland für Firmenfeiern im intimen Kreis. Häufig seien es Gruppen von fünf, sechs Herren, die gemeinsam den Klub beträten. "Einer zückt dann die Kreditkarte und sagt: Das geht heute alles auf mich", berichtet die 36-Jährige aus ihrer aktiven Zeit im "Relax".

Alles, das heißt erst einmal ein bisschen Stangentanz schauen bei einer Flasche Schampus für 500 Euro und einer schönen Havanna. Dann gesellen sich Damen im knappen Kostüm dazu, und bald darauf geht's ab auf die Zimmer. "So ein Abend mit fünf Personen kann dann schon mal 10.000 Euro kosten", sagt Greve. Firmenkunden kämen aus den verschiedensten Branchen: "Banken, Mineralölindustrie - alles dabei." Und für den Fall, dass die Gäste nach dem Gelage Lippenstiftspuren aufweisen, hält das Bordell stets Oberhemden in den gängigen Konfektionsgrößen parat.

An drei Tagen im Herbst befindet sich Hamburgs horizontales Gewerbe alljährlich regelrecht im Ausnahmezustand. Nämlich immer dann, wenn sich die Schifffahrtsbranche zum traditionellen Eisbeinessen in der Hansestadt trifft. Ein gediegenes Festmahl, das nicht nur ein Jour fixe ist für mehr als 5000 Reeder, Schiffsmakler und Agenten aus der ganzen Welt.

Verstärkung aus anderen Bundesländern

Es ist auch fürs Rotlichtgewerbe jedes Mal ein Fest, worauf sich das Milieu genauso vorbereitet wie die Polizei auf eine Großveranstaltung: Es werden rechtzeitig Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern angefordert. "Statt 25 arbeiten dann 50 Frauen, und es reicht immer noch nicht", berichtet Greve. "Dann ist der Laden gerammelt voll."

Das gilt auch für die Bars und Klubs an der Großen Freiheit, der Hauptamüsiermeile in St. Pauli. "Das Eisbeinessen, Messen, Ärztekongresse - ohne diese Veranstaltungen könnten wir gar nicht überleben", sagt Heinz Ritsch, der mit seiner Frau Susi seit 30 Jahren "Susis Show Bar" betreibt: "Dann ist unsere Bar immer voll von Stammgästen." In dem lang gezogenen, in rotem Plüsch gehaltenen Etablissement - Werbeslogan: "Das Schärfste, was Hamburg zu bieten hat" - kümmern sich bis zu 30 Mitarbeiterinnen um das Wohl der Gäste.

Auf einer Drehbühne, die einst die erste ihrer Art in Deutschland war, entblättern sich Tänzerinnen zur Musik. Animierdamen gehen an den Tischen zu den Gästen auf Tuchfühlung und lassen sich gern auf einen Piccolo für bis zu 129 Euro einladen. Gegen eine Bonuszahlung gibt es auch einen Privattanz am Tisch. Sexuelle Dienstleistungen werden nicht angeboten.

Viele ziehen nach dem Warm-up bei Susi deshalb weiter, etwa ins nahe Laufhaus. Aktuell kann sich das Ehepaar Ritsch nicht über mangelnden Zuspruch beklagen: "Viele Unternehmen lassen ihre Weihnachtsfeiern bei uns stimmungsvoll ausklingen", sagt Ritsch. "Für morgen hat sich zum Beispiel eine Steuerberatungsfirma angemeldet."

Gutes Geschäft während Messen

Im "Dollhouse", einige Meter die Freiheit runter, trifft ebenfalls regelmäßig Business auf Barbusiges. "Wenn große Messen in der Stadt stattfinden, buchen Geschäftsleute häufiger mal einen Tisch bei uns", sagt Büroleiter Christian Fong, der solche Belustigungen gerne als "geistigen Ausklang eines stressigen Tages" bezeichnet.

Gleich am Eingang werden die Gäste mit sogenannten Dollhouse-Dollars versorgt: Spielgeld, das sie im Verlauf des Abends auf eine Weise an spärlich bekleidete Tänzerinnen übergeben werden, an die man sie beim nächsten Geschäftsmeeting besser nicht erinnern sollte. Sie lassen sich eine Magnumflasche Champagner für 322 Euro kommen und ordern dazu die eine oder andere Tänzerin, die hier "Dolls" genannt werden und für 30 Euro einen erotischen Tanz für die Herrenrunden aufführen.

"Boys" sind auch buchbar, doch ihre Tanzdarbietungen sind eher bei Junggesellinnen-Abschiedsgesellschaften gefragt. Managerinnen schlagen im "Dollhouse" bislang eher selten über die Stränge. Unter männlichen Geschäftspartnern sei es hingegen recht verbreitet, so der Eindruck Fongs, dass Geschäfte noch bei spärlicher Beleuchtung begossen werden.

Männer, die am Tage hart über die Konditionen für irgendeinen Großauftrag verhandelt haben, stecken sich dann nach ein paar Gläsern einen Papierdollar zwischen die Zähne und schieben ihn unters Slipband einer unechten Blondine. "Das ist dann der Kick", sagt Fong. Weitergehender Service wird im "Dollhouse" nicht angeboten, doch in den umliegenden Häusern bietet sich reichlich Gelegenheit.

Trotz der goldenen Kreditkarten aber sind die Spesenritter bei den Damen des Gewerbes nicht sonderlich beliebt. Das Benehmen der Manager, so die Erfahrungen von Nadine Greve, die sie nach ihrem Ausstieg in ihrem Buch "Hinter den Kulissen - Eine Ex-Hure packt aus" niederschrieb, sei in der Regel weniger fein als die Anzüge. Gerade die Männer mit Führungsanspruch respektierten häufig nicht, dass auch bezahlte Liebesdienerinnen nicht zu allen Praktiken bereit seien. "Die Faustregel", sagt Greve, "lautet: je besser der Anzug, desto übler das Benehmen."