Kreditklemme

In der Krise gründen Firmen ihre eigene Bank

Viele Firmenchefs wappnen sich für rauere Zeiten. Um nicht von der Kreditbranche abhängig zu sein, eröffnen Konzerne ihre eigene Bank.

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Sie wiegt so viel wie gut 300 Mittelklassewagen zusammen und ist ein Energiebündel. "SGT5-4000F" nennt sich im Siemens-Jargon eine Gasturbine, die zu einem Kraftwerk in Belgien gehört, das eine viertel Million Haushalte mit Strom versorgen kann.

Der Versorger T-Power kaufte das schlüsselfertige Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk für fast eine halbe Milliarde Euro. Bei der Finanzierung spielte in Zeiten, da Bankenchefs sich zweimal überlegen, ob sie Geld zur Verfügung stellen, Siemens Financial Services (SFS) eine Schlüsselrolle. Nicht eine Bank des Kunden, sondern der Hersteller selbst hatte also die Federführung inne, als es darum ging, die Investition zu stemmen.

Ob bei einem Kraftwerk in Benelux oder einem Flughafen in Indien: Der Industriekonzern verlässt sich nicht mehr alleine auf die Banken, sondern geht bei der Finanzierung seiner Projekte zunehmend eigene Wege.

Diese Art der Absatzfinanzierung ist auch eine Absetzbewegung weg von den Banken, die bislang im Wirtschaftsgefüge eine unumstößliche Position innehatten. Da sie nun wieder kräftig im Gerede sind, will sich ihnen kaum jemand mehr auf Gedeih und Verderb ausliefern. Die Realwirtschaft setzt sich damit ein Stück weit von der Finanzwirtschaft ab.

Konzerne vertrauen eher auf eigene Geldpolster

Siemens, ein Unternehmen, das auf 13 Milliarden Euro an Barmitteln sitzt, ist beileibe kein Einzelfall. Zahlreiche von Morgenpost Online befragte Manager von Industriekonzernen vertrauen gerade jetzt eher auf ihr eigenes Geldpolster als auf die Bank.

Viele Konzerne hierzulande haben in den vergangenen Jahren ihre Kassen gefüllt. So finanziert der europäische Flugzeugbauer Airbus vermehrt aus eigenen Mitteln Kunden und stützt auch schon mal einen Zulieferer. Der Lkw-Bauer MAN reicht Kredite an Spediteure aus, und auch Siemens-Rivale General Electric (GE) baut sein Finanzierungsgeschäft in Deutschland kräftig aus.

Manche gründen gar ihre eigene Bank. Die jüngste Finanzkrise gab den Ausschlag. Bei Siemens wollte man nicht weiter bloß zuschauen, wie der Sturz von Banken die eigenen Barmittel möglicherweise gleich mit vernichtet.

Finanzvorstand Joe Kaeser startete das Projekt "Banklizenz" und stellte bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) einen Antrag. Drei Gründe spielten eine Rolle: Erstens ging es darum, die eigenen Geschäfte abzusichern und zu unterstützen, zweitens eine größere Sicherheit für die Anlagen zu erhalten und drittens Kreditlinien einfacher zu bekommen, etwa über die Bundesbank.

Im Dezember 2010 konnte die Siemens Bank loslegen. Sie gehört zum Finanzierungsarm SFS von Siemens. SFS hat das Volumen der neu ausgereichten Kredite von 4,1 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2010 auf nun fünf bis sechs Milliarden Euro erhöht. Tendenz weiter steigend.

Der Siemens Bank kommt gerade bei der Finanzierung von mittelständischen Kunden eine Schlüsselrolle zu. Sie macht es etwa möglich, auch aus Deutschland heraus Kredite für Projekte von Kunden im Ausland auszureichen. Ein anderer Vorteil durch die Banklizenz: Siemens kann eigenen Angaben zufolge "Spielräume und Freiheitsgrade bei der Konzernfinanzierung" vergrößern.

Wer eine Bank gründet, braucht eine Lizenz

Finanzchef Kaeser kann nun auch Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) anlegen, was zusätzliche Sicherheit für die eigenen Barmittel bedeutet. So kam im September das Gerücht auf, die Münchner hätten von einer französischen Bank eine halbe Milliarde Euro abgezogen und sie stattdessen sicher und besser verzinst bei der EZB geparkt. Ohne eine Banklizenz wäre ein solcher Schritt, den Siemens damals nicht kommentierte, gar nicht erst möglich.

Auch Erzrivale General Electric verfügt über eine Banklizenz in Deutschland und sieht sich mit der eigenen Bank unter dem Konzerndach gut aufgestellt. Joachim Secker, Chef der GE Capital Bank, spricht von einem "Wachstumsauftrag", den es zu erfüllen gelte. Die GE-Bank stelle sich unabhängig vom Mutterkonzern auf. "Sinn und Zweck ist, dass wir ein bankenunabhängiger Finanzdienstleister für den Mittelstand sind”, sagt Secker.

Doch wie gründet man eine Bank? Ohne eine Lizenz der BaFin sind Bankgeschäfte strafbar. Um die zu bekommen, braucht das Unternehmen zunächst fünf Millionen Euro Startkapital. Doch Geld ist im Geldgeschäft nicht alles: Um die BaFin zu überzeugen, muss das Unternehmen zwei fachlich geeignete Geschäftsführer an der Hand haben.

Deren Kompetenz muss nachweisbar sein – beispielsweise, indem sie mindestens drei Jahre in vergleichbarer Position in einem vergleichbaren Institut gearbeitet haben. Doch auch das reicht nicht aus: Die beiden Geschäftsführer müssen von der Aufsicht als "zuverlässig" eingestuft werden. Neben Geld und Personal schauen die Behörden zudem auf die Organisation der neuen Bank: Das Risikomanagement muss sie überzeugen, die strikten Regeln zur Bekämpfung von Geldwäsche müssen umgesetzt sein.

Schaut man sich die Industrieunternehmen aus der Dax30-Liga an, halten neben Siemens noch die Autokonzerne Volkswagen, BMW und Daimler sowie die Energieversorger RWE und E.on eigene Banklizenzen. Für kleine Unternehmen kommt die Bank im eigenen Haus dagegen kaum infrage – der Aufwand ist zu groß.

Lukrative Alternative zur Fremdbank

Doch für Großkonzerne sehen Experten eine Banklizenz als attraktive Alternative zu einer Fremdbank. Vera Schubert, Bankenexpertin bei der staatlichen Förderbank KfW, glaubt, dass Industriebanken nicht nur ein Vorteil für den jeweiligen Konzern sind, sondern auch für dessen Zulieferer: "Mit einer eigenen Bank kann ein Industriekonzern die Zulieferbeziehungen stabilisieren." Und die Industriebanken hätten noch einen Vorteil: "Sie kennen die Zulieferer in der Regel besser als andere Banken und können das Risiko in der Kreditvergabe daher besser beurteilen."

Um ein Flugzeug zu bauen, müssen Abertausende von Komponenten aus aller Welt in einer Flugzeugwerft zusammengefügt werden. Da kann es kritisch werden, wenn auch nur ein einziger spezialisierter Zulieferer schwächelt. So geschehen kürzlich bei den Pfalz-Flugzeugwerken (PFW) aus Speyer. Der Hersteller von Präzisionsrohren ist wichtig für die Fertigung des neuen Multi-Milliardenfliegers von Airbus, dem A350.

Als PFW zu fallen drohte, fing Airbus das Unternehmen auf und übernahm es kurzerhand. "Wir bei Airbus versuchen, kleineren Zulieferern zu helfen, so gut wir können, damit die Lieferkette nicht abreißt", liefert Airbus-Chef Tom Enders eine Begründung. Bei Airbus hängen Wohl und Wehe der Wachstumsstrategie von den Zulieferern ab. Kommen die nicht nach, drohen Engpässe. Vor allem für kleinere Zulieferbetriebe wird es Enders zufolge gegenwärtig problematischer, an Geld zu kommen, das sie für den Ausbau der Produktion bräuchten.

Eine eigene Bank haben weder Airbus noch die Konzernmutter EADS, dafür aber die Abteilung Airbus Sales & Customer Financing. Bei Airbus heißt es, man springe mit Kundenfinanzierungen nur ein, wenn dies wirklich nötig sei. Es könnte bald wieder nötiger werden.

So ist im Unternehmen die Rede davon, dass aus den Barbeständen der Konzernmutter in Höhe von elf Milliarden Euro nun eine Milliarde Euro für die Finanzierung von Kunden und Zulieferern zur Verfügung gestellt werden. Die identische Summe war bereits bei der Finanzkrise vor drei Jahren offeriert worden, wurde aber nur zu gut einem Drittel abgerufen.

Autobauer Vorreiter bei der Absatzfinanzierung

Den Anfang bei der Absatzfinanzierung machten in Deutschland die Autobauer. Ob Volkswagen Bank, BMW Bank oder Mercedes-Benz Bank: Sie finanzieren mittlerweile auf globaler Basis zwischen 30 und 40 Prozent der verkauften Autos. Sie finanzieren sich in der Regel durch die Einlagen von Kunden. Sollten sie also mehr Geldbedarf haben, weil Banken mit der Finanzierung von Autokäufen knausern und sie entsprechend mehr Autos finanzieren müssen, können sie einfach die Zinsen erhöhen und so ihre Kassen auffüllen. Die Autobauer geben an, dass sie derzeit allerdings keine Anzeichen einer Kreditklemme sehen.

Der Münchner Dax-Konzern MAN wandelt auf ihren Spuren, ohne eine eigene Bank zu haben. "MFI" steht für MAN Finance International und gehört zum Lkw-Konzern. Ende 2010 hatte MFI ein Portfolio über zwei Milliarden Euro. 2011 wird es um rund 400 Millionen Euro steigen.

In den Ländern, in denen die Finanztochter von MAN aktiv ist, wird der Absatz von fast jedem dritten Lkw über diese Institution finanziert. Das Unternehmen hat sich, wie Siemens, Airbus und viele andere, in den vergangenen Jahren nicht nur bei der Finanzierung der Kunden von den Banken mehr und mehr emanzipiert. "MAN hat frühzeitig Bankverbindlichkeiten deutlich reduziert und verfolgt seit 2007 eine konsequente Kapitalmarktstrategie", sagte Finanzvorstand Frank Lutz Morgenpost Online.

Die Strategie von MAN folgt einem generellen Trend in Deutschland. Aus Sorge, die Banken könnten wieder einmal den Geldhahn fest zudrehen, machen sich auch kleinere Unternehmen unabhängiger von Bankkrediten. Hatten sie sich noch 2007 im Durchschnitt zu 36 Prozent von Krediten finanziert, waren es 2009 nur noch 30 Prozent.

Größere Mittelständler begaben stattdessen eigene Unternehmensanleihen, um flüssig zu bleiben. 2009 haben sich die Unternehmen über 300 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten geholt – doppelt so viel wie in den Jahren zuvor. Seither ist das Volumen wieder deutlich zurückgegangen. "Die Unternehmen haben sich 2009 so mit Liquidität voll gesogen, dass sie derzeit schlicht kaum neue Mittel brauchen", erklärt Joachim Heppe, Anleihenstratege der Commerzbank.

Die vielfach beschworene Kreditklemme gibt es zwar nicht. Dennoch ermittelte das Münchner ifo-Institut, dass Firmen in Deutschland schwerer als noch vor einigen Monaten an Kredite kommen. Zum zweiten Mal in Folge stieg die sogenannte Kredithürde im Oktober wieder leicht an. Demnach klagen nun 23 Prozent der befragten Unternehmen, die Banken seien bei der Vergabe von Krediten zurückhaltend.

Das sind 0,8 Prozentpunkte mehr als im September, ist aber immer noch ein vergleichsweise moderater Wert. In der vergangenen Krise im Juli 2009 hatten noch 45 Prozent der Befragten über einen erschwerten Zugang zu Finanzierung geklagt.

Ein von Morgenpost Online befragter Zulieferer aus Bayern, der für die Crème de la Crème der deutschen Autobauer fertigt, liest zwar aufmerksam Analysen und Kommentare, die den Abschwung vorhersagen. In seinen Auftragsbüchern kann er eine drohende Flaute aber noch nicht erkennen. "Wir sind bis einschließlich Februar ausgelastet. Das ist weit länger als in normalen Zeiten", sagt der Mann, der namentlich nicht genannt werden will.

Eine Kreditklemme gebe es bisher nicht. "Großzügig sind die Banken dennoch nicht. Sie haben wohl vor allem im Sinn, sich selbst zu sanieren", lautet sein Urteil. So beobachtet er den Trend, dass Banken "an der Gebührenschraube drehen", wenn etwa Provisionen für die Bereitstellung eines Kredits verlangt würden, ohne dass der dann in Anspruch genommen werde.

Die Banken reichten das niedrige Zinsniveau der EZB jedenfalls nicht an die Unternehmen weiter. Bei einem niedrigeren Zinssatz hätte er in diesem Jahr vermutlich in die Automatisierung seines Maschinenparks investiert. Das habe er erst einmal um ein Jahr verschoben. Allerdings nicht nur der Banken wegen. "Jeder aus der Zulieferindustrie hat noch frisch im Gedächtnis, wie 2008 und 2009 die Wirtschaft abschmierte." Daher repariere er auch zurzeit lieber eine Maschine, als eine neue zu kaufen. "Jeder tut einen Teufel und investiert. Keiner spricht es offen aus: Aber die Angst vor einer zweiten Rezession ist natürlich zu spüren."

Eine ähnliche Entwicklung macht auch der Vorstand eines Dax-Konzerns aus, der Zulieferer wie diesen Mann aus Bayern als Kunden hat. Er stellt fest, dass gerade Mittelständler Investitionen auf die lange Bank schieben, die eigentlich überfällig seien. Einerseits sei es rational, in Zeiten wie diesen das Geld zusammenzuhalten. "Andererseits birgt diese Weigerung zu investieren die Gefahr, dass aus dem Rezessionsgerede eine reale Bedrohung wird."

Ob es noch zur Belastungsprobe für die Industriebanken kommt, ist also unklar. Sie und die Finanzierungsgesellschaften der Großkonzerne geben sich noch selbstbewusst.

MAN-Finanzchef Lutz etwa betont, dass man nicht mit Billigkrediten das Geschäft ankurbeln müsse, um Lkw und Busse zu verkaufen. Auch die Existenzberechtigung von Banken stellt Lutz, der früher bei Goldman Sachs und der Deutschen Bank tätig war, nicht in Abrede: "Wir haben weiter engen Kontakt zu den Banken und halten das auch für wichtig." Mit einer stärkeren Kapitalmarktorientierung sei man aber flexibler. "Das hat sich in der letzten Finanzkrise bewährt.”