MF Global

Wall-Street-Bank wegen Euro-Krise pleite

Die Schuldenkrise in Europa hat mit dem US-Wertpapierhändler MF Global ein namhaftes Opfer an der Wall Street gefordert. Viele fühlen sich an die Pleite von Lehman Brothers erinnert. Doch damit nicht genug: Kundengeld ist verschwunden.

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Die Pleite des weithin unbekannten Wertpapierhändlers MF Global schlägt hohe Wellen an der Wall Street. Die 2900 Mitarbeiter starke Finanzfirma hat sich mit europäischen Staatsanleihen verhoben und gilt damit als das erste größere Opfer der Schuldenkrise. Zu allem Überfluss scheint bei MF Global nicht alles mit rechten Dingen zugangen zu sein.

Die beiden US-Aufsichtsbehörden SEC und CTFC schauen sich „Unregelmäßigkeiten“ an, wie sie am späten Montag (Ortszeit) erklärten. Nach übereinstimmenden US-Medienberichten werden hunderte Millionen Dollar vermisst – Geld, dass den Kunden von MF Global zusteht, und das möglicherweise abgezweigt wurde, um Löcher aus eigenen riskanten Spekulationen zu stopfen.

Nach Informationen der „New York Times“ werden nach letzten Stand annähernd 700 Millionen Dollar vermisst. Allerdings sei es auch denkbar, dass die Bücher schlicht schlampig geführt worden seien, hieß es. Die Untersuchungen dazu stünden noch ganz am Anfang.

MF Global hatte erst am Montagmorgen Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts beantragt, nachdem ein Notverkauf in letzter Minute gescheitert war – an eben jenen Ungereimtheiten, die dem potenziellen Käufer bei Durchsicht der Bücher wohl auffielen.

MF Global ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, aber in der Finanzwelt ein namhafter Spieler. Das Brokerhaus hat etwa für Hedgefonds deren Geschäfte mit Währungen, Derivaten oder Rohstoffen abgewickelt. Dazu hatte MF Global nach eigenen Angaben an mehr als 70 Börsen weltweit seine Händler stationiert. Die Mitarbeiter erhielten nach Bekanntwerden der Pleite oftmals nicht mal mehr Zugang zu den Handelssälen.

Zwar lastete die Schuldenkrise auch auf dem Brokergeschäft, doch zum eigentlichen Problem wurde das Spekulieren auf eigene Rechnung. Der ehemalige Goldman-Sachs-Lenker und Spitzenpolitiker Jon Corzine hatte nach seiner Berufung zum Chef von MF Global im vergangenen Jahr darauf gewettet, dass die Europäer ihre Schuldenkrise rasch in den Griff bekommen und sich mit Anleihen von Spanien, Irland, Portugal oder Italien eingedeckt. Doch die Turbulenzen hielten an. Am Ende verloren die Geschäftspartner das Vertrauen in MF Global – in der Finanzwelt bedeutet dies in der Regel das Todesurteil.

Die vergleichsweise kleine MF Global versuchte sich an einem Geschäft, das selbst für große Investmentbanken ein dicker Brocken gewesen wäre. Das Paket an Staatsanleihen belief sich zuletzt auf 6,3 Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro). Den Ratingagenturen Moody's und Fitch war das zu heiß – sie stuften die Kreditwürdigkeit von MF Global auf Ramschniveau herunter. Die Aktie brach in der vergangenen Woche um 67 Prozent ein.

Die jetzige Pleite erinnert an den Bankrott von Lehman Brothers vor drei Jahren. Sie ist in den Ausmaßen aber nicht vergleichbar: Die 25.000 Mitarbeiter starke Lehman Brothers strich mit 691 Milliarden Dollar an Vermögenswerten in den Büchern die Segel, bei MF Global waren es „nur“ 41 Milliarden Dollar. Die Pleite von MF Global ist nach Daten des Anbieters BankruptcyData.com aber immer noch die achtgrößte einer börsennotierten Firma überhaupt.

Eine Insolvenz bedeutet zwar nicht zwingend das Aus für ein Unternehmen, auch ein Neuanfang oder Teilverkauf ist denkbar. Doch im Falle von MF Global hat sich bereits der US-amerikanische Anleger-Sicherungsfonds SIPC eingeschaltet ein und will das Brokergeschäft abwickeln, damit die Kunden an ihre momentan eingefrorenen Gelder herankommen.

Auch Lehman Brothers war kein Neuanfang vergönnt. Die Investmentbank war im September 2008 unter der Last von Fehlspekulationen auf dem US-Hypothekenmarkt zusammengebrochen und hatte damit um ein Haar die gesamte Finanzwelt mit in den Abgrund gerissen. Überall auf der Welt mussten die Steuerzahler rettend einspringen. Bis heute warten die Gläubiger von Lehman auf ihr Geld.