VDA-Chef

"Durstige SUVs – das war einmal!"

Benzin- und Dieselpreise klettern 2011 auf Rekordniveau. Gegen hohe Kosten empfiehlt der VDA-Präsident das Umsteigen auf sparsame Autos.

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Morgenpost Online: Herr Wissmann, für die deutschen Automobilhersteller war 2011 ein Rekordjahr. Für die Kunden ebenfalls, noch nie kam sie ihr Auto so teuer: Benzin, Steuern, … wird Autofahren zum Luxus?

Matthias Wissmann: Einspruch, die Neuwagenpreise sind nahezu stabil geblieben. Der Kunde bekommt heute mehr Auto für sein Geld. Aber die höheren Spritpreise machen das Autofahren teurer. Laut Statistischem Bundesamt sind die Kraftstoffkosten in diesem Jahr um zwölf Prozent gestiegen, auch 2010 ging es schon nach oben. Wir halten dagegen – mit neuen, kraftstoffeffizienten Modellen.

Morgenpost Online: Und was kann ich als Autofahrer gegen die Preistreiberei an der Zapfsäule tun?

Wissmann: Auf ein neues Modell umsteigen. Allein die deutschen Konzernmarken haben heute bereits über 410 Modelle im Angebot mit einem CO 2 -Wert von weniger als 130 Gramm je Kilometer. Gegenüber 2010 hat sich dieses Angebot um die Hälfte erhöht – und innerhalb der letzten drei Jahre sogar verdreifacht! Diese hoch effizienten Autos verbrauchen also deutlich weniger und stoßen auch weniger CO 2 aus. Das schont den Geldbeutel und ist gut für die Umwelt.

Morgenpost Online: Ist sich die deutsche Autoindustrie des Kosten- und Umweltproblems eigentlich wirklich bewusst? Alle fluchen über teuren Sprit, beklagen den Schadstoffausstoß, und die Hersteller lassen neben Corsas, Focus’ und Ups immer mehr dicke, durstige SUVs von Band laufen.

Wissmann: Die nüchternen Zahlen des Kraftfahrtbundesamts zeigen: Die deutschen Konzernmarken haben in allen zehn Segmenten – vom Kleinwagen bis zum Familienvan – im Schnitt niedrigere CO 2 -Werte und damit einen geringeren Verbrauch als die Importeure. Die in Deutschland neu zugelassenen Pkw deutscher Hersteller haben nur noch einen CO 2 -Wert von knapp 144 Gramm pro Kilometer. Das entspricht ca. 5,8 l/100 km. Heute braucht eine Oberklasse-Limousine gerade einmal gut 5 l/100 km. Ein kompakter SUV kommt mit lediglich 4,5 l/100 km aus, ein größerer mit 6 Liter. Das sind Werte, die noch vor wenigen Jahren als völlig unmöglich galten. Durstig – das war einmal! Dieses Innovationstempo ist auch der Grund dafür, dass die deutsche Automobilindustrie derzeit die weltweit einzige ist, die in allen wichtigen Regionen Marktanteile gewinnt.

Morgenpost Online: Die Zukunftsforscher der Autobauer reden davon, dass Autos künftig mehr können sollen, als Menschen und Güter transportieren, sie sollen wie Handys Multifunktionsmaschinen werden. Sind Fahrzeuge, die den Blutdruck messen, sinnvoll oder Schnickschnack?

Wissmann: Neben der Reduzierung des Verbrauchs ist die Multifunktionalität der zweite große Trend im Automobilbau. Die vollständige Vernetzung von Fahrzeugen, Car-IT genannt, wird immer wichtiger. Dabei geht es um die Verbindung von Auto, Online-Information und Entertainment, was auch mehr Komfort bedeuten kann.

Aber noch wichtiger ist die Car-to-Car-Kommunikation, die die Sicherheit auf unseren Straßen erheblich steigern wird. Das ist alles andere als Schnickschnack. So arbeiten wir derzeit mit dem Land Hessen an intelligenten Kommunikationslösungen für Autos. Beispielsweise kann damit ein Wagen, der hinter einer Kuppe plötzlich ein Hindernis auf der Straße „sieht“, die nachfolgenden Fahrzeuge automatisch warnen, damit diese schon frühzeitig bremsen können.

Morgenpost Online: Aber schon jetzt kann man bei manchem Modell angesichts der vielen Knöpfe am Cockpit den Überblick verlieren.

Wissmann: Die Kunst besteht darin, Autos so zu entwickeln, dass sie für alle Generationen gleich bedienerfreundlich ausgestattet sind. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Zahl der älteren Autofahrer steigt. Was das angeht, sind wir gut dabei, aber noch nicht am Ziel.

Morgenpost Online: Noch läuft das Geschäft glänzend, aber muss 2012 nicht mit einem deutlichen Dämpfer gerechnet werden?

Wissmann: Weltweit geht es auch 2012 weiter voran, allerdings mit geringerer Geschwindigkeit. Wir erwarten Wachstum in Nord- und Südamerika, in China, Indien und Russland. In Westeuropa hingegen wird das Geschäft verhaltener verlaufen, vor allem in Südeuropa. Viel hängt davon ab, ob es gelingt, die Lage an den Finanzmärkten zu stabilisieren. Ich sehe keine weltweite Rezession.

Morgenpost Online: Dennoch: Erste Hersteller reden bereits von Krise und Rückgängen: Zulieferer, Lkw-Bauer oder Hersteller wie Opel. Dort gibt es bereits Kurzarbeit. Alarmieren Sie diese Anzeichen nicht?

Wissmann: Nein. In den drei großen Automobilregionen Westeuropa, Nordamerika und China werden im kommenden Jahr jeweils rund 13 Millionen Autos verkauft. Die deutsche Automobilindustrie ist auf jedem dieser Märkte gut vertreten. Damit können unsere Hersteller Ausschläge nach unten auffangen. Wer allerdings nur auf Europa als Absatzmarkt angewiesen ist, wird es 2012 schwerer haben. Unsere Kollegen in Frankreich oder Italien beispielsweise sind nicht so global aufgestellt wie wir.

Morgenpost Online: Beim Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie geht man davon aus, dass eine neue Krise schlimmere Auswirkungen als 2008/9 haben würde, weil diesmal die Finanzpolster der Firmen dünner seien als damals und zweitens Staatshilfen wie die Abwrackprämie aufgrund der angespannten Haushalte wohl kaum möglich ist.

Wissmann: 2008/2009 hatten wir einen Absturz innerhalb weniger Wochen, eine Wiederholung in dieser Art erwartet derzeit niemand. Hinzu kommt: Wir sind flexibler und haben gelernt, mit Instrumenten zum Gegensteuern – wie der Kurzarbeit – noch besser umzugehen.

Morgenpost Online: Wäre es angesichts der warnenden Anzeichen nicht sinnvoll, die Krisenbekämpfungsprogramme schon jetzt zu aktivieren, um gewappnet zu sein?

Wissmann: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat jüngst gesagt: Sollte sich die Situation zuspitzen, wird es kein Zögern geben, diese Instrumente einzusetzen. Diese Zusage genügt uns.

Morgenpost Online: Was sind denn die großen Herausforderungen für 2012, von der Euro- und Schuldenkrise ganz abgesehen: eine gewisse Sättigung, hohe Rohstoffpreise, der Fachkräftemangel?

Wissmann: Wir müssen die Marktanteile, die die deutsche Automobilindustrie weltweit hinzugewonnen hat, halten und weiter ausbauen – in den USA, in China, in Südamerika. Wenn es uns dies gelingt, allen Schwankungen zum Trotz, dann ist die Messe gelesen …

Morgenpost Online: … wenn sich die Euro-Krise nicht doch noch verschärft. Glauben Sie dass der Gipfel in Brüssel den Durchbruch gebracht hat?

Wissmann: Eine EU der zwei Geschwindigkeiten hat sich bereits seit längerem abgezeichnet. Die EU hat 27 Mitgliedstaaten, nicht alle können sich im selben Tempo bewegen. Irgendwann musste es eine Wasserscheide geben und einen Kern jener Staaten, die gemeinsam vorangehen. Wir erwarten jetzt keine neuen Reden oder Resolutionen, sondern dass klare Stabilitätsregeln aufgestellt und eisern eingehalten werden.

Morgenpost Online: Hört sich leicht an, aber was müssen die Regierungen jetzt als erstes anpacken?

Wissmann: Hochverschuldete Länder müssen mit eisernem Besen ihre Haushaltsdefizite auskehren. Wir brauchen bis März ein verlässliches Vertragsregime, was die Finanzen der Länder angeht, mit konkreten Sanktionen, wenn gegen Verschuldungsregeln verstoßen wird.

Morgenpost Online: Würgt eisernes Sparen nicht am Ende die Konjunktur ab?

Wissmann: Kurzfristig ist mit einem bremsenden Effekt zu rechnen, aber langfristig kann es nur eine Gesundung geben, wenn eine solide Finanzpolitik durchgesetzt wird. Die Automobilhersteller sind bereit, diese kurzfristigen Nachteile in Kauf zu nehmen, damit wir in Zukunft stabile Märkte vorfinden.

Morgenpost Online: Geht es mit dieser Gesundung nicht doch schneller voran, wenn Wackelkandidaten wie Griechenland aus der Eurozone ausscheiden?

Wissmann: Die Frage stellt sich so nicht. Jetzt geht es darum, das Finanzsystem der EU nachhaltig zu stabilisieren. Wir können jetzt weder kleine noch große Schocks gebrauchen. Es gibt an den Finanzmärkten genügend Spieler, die auf weitere Schwankungen wetten.

Morgenpost Online: Die Unternehmen stellen sich aber offenbar auf ein Europa ohne Euro bzw. mit einer geschrumpften Eurozone ein. Wirtschaftsprüfungsagenturen sagen, dass immer mehr Unternehmen entsprechende Szenarien durchrechnen lassen. Glaubt die Branche noch an den Euro?

Wissmann: Die deutsche Automobilindustrie hat sich – auch aufgrund ihrer Exportstärke – stets für den Euro ausgesprochen. Der Euro muss bleiben, er sorgt für einen großen Binnenmarkt, und damit für Wachstum und Beschäftigung auch hier bei uns. Gerade wir Deutschen wollen, dass dieses System erhalten bleibt.

Morgenpost Online: Gehen wir davon aus, die Krise eskaliert nicht weiter: Welche Absatzzahlen erwarten Sie kommendes Jahr in Europa?

Wissmann: In der EU 27 etwa 13,2 Mio. Pkw, also das Niveau dieses Jahres. In Südeuropa werden die Zahlen etwas runtergehen, in den neuen Beitrittsländern steigen.

Morgenpost Online: Mal ehrlich: Weltweit stehen die deutschen Hersteller doch nur so gut da, weil China wie ein Schwamm Autos aufsaugt. Aber wie lange kann die Volksrepublik noch die Lokomotive der Autokonjunktur sein?

Wissmann: China wird nicht mehr in demselben Tempo zulegen können, wie in den vergangenen Jahren, als das Wachstum deutlich zweistellig war. Aber es wird auch 2012 weiter voran gehen, wir rechnen mit einem Plus von 8 Prozent. Derzeit kommen in der Volksrepublik auf 1.000 Einwohner lediglich 30 Autos, dabei wird es nicht bleiben. Da ist noch erhebliches Potenzial.

Morgenpost Online: Gibt es nicht Anlass, die Chinesen langsam zu fürchten – derzeit kaufen die in Deutschland alles, was im Angebot ist. Chinesischen Firmen bieten derzeit allein für 30 deutsche Zulieferer.

Wissmann: Wir können doch nicht erwarten, dass nur wir in China erfolgreich Geschäfte machen können, das Ganze aber umgekehrt nicht möglich sein soll. Ich rechne damit, dass die Chinesen in fünf bis zehn Jahren in der Lage sein werden, ihre Autos auch nach Europa zu exportieren. Sich heute davor zu fürchten, wäre die falsche Reaktion. Wir müssen den Wettbewerb annehmen, die Kosten im Griff behalten und so innovativ bleiben wie bislang – dann besteht kein Anlass, sich Sorgen zu machen.

Morgenpost Online: Und dann gibt es ja noch die im Automobilbau immer erfolgreicheren Koreaner – sind Sie eigentlich schon mal den i30 von Hyundai Probe gefahren?

Wissmann: Ich kenne den Kompaktwagen i30, aber gefahren … nein, habe ich ihn bislang nicht.

Morgenpost Online: Sie kennen das legendäre Video, als VW-Chef Martin Winterkorn auf der IAA fassungslos die Qualität des Hyundais inspiziert?

Wissmann: (lacht) Natürlich.

Morgenpost Online: Und: Ist das ein Beweis, dass uns die Koreaner davonfahren?

Wissmann: Nein, das zeigt vor allem Eines: Die Chefs deutscher Automobilkonzerne sind leidenschaftliche Ingenieure, die ganz genau hinschauen, was die Konkurrenz so treibt.