Dänemark

Hippies entdecken die Marktwirtschaft für sich

Die Kommune Christiana soll von ihr besetzte Häuser dem dänischen Staat abkaufen. Weil das Geld fehlt, holt sie sich kapitalistische Hilfe.

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Das mehrstöckige Gebäude sieht nicht gerade einladend aus. Ein dunkler, feuchter Torbogen, in dessen Seitenwand eine schwere Holztür hängt, bildet den Eingang des vergilbten Baus. Die Wände und die Treppe im Inneren sind vollständig mit Graffiti besprüht. Das scheinbar renovierungsbedürftige Haus Loppen und seine nicht weniger heruntergekommenen Nachbargebäude sind Mittelpunkt eines Streits zweier ungleicher Parteien.

Die antikapitalistische Kommune Christiania, die das ehemalige Militärgelände seit Jahrzehnten besetzt hält, möchte die Gebäude auch weiter als ihr Zuhause bezeichnen. Doch seit 2001 träumte die liberal-konservative Regierung Dänemarks von einer lukrativen Renovierung des Quartiers. Schließlich stehen die Gebäude in Kopenhagens bester Lage, dem am Wasser gelegenen Stadtteil Christianshavn. Dort moderne Apartments zu errichten könnte Wohnungsnot lindern und Geld in die Kasse spülen.

Der Staat setzte darauf, dass die Bewohner das Gelände verließen, zum Schluss wurde prozessiert. Umso überraschender war, dass im Sommer plötzlich das Angebot des dänischen Staates kam, die Christianitter könnten ihre Häuser für knapp zehn Millionen Euro kaufen und den umliegenden Grund für jährlich 800.000 Euro mieten. Kein hoher Preis für 34 Hektar in bester Stadtlage, aber auch keine Summe, die die Bewohner aus der Portokasse zahlen könnten.

Um das Geld aufzutreiben, musste die Kommune kreativ werden – und bediente sich ausgerechnet einer Idee, die aus der freien Marktwirtschaft gut bekannt ist: Aktien. Seit knapp zwei Monaten verkaufen die Freistaatler „folkeaktien“ (Volksaktien), vor Kurzem sind sie sogar damit an die Börse gegangen.

Von Hippies auf Abwegen kann aber kaum die Rede sein, denn mehr als den Begriff „Aktie“ hat der Freistaat nicht adaptiert. Bei den Papieren handelt es sich de facto um Spendenbescheinigungen, Eigentumsrechte hat der Erwerber nicht. „Christiania hat nie jemandem, sondern immer allen gehört, und das soll auch so bleiben“, sagt Siedlungssprecher Risenga Manghezi.

Stadtteil hat Fans in ganz Kopenhagen

Zwischen drei und 1300 Euro sind die Aktien wert und damit für jedes Einkommen erschwinglich. „Wir ermöglichen den Menschen mit diesem Projekt, Teil von Christiania zu werden“, sagt Manghezi. Schließlich hat der alternative Stadtteil Fans weit über das eigene Gebiet hinaus.

Nicht nur in Kopenhagen und Dänemark sympathisieren viele mit der Idee der Enklave, in der viele Spielregeln des Geldes außer Kraft gesetzt worden sind. Auch im Ausland gibt es Freunde von Christiania: Der Stadtteil zählt zu einer der größten Touristenattraktionen der Hauptstadt. Tausende von Besuchern buchen Führungen.

Mit dem bisherigen Ergebnis des Volksaktie-Projekts ist Manghezi zufrieden: Es sei „sehr gut angelaufen“, sagt er. Das klingt nach Zweckoptimismus, denn die Bilanz nach dem ersten Monat sieht so gut gar nicht aus. Um wie gefordert bis April 2012 die ersten knapp 5,7 Millionen Euro überweisen zu können, müssten pro Monat 850.000 Euro eingesammelt werden. Doch davon sind die Initiatoren weit entfernt, in den ersten vier Wochen waren die Erlöse ein Drittel niedriger. Falls die Summe nicht zusammenkommt, gebe es einen Plan B, erklärt Manghezi. „Wir wollten uns nicht auf die Hilfe anderer verlassen und werden im Notfall einen Kredit aufnehmen.“

Ein Angebot liege bereits vor. Zu dem Kaufpreis von zehn Millionen Euro kommen jährlich 800.000 Euro Miete für den Außenbereich hinzu, was in etwa dem Doppelten der normalen Ausgaben von Christiania entspricht. Denn trotz des Hangs zu Flower-Power will die Kommune vom Staat wie jeder normale Stadtteil auch mit Wasser und Strom versorgt werden.

Diese Ausgaben begleichen die Bewohner selbst, zudem zahlt jeder Erwachsene pro Monat rund 240 Euro Miete – unabhängig von der Hausgröße – in die Gemeinschaftskasse, Sozialfälle bekommen Rabatt. „Natürlich könnten wir auch mehr selber zahlen und so einen Kredit schultern, aber dann bliebe weniger Geld für Errungenschaften wie die kostenlose Kinderbetreuung, die wir allen anbieten“, so Manghezi.

Christiana ist nicht aus Kopenhagen wegzudenken

Der Freistaat Christiania ist seit seiner Gründung 1971 nicht mehr aus Kopenhagen wegzudenken. Eine Gruppe aus Hippies und Alternativen besetzte damals das Militärgelände und errichtete eine Siedlung. Mitten in Kopenhagen stehen seither in einem von Wasser und Grün dominierten Gelände alte Kasernen und neuere, vielfach selbst gebaute Häuser, die mittlerweile jährlich rund eine Million Touristen aus aller Welt anlocken.

Nicht nur das traditionelle Weihnachtsessen für Bedürftige und das vegane Restaurant „Morgenstedet“ sind bekannt. Berühmt ist die Kommune vor allem für ihren „Green Light District“, einen Abschnitt der Hauptstraße, der von kleinen Buden gesäumt ist und auch „Pusher Street“ genannt wird. Hier wird Haschisch in kleinen und größeren Tütchen verkauft wie anderswo Bonbons.

Marihuana ist in Dänemark zwar illegal, aber im Freistaat kann es problemlos erworben und konsumiert werden. Die wechselnden dänischen Regierungen duldeten das Treiben in ihrer Mitte kommentarlos, verlief doch in der Regel alles friedlich. Erst die konservativ-liberale Koalition, die bis zu diesem Herbst regierte, setzte 2004 ein Verbot des offenen Haschischhandels durch. Mit regelmäßigen Razzien versuchte sie, die Siedler zum Gehen zu bewegen und den Verkauf von Drogen vollständig einzudämmen. Letztlich sollte das ganze Gebiet „normalisiert“ werden, wie es hieß.

Doch Politiker und Polizisten stießen auf Widerstand, denn die Freistaatler meinten, sie hätten durch die langjährige Duldung ein Nutzungsrecht erhalten. Dieses sprach das Oberste Landgericht allerdings im Jahr 2009 der Regierung zu. Christiania legte Berufung ein. Und so stritten sich beide Seiten weiter, bis die Regierung im Sommer plötzlich den Kaufvertrag anbot.

Damit dieser auf jeden Fall zustande kommt, hat die Gemeinde eine weitere Kampagne gestartet. Diesmal soll die internationale PR-Trommel gerührt werden. Ausgangspunkt der Aktion ist die New Yorker Wall Street. Mit einer Roadshow gleich neben den Aktivisten der Occupy-Bewegung wollen die Christianitter weltweit auf ihr „folkeaktien“-Projekt aufmerksam machen.

Künstler und Musiker sollen dabei helfen, das Überleben des Freistaats zu sichern. Bekannte Namen sind bisher zwar keine dabei, aber sicherlich hat der ein oder andere eine Vorliebe für alte Häuser.