Schuldenkrise

Zerfall der Euro-Zone würde Kostenlawine auslösen

Die Allianz hat die Kosten der Euro-Rettung und die Kosten des Scheiterns durchgerechnet – und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis.

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Je länger die Schuldenkrise in der Euro-Zone andauert, desto lauter werden die Unkenrufe: Für die Währungsunion sieht es derzeit nicht gut aus. In Szenarien, wie das Schuldendrama ausgehen könnte, schließen Experten auch einen Zusammenbruch der Euro-Zone nicht mehr aus.

Der aber wäre nach Einschätzung von Volkswirten mit horrenden volkswirtschaftlichen Folgen verbunden. „Wir reden immer über die Kosten der Euro-Rettung, vergessen aber die Kosten der Nicht-Rettung,“ sagt der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise.

Auch Matthias Thiel, Volkswirt bei MM Warburg, ist der Ansicht: „Der Zusammenbruch der Währungsunion würde eine wahre Kostenlawine auslösen, die mit anderen Szenarien kaum vergleichbar wäre.“

Gerade das stark exportorientierte Deutschland hätte nach Berechnungen der Allianz ein Problem, sollte eine Reihe hochverschuldeter Staaten den Euro-Raum verlassen. Die heimische Wirtschaft würde es drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mindestens eine Million Arbeitsplätze kosten, bliebe nur eine Kernwährungsunion mit Deutschland und wenigen anderen Ländern bestehen, warnt Heise.

Deutschland droht Exporteinbußen von 15 Prozent

Der Grund allen Übels: Die zu erwartende Aufwertung des „Kern-Euro“ dürfte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie stark belasten. In der Folge seien Exporteinbußen von bis zu 15 Prozent binnen eines Jahres realistisch, sagt der Allianz-Chefvolkswirt.

Noch schlimmer sieht es laut Heise für die hochverschuldeten Länder aus, die der Währungsunion den Rücken kehren würden: Sie hätten mit starken Abwertungstendenzen zu leben, vielfach wäre ein umfangreicher Schuldenschnitt erforderlich. Auch die Experten der UBS warnen in einer Studie vom September vor den Folgen diese Schrittes: Das Bankensystem und der internationale Handel würden kollabieren, die Unternehmen von einer Pleitewelle überrollt.

Die Kosten lägen im ersten Jahr bei bis zu 11.500 Euro pro Einwohner des ausscheidenden Landes. In den Folgejahren sollten sie sich jeweils auf bis zu 4000 Euro summieren.

Zum Vergleich: Die Kosten für die Rettung der kriselnden Euro-Staaten Griechenland, Portugal und Irland über einen Schuldenschnitt von 50 Prozent beziffert das Schweizer Bankhaus auf einmalig rund 1000 Euro pro Einwohner der Euro-Zone.

Schwere politische Verwerfungen möglich

Neben den ökonomischen, seien jedoch auch die politischen Konsequenzen nicht zu unterschätzen, sollte die Währungsunion auseinanderbrechen, meint Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HBSC Trinkaus. „Wir haben USA und China als Wirtschafts- und Militärmacht und ohne eine gemeinsame Währung wird Europa kaum noch Möglichkeiten haben, seine Interessen umzusetzen.“

Statt das Bestehen der Euro-Zone aufs Spiel zu setzen, wäre es aus seiner Sicht sinnvoller, in Griechenland endlich einen Haircut durchzuziehen, bei dem die Gläubiger dann auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten. „Von allen ungünstigen Varianten ist das sicherlich noch die günstigste“, sagt er.

Griechenland muss sich neu erfinden

Voraussetzung wäre allerdings, dass sich Griechenland mit dem Schuldenschnitt auch strukturell neu erfindet, sein wirtschaftliches Wettbewerbs- wie auch Steuersystem auf Vordermann bringt und die geforderten Privatisierungen tatsächlich umsetzt, erklärt Schilbe.

Zudem müsste der Euro-Rettungsschirm EFSF so wirksam ausgestaltet sein, „dass Ansteckungsgefahren verhindert werden und Staaten beziehungsweise Banken in Bedrängnis notfalls unter die Arme gegriffen werden kann“.

Ein Schuldenschnitt dürfte sich laut Schilbe mittelfristig auch mehr rechnen, als Griechenland fortwährend an den Geldtropf seiner EU-Partner zu hängen. „Die nächste Hilfszahlung wird kaum den erhofften Befreiungsschlag bringen, dafür sind der Schuldenstand zu hoch und die wirtschaftlichen Strukturen in Griechenland zu schwach“, prognostiziert der Chefvolkswirt.

Derzeit wartet das Mittelmeerland noch auf die Freigabe der letzten Tranche aus dem ersten Rettungspaket durch die Euro-Finanzminister und den IWF. Das klamme Land machte zuletzt wenige Hoffnung auf eine wirtschaftliche Trendwende.

Für das laufende Jahr hat sich die Regierung bereits von der Defizit-Zielmarke von 7,6 Prozent verabschiedet. Die Wirtschaftsleistung ging im zweiten Quartal um 7,3 Prozent zurück. Die Experten der Troika aus EU-Kommission, IWF und EZB erklärten, die Rezession werde tiefer sein als noch im Juni prognostiziert.