Wüstenrot-Affäre

200.000-Euro-Bordelltrip für die Verkaufskanonen

"Wünsche werden Wüstenrot" – weil Mitarbeiter beim Firmentrip mit Prostituierten erwischt wurden, droht ihnen der Rausschmiss. Die Branche reagiert bestürzt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Ausgerechnet die besten Mitarbeiter haben der Bausparkasse Wüstenrot einen schlüpfrigen Skandal eingebrockt: Bei einer 200.000 Euro teuren Belohnungsreise nach Brasilien soll ein Teil der 51-köpfigen Gruppe im Puff gelandet sein. Für das Image des Unternehmens – bekannt für so konservative Produkte wie Bausparen und Lebensversicherungen – ist das kurz vor den Festtagen alles andere als eine frohe Botschaft.

Doch die Affäre ist nicht nur ein Problem des Konzerns. Denn in diesem Jahr fliegt damit schon die zweite Puff-Affäre in der Versicherungsbranche auf. Damit steht das Image einer ganzen Branche auf dem Spiel.

Ergo – Verhaltenskodex für selbstständige Vertreter

Im Frühjahr hatten Ausschweifungen bei einer Lustreise des zur Münchener Rück gehörenden Versicherers Ergo nach Budapest für Schlagzeilen gesorgt . Ergo hatte als Konsequenz aus dem Skandal einen Verhaltenskodex für selbstständige Vertreter erlassen, mit dem die Vertriebskräfte an eine kürzere Leine gelegt werden sollten.

Auch wenn sich die Konkurrenten nicht direkt zu den Vorgängen bei Wüstenrot äußern wollen, so ist der Unmut groß: „Wir wurden schon nach dem Ergo-Skandal schief angesehen. Ich habe langsam Angst, dass uns keiner mehr die Tür aufmacht“, sagt ein Versicherungs-Vertreter„Morgenpost Online“.

Der Verband der Privaten Bausparkassen sieht das Image der Branche durch den Vorfall allerdings nicht bedroht: „Das zitierte Ereignis gehörte nicht zum Reiseprogramm des Unternehmens“, sagte ein Sprecher. „Einen Imageschaden für die Branche befürchten wir nicht".

Denn die Menschen sind klug genug zu unterscheiden: Was können Unternehmen wirklich steuern und was nicht?“ Wichtig sei dem Verband, dass es in den Firmen klare Verhaltensregeln gebe, die auch durchgesetzt würden. „Das ist hier der Fall“, meinte der Sprecher. Es sei aber lebensfremd anzunehmen, dass Verhaltensregeln allein eine tadellose Moral garantierten.

"Solche Vorfälle sind nicht die Norm"

Weniger optimistisch ist da der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (gdv). Es bestehe durchaus die Gefahr, dass die Kunden nicht genau unterscheiden würden. „Wir legen großen Wert darauf zu betonen, dass solche Vorfälle nicht die Norm sind“, sagte eine gdv-Sprecherin.

Wüstenrot bestätigte am Montag einen Bericht aus dem „Handelsblatt“, wonach die Bausparkasse Ende April 2010 eine Tour nach Rio de Janeiro bezahlte – als „Förderung und Honorierung besonders hervorragender Leistungen“, wie sie es selber formulierte. Ohne Frage sei dabei offensichtlich gegen den Verhaltenskodex verstoßen worden – Wüstenrot beteuert aber, dass es sich um individuelle Verfehlungen handele.

Die zweitgrößte deutsche Bausparkasse hatte rund 50 freie Handelsvertreter, die Wüstenrot-Produkte vertreiben, wegen guter Leistungen zu einer knapp einwöchigen Reise nach Rio de Janeiro eingeladen.

Im Anschluss an eine von Wüstenrot organisierte Bustour durch die Stadt seien bis zu zwei Dutzend Teilnehmer auf eigene Faust in einer Bar abgestiegen und hätten dort mit Prostituierten Kontakt aufgenommen, hieß es in Unternehmenskreisen unter Verweis auf eidesstattliche Versicherungen, die von mehr als 40 Teilnehmern der Reise vorlägen. Einige Reiseteilnehmer hätten sich nicht an der Aufklärung der Details beteiligt.

"Wir nehmen die Sache sehr ernst"

Auf dem offiziellen Reiseprogramm hätten keine Veranstaltungen gestanden, die nicht mit dem Verhaltenskodex vereinbar seien, teilte die Bausparkasse mit, die zum Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische (W&W) gehört. „Wir nehmen die Sache allerdings sehr ernst“, sagte Bausparkassen-Vorstand Bernd Hertweck in Stuttgart.

Auch in der Freizeit sollten Mitarbeiter keine Aktivitäten unternehmen, die für das Unternehmen „unvorteilhaft“ sein oder der Reputation schaden könnten.

Die Bausparkasse will nun klare Konsequenzen ziehen. „Eindeutige Ausschweifungen verstoßen selbstverständlich gegen unsere Verhaltensrichtlinien“, sagte Hertweck. „In diesen Fällen werden wir, wenn es angemessen und rechtlich möglich ist, personelle Konsequenzen ziehen.“ Zumindest würden aber disziplinarische Maßnahmen ergriffen.

Sytem auf dem Prüfstand

Das gesamte System der sogenannten Incentive („Anerkennungs“)-Reisen sei bereits auf den Prüfstand gestellt worden. Ab kommendem Jahr werde es keine Reisen mehr außerhalb Deutschlands geben. Grundsätzlich seien Reisen aber eine „erfolgreiche Form der Anerkennung, die in vielen Vertrieben als etabliertes Instrument genutzt werden“, teilte Wüstenrot mit.

Wegen des umstrittenen Bar-Besuchs könne Wüstenrot aber wohl keine Kündigungen aussprechen, da diese voraussichtlich arbeitsrechtlich keinen Bestand hätten, verlautete aus Unternehmenskreisen.

In der Branche sind Incentive-Reisen mit attraktiven Zielen im Ausland nach wie vor weit verbreitet. So lud die Allianz Deutschland ihre Vertreter in diesem Jahr unter anderem nach Rhodos und Mallorca ein, aber auch Frankfurt und Berlin waren Ziele der Belohnungsreisen.

Auch die erfolgreichsten Vermittler der Gothaer durften sich über eine Einladung nach Singapur und Edinburgh freuen – allerdings lädt die Gothaer stets die Partner und Ehepartner mit ein, was Ausschweifungen à la Ergo oder Wüstenrot erschwert. Gut möglich, dass die Branche nach dem erneuten Sex-Skandal die Motivationsreisen überdenkt.