Wutbriefe sind das Alltagselixier im Arbeitsleben des André Elmi. Elmi kümmert sich bei Vattenfall um Vorstandsbeschwerden. Das sind Schreiben, die an den Chef von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka, adressiert sind oder sogar an den Chef des schwedischen Mutterkonzerns, Øystein Løseth. Mal wird über die Atomkraft gemosert und besonders häufig über hohe Strompreise. Brief dieser Art wird Elmi demnächst wahrscheinlich wieder mehr bekommen. Denn Vattenfall will den Kilowattstundenpreis um knapp zwei Cent erhöhen. Eine Familie mit 4000 Kilowattstunden Verbrauch im Jahr müsste damit rechnen, dass ihre Stromrechnung im Tarif „Berlin Easy“ von 926 auf knapp über 1000 Euro steigt.
Entscheidung am 6.Dezember
Über die Briefschreier sagt Elmi: „Oft sind es Leute, die dem Chef mal ihre Meinung sagen wollen.“ Er arbeitet seit 25 Jahren im Unternehmen. Erst bei der Bewag, seit 2007 bei Vattenfall. An diesem Novembermittwoch hat Elmi selber eine Beschwerde vorzutragen. Er hat sich in eine Plastikweste von Ver.di gezwängt und mit rund 100 Kollegen vor dem Haus des Kundenservice an der Sellerstraße zur Mahnwache Stellung bezogen.
Es brodelt wieder beim Energieversorger Vattenfall mit seinen rund 5000 Mitarbeitern in der Hauptstadt – und ganz besonders bei den 500 Angestellten des Kundenservice und ihren 400 Kollegen in Hamburg. Am 6.Dezember wird der Vorstand des schwedischen Mutterkonzerns in Stockholm darüber entscheiden, wie mit den Mitarbeitern verfahren wird. Es gibt Planspiele, die der Belegschaft allesamt nicht schmecken.
Die Kundenservice GmbH könnte an einen Callcenter-Betreiber ausgegliedert werden. Ein anderes Planspiel sieht die Einrichtung eines firmeneigenen zentralen Service-Zentrums für Berlin und Hamburg vor – möglicherweise außerhalb beider Städte. Bei einer solchen Lösung, würden viele auf einen Umzug verzichten, so das Kalkül von Vattenfall. Solche Pläne sorgen für Aufregung.
Nun rollt bei Vattenfall die Protestwelle an. Die Mahnwache am Mittwoch war der Auftakt. Am 5.Dezember, einen Tag, bevor der Vorstand in Stockholm zusammenkommt, werden alle 5000 Mitarbeiter in Berlin zu Protesten aufgerufen. Betriebsräte sehen das Geschehen beim Kundenservice als Vorboten, was auch anderen Bereichen drohen könnte.
Der Konzern will in Deutschland 180 Millionen Euro einsparen und 1500 Mitarbeiter loswerden, die über Altersteilzeit und natürliche Fluktuation aus dem Unternehmen ausscheiden sollen. Zudem sollen in den diversen Tochtergesellschaften ähnlich wie beim Kundenservice Zugeständnisse etwa beim Gehalt gemacht werden. Von diesem Sparprogramm können laut Betriebsrat in Berlin mehr als 3000 Menschen betroffen sein.
Der Anfang wird nun beim Kundenservice gemacht. Vattenfall, so sagen es die Belegschaftsvertreter, hätte den Mitarbeitern die Pistole auf die Brust gesetzt. Entweder es gibt Gehaltsverzicht und Bereitschaft zum Stellenabbau. Andernfalls würde der Kundenservice verkauft. „Und ein neuer Eigentümer, ein Callcenter-Betreiber etwa, würde natürlich viel niedrigere Gehälter zahlen“, befürchtet Kundenservice-Betriebsrat Volker Schmidt.
Die Unternehmensspitze erwarte „belastbare Angebote“ für eine Gehaltsabsenkung. Andernfalls würde ausgegliedert oder ein neues Kundenzentrum außerhalb von Berlin errichtet. Die Betriebsräte fühlen sich erpresst – und sagen, dass sie gesprächs- und handlungsbereit seien. „Wir würden uns grundsätzlich Verhandlungen über einen Personalabbau nicht verschließen“, sagt Schmidt.
Gesprächsbereitschaft signalisiert auch das Unternehmen. „Wir reden seit vielen Monaten über die Situation beim Kundenservice – und wir sind weiterhin verhandlungsbereit“, sagt ein Unternehmenssprecher. Das Unternehmen bemängelt fehlende ehrliche Gesprächsbereitschaft aufseiten der Belegschaftsvertreter.
Üppige Verträge aus Bewag-Zeiten
Die Pläne für einen Verkauf des Kundenservice sind schon weit gediehen. Es gebe mehrere Interessenten, heißt es bei Vattenfall. Zudem ginge es um zweierlei: Zum einen müssten die Kosten reduziert werden und die Qualität des Kundenservice, wo pro Tag rund 5000 Anrufe von Kunden eingehen, dringend verbessert werden. „Qualität und Leistung lassen zu wünschen übrig“, heißt es aus dem Haus.
Zudem verweist man auf die branchenunüblich hohe Bezahlung. Nach Darstellung von Vattenfall soll der jährliche Durchschnittsverdienst eines Kundendienstmitarbeiters bei rund 70000 Euro liegen. Solche Zahlen dementiert der Betriebsrat. Allerdings haben 460 der 500 Service-Mitarbeiter gut dotierte Verträge aus Bewag-Zeiten. Die daraus resultierenden Kosten will Vattenfall auf jeden Fall senken; darum geht es auch bei den anderen Tochterunternehmen in Berlin.



