Skandal bei Versicherer

Ergo baut Vertrieb nach Lustreisen-Affäre um

Die Ergo-Versicherung zieht Konsequenzen aus dem Skandal. Der in Verruf geratene Strukturvertrieb HMI wird umgebaut. Dabei müssen drei "Altgeneräle" gehen.

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Torsten Oletzky hatte die Journalisten auf Distanz gehalten. Im Rahmen einer Telefonkonferenz verkündete der Ergo-Chef, welche Konsequenzen der Düsseldorfer Versicherer aus dem an Affären reichen Jahr 2011 ziehen will. Seine Anspannung konnte er dennoch nicht verbergen. Dass er seine steifen Begrüßungssätze akribisch vom Blatt ablas, war auch durch den Telefonhörer deutlich zu hören.

Die Aufregung kam nicht von ungefähr – viel Prügel hat der Versicherer für Orgien seiner Vertreter oder fragwürdige Beratungspraktiken bezogen, mehrfach wurde Oletzky in den Medien schon abgeschrieben.

Nun aber konnte er erstmals zeigen, dass er durchgreifen will – zumindest an manchen Stellen. Der Versicherer sieht zwar keine systematischen Verfehlungen in seinen Vertriebsorganisationen, zieht aber dennoch weitreichende Konsequenzen. Der durch eine Lustreise nach Budapest in Verruf geratene Strukturvertrieb HMI wird zwar nicht geschlossen , aber radikal umgebaut. So will die Zentrale mehr Kontrolle über die Vertriebsorganisation erlangen, die von selbstständigen Vertretern geprägt wird. „Um sicherzustellen, dass deren Freiheit nicht missbraucht wird, braucht es mehr zentrale Vorgaben“, sagte Ergo-Vorstand Rolf Wiswesser.

Der Versicherer hatte mit mehreren Affären Schlagzeilen gemacht. Zu den Eskapaden in Budapest kamen unter anderem fehlerhafte Riesterverträge und scharf kritisierte Beratungspraktiken, etwa bei der betrieblichen Altersvorsorge. Zusammen mit dem Mutterkonzern Munich Re und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC hat Ergo die Vorgänge monatelang untersucht.

Es gebe keine Hinweise für systematisches Fehlverhalten, resümierte Oletzky. „Fehler passieren aber, sowohl bei uns als auch bei anderen Unternehmen.“ Die Ergo-Führung bemühte sich aufzuzeigen, dass es allenfalls um wenige Fälle individueller Verfehlungen handle.

Änderungen beim HMI-Strukturvertrieb

Grundlegende Konsequenzen zieht man allerdings nur beim Strukturvertrieb HMI. So werden Belohnungsreisen für die Vertreter künftig ausschließlich von der Zentrale organisiert, um ähnliche Eskapaden wie in Budapest zu verhindern. Außerdem reagiert Ergo auf den Vorwurf, dass die HMI-Organisation nur verkaufsgetrieben sei und schlecht berate: Die drei so genannten Altgeneräle, die als selbstständige Unternehmer die HMI praktisch führten, scheiden aus. Stattdessen werden die Vermittler enger an die Konzernzentrale angebunden. Das Ausscheiden der Altgeneräle habe aber, so betonte Oletzky, nichts mit der Budapest-Reise zu tun – an dieser hätten auch nicht alle drei Herren teilgenommen.

Kritiker bezweifeln allerdings, das ein Strukturvertrieb, bei dem Altvertreter grundsätzlich an den Provisionen ihrer Untergebenen mitverdienen, überhaupt für eine seriöse Beratung zu gebrauchen ist. Dieses Image zeichnete Wiswesser allerdings als „Relikt der Vergangenheit“.

Die Ergo habe überlegt, HMI zu schließen, diesen Gedanken aber verworfen – was allerdings nicht an einer überragenden Bedeutung liege: Der Strukturvertrieb trägt Oletzky nur etwa fünf Prozent zum Ergo-Neugeschäft bei. Die 9600 HMI-Vermittler sollen allerdings künftig unter neuem Namen firmieren.

Ergo will bei Fehlberatungen die Verträge umstellen

Auch in anderen Bereichen will der Versicherer Missstände beseitigen. Kritisiert worden war unter anderem, dass Arbeitnehmern Einzelverträge für die betriebliche Altersvorsorge verkauft wurden , obwohl es für ihren Arbeitgeber Kollektivverträge mit günstigeren Konditionen gab. Laut Ergo sei dies aber nur in 330 von 77600 Unternehmen der Fall gewesen – diese Firmen würden nun wegen der potenziellen Fehlberatung kontaktiert.

Falls sich die Zweifel dabei nicht ausräumen ließen, werde Ergo die Verträge umstellen. Bei den ebenfalls kritisierten Provisionen an Entscheidungsträger identifizierte PwC dagegen immerhin drei Fälle, bei denen strafbare Handlungen vorliegen könnten – die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet. Um ähnliche Probleme zu vermeiden, beschloss der Vorstand ein Verbot von Provisionszahlungen an Entscheidungsträger in und an deren Angehörige.