Die Buchungspanne von mehr als 55 Milliarden Euro bei der Bad Bank der verstaatlichten Hypo Real Estate ist nach Expertenansicht ein elementarer Fehler der Buchhaltung. „Das ist ein sehr peinlicher Fehler, der nicht hätte passieren dürfen, weil es klare Bilanzierungsregeln gibt“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Jörg Rocholl am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“ in Berlin. „Im Wesentlichen hat man dort Brutto mit Netto verwechselt“. Er sehe die Verantwortung vor allem bei denjenigen, die diese Bilanz aufgestellt haben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) müsse sich auf das verlassen, was ihm von den Wirtschaftsprüfern und Bilanzieren an Zahlen vorgelegt werde.

Die Buchungspanne hat nach Ansicht des Fachmanns angesichts der Schuldenkrise in der EU auch Einfluss auf das internationale Vertrauen in Deutschland. „Es kommt natürlich zum ungünstigsten Zeitpunkt“, sagte Rocholl. Derzeit sei das Misstrauen in Statistiken sehr groß.

Erst kürzlich war der Bilanzfehler bei der HRE-Bad-Bank, die FMS Wertmanagement heißt, aufgefallen und wurde Anfang Oktober dem Finanzministerium gemeldet. Vorstände der HRE und der FMS Wertmanagement müssen am Mittwoch zum Rapport beim Bundesfinanzminister erscheinen, wie das Ministerium am Sonntag mitgeteilt hatte. Die Opposition dringt auf lückenlose Aufklärung. Die Berichtigung der Buchungspanne führt dazu, dass die deutschen Staatsschulden mit einem Schlag um 2,6 Prozentpunkte auf 81,1 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung gefallen sind.

Die größte Buchungspanne aller Zeiten senkt zwar die deutsche Staatsverschuldung, für die verstaatlichte Hypo Real Estate wird sie aber ein Nachspiel haben. Die Vorstände der HRE und ihrer Bad Bank müssen am Mittwoch bei Finanzminister Schäuble zum Rapport erscheinen, wie das Ministerium am Sonntag mitteilte. Bereits am heutigen Montag wird es eine Telefonkonferenz geben, bei der auch die zuständigen Wirtschaftsprüfer und die Finanzmarktstabilisierungsanstalt eine Erklärung abgeben müssen.

„Dem Ergebnis dieser Gespräche bleibt es vorbehalten, ob weitere Konsequenzen zu ziehen sind“, hieß es. Die Verantwortlichen der Bank sollten zudem dem Finanzausschuss des Bundestags Rede und Antwort stehen, betonte der CSU-Politiker Hans Michelbach. Es sei ein „unfassbarer Fehler“. Das Finanzministerium wies eine Verantwortung Schäubles zurück. Die Bilanzen der Bank würden nicht vom Bundesfinanzminister gemacht und kontrolliert.

Trotz der plötzlichen Senkung des Schuldenstands überwiegt der Ärger, denn der Vorgang wirft kein gutes Licht auf die dem Staat unterstehende Bank. „Ich erwarte von der Führung der Bank im Bundestagsfinanzausschuss eine lückenlose Aufklärung dieses unfassbaren Fehlers von mehr als 55 Milliarden Euro bei der Abwicklung der Hypo Real Estate“, sagte der Unions-Finanzexperte Michelbach. Bankintern müssten Konsequenzen gezogen werden. „Das schließt personelle Konsequenzen ausdrücklich ein.“

Zum Vergleich: Die zuviel verbuchte Summe entspricht etwas mehr als einem Viertel der 211 Milliarden Euro, die Deutschland zum Euro-Rettungsfonds EFSF beisteuert und ist etwa das Doppelte der Neuverschuldung 2011. Da die Finanzierung der Bad Bank über einen Sonderhaushalt geführt wird und es sich um eine Bilanzkorrektur handelt, hat der Fehler keinen Einfluss auf den Bundeshaushalt.

Möglich ist aber, dass nun insgesamt die Belastungen durch die HRE und ihre Bad Bank FMS Wertmanagement, in die 2010 Giftpapiere in Höhe von 175 Milliarden Euro ausgelagert worden waren, am Ende geringer ausfallen. Allerdings könnte es sein, dass der Bund schon in Kürze wieder einige Milliarden zuschießen muss, da die Bad Bank griechische Anleihen im Wert von 7,2 Milliarden Euro hält.

Mit dem neuen Schuldenstand liegt Deutschland immer noch weit über den Maastricht-Kriterien für Euro-Staaten von 60 Prozent Verschuldung gemessen an der eigenen Wirtschaftsleistung. „Ungeachtet der noch zu klärenden Ursachen für diese Korrektur begrüßt die Bundesregierung grundsätzlich jede Reduzierung des Maastricht-Schuldenstandes“, betonte das Ministerium von Finanzminister Schäuble.

Die Opposition dringt auf lückenlose Aufklärung durch den Minister. „Das ist kein Betrag, den die schwäbische Hausfrau in einer Keksdose versteckt und vergisst“, sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Schäuble sei für die Bank verantwortlich. Auch Grüne und Linke forderte Aufklärung. Der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick betonte: „Wenn eine Fehlbuchung in dieser Größe vorkommen kann, zeigt das, dass offenbar niemand einen wirklichen Überblick über diese riesigen Wertpapierbestände hat und jederzeit auch Überraschungen in die andere Richtung auftauchen können“.

dapd/dpa/cb