Mr. A. war ein eher unscheinbarer Banker mit einem eleganten Appartement in der Nähe des Londoner Finanzdistrikts. Am Mittwochnachmittag aber fiel er auf, bei seinem Arbeitgeber, der Schweizer Großbank UBS. Irgendetwas stimmte nicht.
Die Polizei wurde alarmiert, sie nahm A. in den frühen Morgenstunden des Donnerstag fest: Der 31 Jahre alte, aus dem afrikanischen Ghana stammende Mann, ein Wertpapierhändler in der Londoner UBS-Filiale, soll zwei Milliarden Doller durchgebracht haben mit „nicht genehmigten Geschäften“, so die UBS – der „rogue trader“ soll ohne Abstimmung mit fremdem Kapital bei hohem Risiko jongliert haben.
Ein Appartment für 4600 Euro pro Monat
Ermittelt wird gegen den Mann wegen des Verdachts auf „fraud by abuse of position”, er soll seine Vertrauensposition missbraucht haben. Bei der Verlusthöhe von zwei Milliarden US-Dollar (knapp 1,5 Milliarden Euro) handele es sich um eine gegenwärtige Schätzung, so die UBS. Der Verdächtige bleibt vorerst in Gewahrsam der Polizei. Die Financial Services Authority, Großbritanniens Finanzaufsicht, wurde eingeschaltet, ebenso wie die Schweizer Bankenaufsicht Finma und die US-Finanzaufsicht. Der Aktienkurs der UBS stürzte ab.
Inzwischen hat A. einen eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie. Das Foto seines Profils im sozialen Netzwerk Facebook wurde von zahllosen Online-Portalen kopiert und weiterverbreitet. Britische Medien trieben, unter anderem, einen ehemaligen Vermieter des Festgenommenen auf. Der berichtete, dass A. zweieinhalb Jahre in einer seiner Wohnungen im östlichen Stadtteil Shoreditch gelebt habe. Die Monatsmiete für das Appartement, sagte der Vermieter Philip Octave weiter, habe bei 4000 Pfund (4600 Euro) gelegen. Vor vier Monaten sei A. aber ausgezogen.. Er habe nie irgendwelche Probleme gemacht, wenngleich er nicht der Ordentlichste gewesen sei.
Argentinischer Wein und Musik aus Nigeria
Das Facebook-Profil auf den Namen von A. zeigt einen dunkelhäutigen Mann in weißem Hemd, der sich mit halb geschlossenen Augen in einem Sofa zurücklehnt. In der Freundesliste tauchen Mitarbeiter der UBS auf. Wenn dies A.s Facebook-Profil ist, dann hört er gern Musik des nigerianischen Bandleaders Fela Kuti, mag Wein aus Argentinien und interessiert sich für Fotografie.
Der Festgenommene war, das legt ein Profil auf den Namen A. bei dem Geschäfts-Netzwerk LinkedIn nahe, in der Londoner Investment-Filiale der UBS mit börsenntotierten Fonds befasst („Director ETF and Delta 1 trading“). Das LinkedIn-Profil hat Verbindungen zu weiteren UBS-Wertpapierhändlern in London. In Großbritannien beschäftigt die UBS insgesamt 6000 Mitarbeiter.
Der britischen Finanzaufsicht (Financial Services Authority/FSA) zufolge arbeitet der Mann seit dem Jahr 2007 bei der UBS und ist sowohl beim Konzern in der Schweiz als auch bei der britischen Tochter UBS Limited in London registriert. Eine UBS-Sprecherin in London wollte sich zunächst nicht zu der Festnahme äußern.
Nach Angaben der Universität von Nottingham hat der Mann dort 2003 einen Bachelor in E-Commerce und Digitalwirtschaft absolviert. Von 1992 bis 1998 besuchte er ein Internat in West Yorkshire.
UBS gibt Gewinnwarnung heraus
Die UBS hatte am Donnerstagmorgen UBS mitgeteilt, dass ihr durch „nicht genehmigte Geschäfte“ eines Händlers ihrer Investmentbank ein Verlust von voraussichtlich etwa zwei Milliarden US-Dollar (rund 1,5 Milliarden Euro) entstanden sei. „Es ist möglich, dass UBS deshalb im dritten Quartal 2011 einen Verlust bekanntgeben wird“, teilte die Bank mit. Kundenpositionen seien von dem Schaden nicht betroffen, hieß es von der Bank weiter.
In einer internen Mitteilung versuchte das Management, die Mitarbeiter zu beruhigen: „Es ist uns bewusst, dass Sie bereits seit einiger Zeit mit ungünstigen, volatilen Märkten konfrontiert sind. Obwohl diese Nachricht bedauerlich ist, wird die fundamentale Stärke unseres Unternehmens dadurch nicht beeinträchtigt.“ Die Konzernleitung bat die Mitarbeiter in dem Memo, sich weiterhin auf Ihre Kunden zu konzentrieren. „Diese zählen in diesen unsicheren Zeiten auf Ihre Unterstützung“, hieß es weiter.
Schwer getroffen von der Finanzkrise
Die UBS gehört in Europa zu den Banken, die am schwersten von der Finanzkrise getroffen wurden. Sie häufte in den Jahren 2007 und 2008 knapp 28 Milliarden Franken an Verlusten an und musste vom Staat gerettet werden. Mit 60 Milliarden Franken wurde die Bank schließlich gestützt. Mehr als 10.000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Anfang des Jahres hatte sich der Credit-Suisse-Konkurrent noch auf dem Wege der Besserung gezeigt.
Im zweiten Quartal gab es dann aber wegen Problemen im Investmentbanking erneut einen Rückschlag. Der Gewinn brach wieder ein. Im ersten Halbjahr sank der Gewinn vor Steuern aus dem operativen Geschäft fast um ein Drittel auf 3,9 Milliarden Franken (3,35 Mrd Euro). Jetzt droht gar abermals ein Verlust. UBS-Chef Oswald Grübel setzt daher erneut den Rotstift an und will weitere Stellen streichen.
Erinnerung an den Milliardenbetrüger Kerviel
Der jetzt verursachte Milliardenschaden ist Wasser auf die Mühlen von Kritikern des Bankensystems, in dem noch immer Händler scheinbar ohne Kontrolle zocken. Prominentester Fall ist bisher der französische Händler Kerviel. Er soll Anfang 2008 seinen Arbeitgeber Société Générale mit Wetten auf den Dax und EuroStoxx 50 ohne Wissen seiner Vorgesetzten um knapp fünf Milliarden Euro gebracht haben.
Kerviel wurde wegen Fälschung, Vertrauensbruch und unberechtigter Computernutzung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Richter hatten es als erwiesen angesehen, dass Kerviel auf eigene Faust gehandelt hat. Kritiker bezweifeln dies – und sollte es tatsächlich so sein, so habe das Risikomanagement der französischen Bank versagt, so ihre Argumentation. Ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen den beiden Fällen allerdings doch: A. wird bislang lediglich eines Vergehens verdächtigt.
Das Warteloo des Großbank-Chefs
Für die UBS dürfte der Milliardenverlust nicht das Hauptproblem werden, obwohl diese Summe auch für eine Großbank happig ist. Das Investmentbanking bringt seit langem nicht mehr so viel ein und hat seit Beginn der Krise vor vier Jahren sogar doppelstellige Milliardenverluste verbucht.
Ironischerweise hatte sich ausgerechnet am Tag, als A. festgenommen wurde, das Parlament in Bern mit den Probleme zu befassen hatte, die die UBS in der Finanzkrise nur schwer und mit staatlicher Hilfe hatte bewältigen können - „Too big to fail“: Dahinter steht der Gedanke, dass es niemals wieder passieren dürfe, dass eine Bank so groß, aber mit so wenig Eigenkapital ausgestattet ist, dass sie den Staat zur ihrer Rettung zwingen kann. Ausgerechnet Grübel gilt als Gegner einer stärkeren Eigenkapitalquote, ihm wird sogar vorgeworfen, aus den Finanzkrisen nichts gelernt zu haben.
Damit ist der Donnerstag wohl auch sein Waterloo, und es wird am Finanzplatz Schweiz bereits spekuliert, dass der fast 68-jährige Deutsche und frühere Chef der zweitgrößten Schweizer Bank, der Credit Suisse, nun seinen Hut nimmt. Sein alter Arbeitgeber legte am Donnerstag an der Börse zu, während die Aktie der UBS nach dem Kursabsturz um die zehn Franken taumelte.
Kunden ziehen Geld ab
Durch den jüngsten Skandal kann der nach Ansicht von Experten längst fällige grundlegende Umbau der UBS nun wieder an Fahrt gewinnen. Denn die Bank wurde in der Finanzkrise nicht nur völlig vom Staat abhängig. Sie brachte durch einen Steuerstreit mit den USA, in dem UBS-Mitarbeiter US-Bürgern bei der Steuerhinterziehung geholfen haben sollen, auch den gesamten Finanzplatz Schweiz ins Wanken. Der Finanzsektor erwirtschaftet immerhin fast ein Zwölftel des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Wieder musste der Staat eingreifen, die Politik versuchte, die USA zu besänftigen. Und auch das wohlgehütete Bankgeheimnis musste Stück für Stück, etwa durch die Weitergabe von US-Kundendaten der UBS, durchlöchert werden.
Noch immer ist die UBS in der Schweiz und weltweit ein Gigant. Auch jetzt fürchtet der Staat, dass eine angeschlagene UBS gerade die kleinen und mittleren Unternehmen, das Rückgrat der Schweizer Industrie, nicht mehr mit ausreichend Krediten versorgen könnte. International ist sie die größte Vermögensverwalterin außerhalb der USA – mit rund eine Billion Franken. 45 Milliarden Franken hat sie bisher die Finanzkrise seit 2007 gekostet, ein Rekord in Europa.
Über 200 Milliarden Franken haben Kunden bereits von der Bank abgezogen. Somit sind die nun verschwundenen zwei Milliarden nicht viel – in der Gesamtsumme jedoch ist der Schaden riesig.
AFP/dapd/dpa/Reuters/dino




