Streik in Griechenland

Kein Brot, keine Flüge, kein Bus, keine Müllabfuhr

Im von der Finanzkrise erschütterten Griechenland haben umfangreiche Streiks begonnen. Die Gewerkschaften wollen aus Protest gegen weitere harte Sparmaßnahmen das Land lahmlegen - mit dem größten Ausstand seit Jahrzehnten

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Tausende Menschen ziehen in Athen vor das Parlament, um gegen die Sparpakete zu protestieren.

Video: Reuters
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In Griechenland hat ein umfangreicher zweitägiger Generalstreik begonnen. Es soll die größte Protestaktion seit Ausbruch der Schuldenkrise vor zwei Jahren werden: Die Gewerkschaften wollen bei ihrem Ausstand am Mittwoch und Donnerstag das öffentliche Leben lahmlegen und damit ihren Protest gegen die neuen Sparpläne der Regierung zum Ausdruck bringen. Behörden, Ministerien, Geschäfte und auch kleinere Läden für den Bedarf des täglichen Lebens wie Bäckereien blieben geschlossen. Wegen eines seit fast zwei Wochen andauernden Streiks der Müllabfuhr liegen in den meisten Städten Zehntausende Tonnen Müll auf den Straßen. Ärzte behandeln in Krankenhäusern nur Notfälle. Busse und die U-Bahnen von Athen wurden von 5 bis 9 Uhr bestreikt.

Der Streik soll nach Erwartungen der Gewerkschaften der größte seit Jahrzehnten werden. Man rechne mit einer „riesigen“ Beteiligung: „Wir werden eine laute Botschaft an die Regierung und das politische System senden“, sagte der Chef der Gewerkschaft Adedy, Costas Tsikrikas. Es gebe eine „neue Dimension des sozialen Widerstands“, erklärte der stellvertretende Vorsitzende der für den öffentlichen Dienst zuständigen Gewerkschaftsverbands ADEDY, Ilias Vrettakos. „Wir hoffen, dass dieses Aufgebot Auswirkungen auf die politischen Entwicklungen hat.“

Tausende Demonstranten zogen am Vormittag in die Athener Innenstadt und dort in Richtung Parlament. Dort läuft die Debatte über ein neues radikales Sparpaket, über das noch am Mittwochabend abgestimmt werden soll. Für Donnerstag wird mit einer zweiten Abstimmung über einzelne Artikel des Gesetzes gerechnet. Aus Angst vor Ausschreitungen seitens gewaltbereiter linker und rechter Gruppierungen zog die Polizei starke Einheiten in der Hauptstadt zusammen. Die zwei wichtigsten U-Bahn Stationen am zentralen Syntagma Platz vor dem Parlament sollen während der Demonstrationen geschlossen bleiben, teilte die Polizei mit.

Als erste starteten die Fluglotsen die Streikwelle. Allerdings beschloss ihre Gewerkschaft angesichts der dramatischen Lage und um dem Tourismus nicht einen schweren Schlag zu verpassen, nur für zwölf Stunden zu streiken. Ursprünglich wollten die Fluglotsen für zwei Tage streiken. Der griechische Luftraum blieb seit Mittwoch Mitternacht für alle kommerzielle Flüge von und nach Griechenland geschlossen. Viele Flüge werden verschoben oder fallen aus. Der Flugbetrieb soll ab 11 Uhr wieder aufgenommen werden.

Deutschlands größte Fluggesellschaft Lufthansa hat trotz des Generalstreiks am Mittwoch versucht, einige ihrer Verbindungen von Frankfurt und München nach Athen zu fliegen. Die Fluggäste sollten sich unbedingt telefonisch oder im Internet informieren, riet eine Sprecherin. Zunächst hatte die Fluggesellschaft auf die Ankündigung des 48-stündigen Generalstreiks in Griechenland mit der Annullierung aller Flüge für Mittwoch und Donnerstag reagiert. Danach hatten die griechischen Fluglotsen angegkündigt, ihren Streik bereits am Mittwochvormittag beenden zu wollen. Wegen der Disposition für Besatzungen und Maschinen sei es aber nicht möglich, sofort den normalen Fahrplan wieder zu bedienen. Von Donnerstag an sollen die Lufthansa-Maschinen aber normal verkehren, sagte die Sprecherin.

Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin fliegt erst wieder am Freitag nach Griechenland. Wie eine Sprecherin des Unternehmens sagte, wurden alle für Mittwoch und Donnerstag geplanten Flüge verschoben. 21 Flüge seien bereits auf Dienstag vorverlegt worden, 19 auf Freitag verschoben. Air Berlin wies zusätzlich darauf hin, dass sich aktuell auch Flüge verzögern können, die über griechischen Luftraum gehen. Dies sind unter anderem Flüge in die Türkei und nach Ägypten.

Ministerpräsident Giorgos Papandreou wandte sich Dienstagabend in einem eindringlichen Appell an seine Landsleute und verglich die Situation Griechenlands mit einer Art Kriegszustand. „Wir müssen durchhalten in diesem Krieg als Volk, als Regierung, als parlamentarische Gruppe, für das Land, um ihn zu gewinnen“, sagte der Regierungschef. „Wir werden für das Land siegen, wir werden durchhalten.“ Es wird erwartet, dass Papandreous zwar nur dünne Mehrheit von vier Sitzen reicht, um das neue Gesetz auf den Weg zu bringen. Allerdings hatte erst am Montag ein Abgeordneter der regierenden Pasok-Partei sein Mandat zurückgegeben, weil er gegen die Pläne ist.

Griechenland muss harte Spar- und Reformauflagen erfüllen, um Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds zu beanspruchen. Ohne Finanzspritzen kann das Land seine Schulden nicht mehr bedienen. Ein Zahlungsausfall aber könnte die gesamte Euro-Zone in eine tiefe Krise stürzen. Das Land steckt das dritte Jahr in Folge in der Rezession. Die Staatsverschuldung beläuft sich auf 162 Prozent der Wirtschaftsleistung. Beim EU-Gipfel am Sonntag in Brüssel soll eine Strategie für das weitere Vorgehen in der Schuldenkrise vorgestellt werden.