Industrie

Stahlwerke in Amerika bremsen ThyssenKrupp

Die Verluste in Nord- und Südamerika haben dem Konzern die Bilanz verhagelt. Der Verlust summiert sich nach neun Monaten bereits auf fast 900 Millionen Euro.

Ruhe ist bei ThyssenKrupp derzeit ein Fremdwort. Seit Wochen schon steht der traditionsreiche Stahl- und Industriekonzern in den Schlagzeilen – sei es wegen des geplanten Konzernumbaus, bei dem Geschäfte mit 35.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zehn Mrd. Euro abgespalten werden sollen, sei es wegen der geplatzten Verhandlungen um den Verkauf der zivilen Werftensparte oder sei es wegen der hohen Anlaufverluste bei den neu gebauten Stahlwerken in Nord- und Südamerika.

Deren Verluste haben ThyssenKrupp nun die Neunmonatsbilanz verhagelt. Zwar konnte der Dax-Konzern sein Vorsteuerergebnis im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2010/2011 (30. September) im Vergleich zum schwachen Vorjahreszeitraum um neun Prozent auf 545 Mio. Euro steigern. Analysten hatten allerdings mit einem deutlich besseren Wert gerechnet.

Denn sowohl im europäischen Stahlgeschäft als auch in der Technologiesparte mit dem Anlagenbau, dem Autozuliefergeschäft und der Aufzugmontage läuft das Geschäft konjunkturbedingt ausgesprochen gut. Das zeigt sich auch im Quartalsumsatz, der mit 12,9 Mrd. Euro stattliche zehn Prozent über dem Vorjahr liegt. Pannen, Probleme und explodierende Kosten bei den beiden neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA drängen diese Erfolge allerdings in den Hintergrund. Immerhin summieren sich die Verluste bei Steel Americas nach den ersten neun Monaten bereits auf rund 887 Mio. Euro.

Branchenbeobachter rechnen fest damit, dass dieses Minus im Gesamtjahr noch die Marke von einer Mrd. Euro überschreiten wird – auch wenn der ThyssenKrupp-Konzern, dessen Aktie am Freitag zeitweise einziger Verlierer im Dax war, unverändert von einem hohen dreistelligen Millionenbetrag spricht. Wann Steel Americas erstmals Gewinne schreibt, lässt Konzernchef Heinrich Hiesinger daher offen.

Ungeachtet dieser Probleme und der aktuellen Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten hat Hiesinger die Prognose für das Ende September auslaufende Geschäftsjahr bestätigt. Danach soll der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um zehn bis 15 Prozent zulegen und der operative Gewinn – also das Ergebnis ohne Währungsschwankungen und die Sondereffekte bei den Stahlwerken – von 1,2 auf zwei Mrd. Euro steigen. Denn der hoch verschuldete Konzern geht von einer weiteren Erholung der Absatzmärkte in den kommenden Monaten aus. Das zeige auch der Auftragseingang, der im dritten Quartal um fast 30 Prozent auf 14,1 Mrd. Euro gestiegen ist, heißt es dazu in Essen.

ThyssenKrupp macht in Europa gute Geschäfte

Tatsächlich läuft es in der Stahlindustrie derzeit deutlich besser als im Vorjahr. Das unterstreichen auch die guten Zahlen, die ThyssenKrupp-Konkurrent Salzgitter vor zwei Tagen präsentiert hat: Der Umsatz zum Beispiel legte um 18 Prozent auf 4,8 Mrd. Euro zu, der Gewinn summierte sich auf knapp 97 Mio. Euro nach einem Minus von 3,5 Mio. Euro im Vorjahr. Die Niedersachsen haben daraufhin sogar ihre Jahresprognose erhöht. Statt 150 Mio. seien nun auch 200 Mio. Euro Gewinn vor Steuern möglich.

Auch ThyssenKrupp macht in Deutschland und Europa gute Geschäfte. Denn die Stahlkonjunktur zeigt sich dort unverändert robust. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl zum Beispiel meldet für die ersten sieben Monate dieses Jahres ein Produktionsvolumen von fast 27 Mio. Tonnen in Deutschland. Das sind 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Zwar sorgt sich die Branche wegen der zuletzt rückläufigen Bestellungen aus dem Maschinenbau und den hohen Rohstoffpreisen für Eisenerz und Kokskohle. „Die Produktion bleibt trotzdem auf Wachstumskurs“, sagt Stahlverbands-Präsident Hans Jürgen Kerkhoff.

ThyssenKrupp will Edelstahlsparte abgeben

Diese Aussage deckt sich auch mit den zuversichtlichen Einschätzungen von Weltmarktführer ArcelorMittal. Die Wirtschaftsvereinigung prognostiziert daher für das Gesamtjahr 2011 ein Produktionsplus in Deutschland von vier Prozent auf 45,5 Mio. Tonnen Rohstahl. Die Auslastung der heimischen Stahlkocher liegt damit wieder bei stattlichen 90 Prozent.

Deutschlands größter Stahlhändler Klöckner&Co konnte davon allerdings nicht profitieren. Sinkende Margen durch hohe Importmengen nach Europa ließen den Gewinn der Duisburger im zweiten Quartal um fast 90 Prozent auf nur noch fünf Mio. Euro einbrechen. Nun schließt Klöckner-Chef Gisbert Rühl Stellenstreichungen und die Schließung von Niederlassungen nicht mehr aus. Zudem soll die Wertschöpfung im eigenen Haus erhöht werden.

Das gilt auch für ThyssenKrupp. Konzernchef Hiesinger will daher das weniger konjunkturanfällige Technologiegeschäft ausbauen und beim Stahl kürzen. Die Edelstahlsparte etwa gehört zu denjenigen Geschäftsbereichen, die im Zuge der Umstrukturierung abgegeben werden sollen. Und dieser Umbau macht Hiesinger zufolge Fortschritte. Mit den erwarteten Milliardeneinnahmen will der Manager aber nicht nur die Techniksparte stärken. Auch die Schulden von aktuell rund 6,3 Mrd. Euro sollen massiv heruntergefahren werden.