Kürzere Lieferzeiten

Autohersteller leiden unter der Krisenangst

Wenn sich die Lieferzeiten für Autos verkürzen, ist das ein Anzeichen für eine sinkende Nachfrage. Was Kunden freut, macht Herstellern Sorgen.

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Deutschlands Autofahrer können aufatmen, das endlose Warten hat ein Ende. Die Lieferzeiten für Neuwagen gehen weiter zurück, im November sind sie im Vergleich zum Vormonat sogar deutlich geschrumpft.

Nach Berechnungen des Centers Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen, die „Morgenpost Online“ vorliegen, mussten Autokäufer in diesem Monat durchschnittlich 3,3 Monate warten, bis sie ihren Neuwagen bekommen. Im Oktober waren es noch 3,6 Monate.

Vor allem die Importeure, also die Hersteller ausländischer Marken , liefern nun spürbar schneller. Lag bei ihnen die Wartefrist im Oktober noch bei 3,5 Monaten, waren es im vergangenen Monat nur noch 2,7 Monate. Für die Käufer ist das gut, doch was die Industrie angeht, ist der Trend alarmierend.

Zeichen für einen Abschwung

Denn wenn man den Kunden schneller beliefern kann, ohne dass unmittelbar zuvor die Kapazitäten signifikant aufgestockt wurden, zeigt dies, dass der Automarkt schwächer ist als angenommen und die Nachfrage zurückgeht – nach den Herstellern von Nutzfahrzeugen bekommen nun also auch die deutschen Pkw-Bauer mehr als nur erste Anzeichen eines Abschwung zu spüren.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat erstmals mit klaren Worten darauf hingewiesen, dass die Autoindustrie im kommenden Jahr zumindest auf ein Ende des Booms zusteuern werde. Volkswagen bereite sich „auf alle möglichen Situationen sorgfältig vor“, sagte der Vorstandsvorsitzende bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg.

Fast alle Konjunkturprognosen gingen derzeit von einer deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft aus, erklärte der VW-Chef. Deshalb seien eine konservative Planung und weiterhin hohe Disziplin bei Kosten und Investitionen nötig.

Beim koreanischen Hersteller Hyundai, weltweit ähnlich erfolgreich wie Volkswagen, zieht man bereits für den Herbst ein ernüchterndes Fazit: „Wir spüren im November auf dem deutschen Markt eine deutliche Kaufzurückhaltung. Das steile Wachstum der Monate zuvor ist vorbei“, sagte Werner Frey, Chef von Hyundai Deutschland, „Morgenpost Online“.

Die Koreaner hatten in Deutschland im ersten Halbjahr gut ein Viertel mehr Pkw-Neuzulassungen erzielt als im Vorjahreszeitraum. „Was wir derzeit erleben, sind deutliche Krisenzeichen. Zu den sinkenden Lieferzeiten gesellen sich steigenden Zahlen von Rabattaktionen. Beides sind Indikatoren für eine deutliche Nachfrageschwäche“, so CAR-Chef Ferdinand Dudenhöffer.

Die Zulassungszahlen, die das Kraftfahrtbundesamt (KBA) veröffentlicht, sprechen zwar eine andere Sprache. Ein Plus von drei Prozent bei den Neuzulassungen hatte das KBA zuletzt gemeldet. Demnach wäre der deutsche Automarkt weiterhin in guter Verfassung. „Dieser Zuwachs spiegelt aber lediglich die Marktverhältnisse der Vergangenheit“, sagt CAR-Chef Dudenhöffer. „Die Zulassungszahlen reflektieren die Neuwagen-Auftragseingänge vor gut drei Monaten. Den besten Einblick in die Verfassung des Marktes geben die Wartezeiten.“ Grundlage für die Daten des CAR ist eine repräsentative Umfrage bei einem Internetvermittler, dem rund 500 Händler angeschlossen sind.

Noch werden viele Fahrzeuge ausgeliefert

Derweil haben ungeachtet ihrer warnenden Stimmen weder Hyundai und schon gar nicht Volkswagen akuten Anlass, über die momentane Situation zu klagen. Die Wolfsburger hatten von Januar bis Oktober 6,8 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert und damit knapp 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch der November sei ein „sehr ordentlicher Monat“ gewesen, sagte Vorstandschef Winterkorn. Im Gesamtjahr werde der Konzern mehr als acht Millionen Autos vom Band rollen lassen.

Volkswagen samt seiner Konzerntochter Audi ist denn auch der einzige große Autobauer hierzulande, der aufgrund seiner weiterhin hohen Auslastung keine rückläufigen Lieferzeiten zu verzeichnen hat. Wer im November ein Auto der Marke Volkswagen geliefert bekam, hatte darauf im Durchschnitt 5,1 Monate gewartet und damit sogar noch etwas länger als im Oktober.

Bis man einen Audi in Empfang nehmen konnte, muss man sich 4,3 Monate gedulden, nach 4,1 Monaten im Oktober. Der VW-Konzern hat damit derzeit die längsten Lieferzeiten in Deutschland. Auf einen Tiguan muss man mit einer Wartefrist von rund einem Jahr rechnen.

Importeure sind noch zuversichtlich

Auf ein Modell von Ford musste man zuletzt unverändert zweieinhalb Monate warten, auf einen Mercedes knapp drei Monate und damit nur unwesentlich kürzer als im Oktober. Zur Berechnung der Wartezeiten nimmt CAR den Durchschnittswert für alle Marken eines Herstellers und gewichtet sie nach dem jeweiligen Marktanteil.

Wesentlich rascher geht es bei vielen Marken ausländischer Hersteller. Spitzenreiter ist Alfa Romeo mit einer Lieferzeit von 1,2 Monaten, vergleichsweise schnell liefern auch die VW-Töchter Seat (2,0 Monate) und Skoda (2,2 Monate). Alfa ist die Marke, die am deutlichsten ihre Lieferzeit gedrückt hat, im Oktober hatte man noch 3,6 Monaten warten müssen. Es folgt Suzuki mit einer Frist von 2,7 Monaten im November nach 5,1 Monaten im Vormonat.

Trotz dieser Entwicklung malen die Importeure nicht schwarz, der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller geht davon aus, dass nach dem Boom 2011 im kommenden Jahr noch ein „leichtes Plus“ bei den Pkw-Neuzulassungen möglich sei. Deutsche Hersteller hatten zuletzt mit einer Stagnation gerechnet.