Touristikkonzern TUI

Reisemarkt der Zukunft startet in Berlin

Tourismusgigant TUI will von Berlin aus eine neue Online-Plattform etablieren und ist dabei auf kreatives Personal aus der Hauptstadt angewiesen. Der neue Reisemarktplatz soll spätestens im März 2012 starten.

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Europas größter Reiseveranstalter TUI will im Internetgeschäft kräftig aufholen. Bislang werden die meisten TUI-Pauschalreisen immer noch im Reisebüro gebucht. Der Umsatz auf den Konzern-Web-Seiten ist relativ gering. Das soll jetzt anders werden – und zwar ohne dass die Reisebüros darunter leiden.

Diesen Spagat sollen Kerstin Hartmann und Dirk Tietz in den kommenden Monaten hinbekommen. Die beiden sind die Geschäftsführer der TUI Interactive, einer Tochtergesellschaft, die die meisten Websites der TUI betreut. Interactive wird demnächst nach Berlin umziehen, weil für die anstehende Neupositionierung neues Personal gebraucht wird. Und dafür scheint die Hauptstadt das ideale Pflaster. Denn Experten für Internetunternehmen und Multimedia sind mittlerweile hauptsächlich hier zu finden. „In Berlin hat sich mittlerweile so ein kleines Silicon Valley entwickelt.“ Zwar habe man versucht, solche Spezialisten mit guten Angeboten nach Hannover zu locken. „Das hat aber nicht funktioniert“, sagt Tietz. Derzeit sucht Interactive in der Hauptstadt passende Büroräume.

Die neue Geschäftsführung hat bereits vorgearbeitet – das Konzept für die neue TUI.com-Seite steht. Von rund 60 Mitarbeitern „mit Start-up-Mentalität“ soll bis spätestens Ende März 2012 ein neuartiger Reisemarktplatz kreiert werden, „wie es ihn im Internet derzeit noch nicht gibt“, sagt Hartmann. Dazu gehören ein Reise-Expertennetzwerk, Bewertungstools und die Möglichkeit, auch bei kleinen, hoch spezialisierten Reiseveranstaltern zu buchen.

Kernstück der Website wird das neue Expertennetzwerk sein. Hier können künftig Mitarbeiter von Reisebüros ein Profil wie bei Xing oder Facebook anlegen, indem sie ihre besonderen Kenntnisse präsentieren. Dazu könnten Tipps für die schönsten Oasen der Welt gehören, das wärmste Segelrevier oder die besten Tantra-Masseure in Kerala. „Wir schaffen so eine neue Sichtbarkeit für die Reisebüros“, sagt Hartmann. Und die zeigen sich durchaus interessiert, erste Anmeldungen gibt es bereits. TUI leitet künftig interessierte Kunden an die Experten weiter, die dann auch die Buchung einer Reise in ihrem Reisebüro abwickeln dürfen und dafür Provision bekommen. Ein Afrika-Spezialist, der sein Büro in einem bayerischen Dorf hat, kann so künftig auch Kunden aus Berlin-Mitte in eine Luxus-Lodge nach Mosambik bringen.

Aber nicht nur Reisebüromitarbeiter sollen ihr Wissen auf der Website anbieten, auch die TUI-Reiseleiter in den Urlaubsländern und Mitarbeiter der Veranstalter sollen ihre lokalen Kenntnisse wie besonders angesagte Restaurants oder den besten Safari-Anbieter in Namibia den Kunden im Internet zur Verfügung stellen. „Wir wollen künftig all unsere Informationsquellen für den Kunden nutzbar machen, die heute noch brachliegen“ erklärt Hartmann. Und die Kunden sollen dann die Qualität des Beraters beurteilen.

Das Ziel der Interactive-Chefs ist es, ein Drittel der potenziellen Kundschaft künftig sehr viel fester an die TUI binden zu können. Denn laut einer Studie recherchieren zwecks Urlaubsplanung immer noch 30 Prozent der Reisenden teilweise auf bis zu 20 verschiedenen Websites im Internet – buchen dann aber doch im Reisebüro, weil sie sich mit einem persönlichen Ansprechpartner sicherer fühlen. Und nach Ansicht von Experten wird dieses Kundensegment auch in den kommenden Jahren stabil bleiben.

In einem nächsten Schritt wollen die TUI-Leute dann die Produkte hoch spezialisierter Veranstalter auf ihrer Seite buchbar machen, die nicht zum TUI-Konzern gehören. Wer also surfen will auf den Kapverden oder Wein ernten in Australien, dürfte künftig auf TUI.com fündig werden. Das dürfte besonders für die meist kleinen Anbieter hoch attraktiv sein, da sie ihre Dienste gegen eine Gebühr unter der Qualitätsmarke TUI einem sehr viel größeren Kundenkreis anbieten können.