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Lehman – Wie vor drei Jahren die Pleitezeit begann

Vor drei Jahre erschütterte der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers die Weltmärkte. Es kam zur schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Was den wenigsten aber bewusst ist: Lehman Brothers existiert noch immer.

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Nach Dow Jones und Nikkei erholt sich auch der Dax etwas.

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Drei Jahre ist der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers nun her. Der von der US-Regierung bewusst hingenommene Bankrott des Instituts am 15. September 2008 war nicht Ursache, wohl aber Auslöser für die tiefste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression in den 1930er Jahren. Drei Jahre danach scheint der seit Frühjahr 2009 anhaltende Aufschwung schon wieder zu Ende zu sein. Erneut drohen Probleme aus dem Finanzsektor auf die reale Welt der Güter und Dienstleistungen produzierenden Wirtschaft überzugreifen.

Doch auch die Krise von damals zieht noch immer ihrer Kreise. Die Gläubiger von Lehman Brothers warten noch immer auf ihr Geld, viele Fragen bleiben ungeklärt. Lehmans Chefanwalt Harvey Miller, der die Bank gegen ihre Gläubiger vertritt, hält diesen Zeitraum jedoch nicht für sehr lang. „Für das größte Insolvenzverfahren der Welt sind drei Jahre wirklich nicht viel“, sagte Miller in einem zum Jahrestag veröffentlichten Interview.

Bald schon könnte sich ein Ende des Insolvenzverfahrens abzeichnen – und die ausstehenden dreistelligen Milliarden-Forderungen zumindest teilweise bedient werden. Die Gerichte gaben dem Unternehmen Ende August grünes Licht, seine Gläubiger über einen 65 Milliarden Dollar schweren Rückzahlungsplan abstimmen zu lassen. Wenn ein New Yorker Insolvenzgericht dem Plan im Dezember zustimmt, könnte im Frühjahr 2012 das erste Geld fließen. Das wäre nach historischen Maßstäben vergleichsweise schnell, sagte auch Robert Miller, Juraprofessor an der Villanova University. „Die Leute dachten damals, es würde ein Alptraum. Aber eine dreijährige Insolvenz ist kein Alptraum“, sagte er.

Anwalt Harvey Miller nannte die Zustimmung der Gläubiger zum Auszahlungsplan das letzte Hindernis. „Komplexe Fälle dauern lange, auch wenn die Welt schneller geworden ist“, sagte er. Lehman hatte den Plan im Juni vorgelegt und ihn als Kompromiss zwischen den vielen Gläubigergruppen beworben. Einige der größten Gläubiger haben bereits signalisiert, den Plan zu unterstützen, darunter eine vom Hedgefonds Paulson & Co angeführte Gruppe von Anleihenbesitzern sowie eine Gruppe um Goldman Sachs , bei denen Lehman wegen Derivaten in der Kreide steht. Beide zusammen fordern rund 100 Milliarden Dollar, hinzu kommen asiatische Gläubiger mit rund 20 Milliarden.

Die größte Hürde sei ein Einspruch der europäischen Lehman-Tochter, sagte Miller. Sie verlangt, dass ihre Forderungen von 8,9 Milliarden wie die von Kunden behandelt werden. Würde so entschieden, hätten die europäischen Schulden ein höheres Gewicht und würden wahrscheinlicher komplett zurückgezahlt – die anderen bekämen dann weniger. „Gerade laufen Verhandlungen in London, um das beizulegen“, sagte Miller.

Was die Welt aus der Pleite gelernt hat

Vor Lehman Brothers war der Untergang des Telekom-Anbieters WorldCom im Jahr 2002 die größte bekannte Pleite der Geschichte. WorldCom hatte zum Zeitpunkt der Insolvenz Vermögenswerte von rund 104 Milliarden Dollar. Lehman Brothers aber hatte mit 639 Milliarden eine über sechs Mal größere Summe in seinen Büchern. Sein Nordamerika-Geschäft verkaufte Lehman nach der Insolvenz an Barclays . Damit habe die untergegangene Bank beachtliche Werte gerettet, erklärte Miller.

Miller ist nicht überzeugt, dass die Welt dazu bereit ist, wirklich aus dem Lehman-Zusammenbruch zu lernen. Die regulatorischen Änderungen nach der Bankenpleite verblassten gegenüber jenen nach der großen Rezession in den 30er Jahren. Zwar würdigt er die im letzten Jahr durchgesetzte Dodd-Frank-Reform, mit der die US-Regierung Konsequenzen aus der Finanzkrise zog. Wesentliche Punkte in dem Gesetz verfehlten es jedoch, dem Problem „too big to fail“ zu begegnen, also Geldhäuser nicht so groß werden zu lassen, dass sie mit einer Pleite die gesamte Finanzwelt mitreißen. Das wird bei Lehman als zentrales Problem angesehen.

Doch die meisten überlebenden Finanzinstitute sind heute größer als vor der Krise. Und ihre Lobbyarbeit sei „besser als jemals zuvor“, sagte Miller. Eine ernsthafte Gesetzesänderung sei es, wenn Regulierer die Macht bekämen, Unternehmen zur Zurückhaltung zu zwingen, wenn sie zu groß würden. „Das hätte die Konsequenz aus Lehman sein müssen.“

Denn die Krise hatte bereits 2007 begonnnen. Da Geld billig zu leihen war, hatten US-Geldinstitute in den Jahren zuvor massenhaft Immobilienkredite auch an Schuldner ausgegeben, von denen eine Rückzahlung bei nüchterner Betrachtung kaum zu erwarten war. Die sogenannten Subprime-Hypothekenkredite bündelten sie durch sogenannte Verbriefung zu Wertpapieren und verkauften damit das Risiko weiter.

Als das System im Frühjahr 2007 wegen zunehmender Zahlungsrückstände zu kollabieren begann, rauschte der Wert der sogenannten Asset Backed Securities (ABS), der sachbesicherten Wertpapiere, in den Keller. Weltweit mussten Banken den Wert der in der Erwartung satter Gewinne gekauften ABS nach unten korrigieren. In Deutschland wurden besonders die Mittelstandsbank IKB, die WestLB und vor allem die Hypo Real Estate (HRE) in den Strudel gezogen.

In den USA gingen dem Untergang des 1850 gegründeten Traditionshauses Lehman Brothers dramatische Stunden voraus. US-Finanzminister Henry Paulson traf am späten Freitagabend, dem 12. September, mit Spitzenmanagern der wichtigsten Wall-Street-Banken zu einer Krisensitzung zusammen. Manager von Lehman Brothers saßen nicht mit am Tisch.

Lehman war tief in den Strudel der Immobilienkrise geraten. Die viertgrößte Investmentbank des Landes hatte binnen eines halben Jahres 7 Milliarden Dollar verloren. Lehman-Chef Richard Fuld, Spitzname „Gorilla“, suchte verzweifelt einen Käufer – und hoffte auf Hilfe der Regierung. Die war schon zuvor dem Konkurrenten Bear Stearns beigesprungen und hatte erst Anfang September die Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac übernommen und unter Zwangsverwaltung gestellt.

Am Montag, 15. September, meldete Lehman Brothers Insolvenz an, zusammengebrochen unter einer Schuldenlast von 630 Milliarden Dollar - was für eine gigantische Summe. Der Lehman-Crash riss nur wenig später die Weltwirtschaft nach unten. Die Aktienkurse? Im freien Fall. Auch das Vertrauen der Banken untereinander wurde gründlich zertört: Niemand wusste, welche Giftpapiere der andere noch im Keller hatte. Der Hilfe des Staates konnte man sich auch nicht mehr sicher sein. Als Folge kam das Interbankengeschäft, der kurzfristige Verleih von Geld zwischen den Instituten, praktisch zum Erliegen.

Der Rest ist jüngere Geschichte. Die Krise griff auf die Realwirtschaft über. Die US-Regierung musste nach dem Versicherungsgiganten AIG auch die Autokonzerne General Motors (GM) und Chrysler teilweise verstaatlichen, um einen Zusammenbruch zu verhindern. In Deutschland wurden mehrere Landesbanken per Rettungsschirme geschützt, die Bundesregierung stellte Milliarden für die angeschlagenen Banken bereit.

Die Commerzbank flüchtete sich schließlich unter diesen Schutz und wurde mit 18,2 Milliarden Euro vor Schlimmerem bewahrt. Das von Martin Blessing geführte Institut hat das Geld zwar weitgehend zurückgezahlt, der Bund hält aber immer noch ein Viertel der Bankaktien.

Und heute? Erneut ist das Vertrauen der Banken untereinander gestört. Auslöser ist heuer die Überschuldung der Länder am südlichen Rand der Euro-Zone. Ob die Krise auch dieses Mal auf die eben wieder erstarkte Realwirtschaft übergreifen wird – darüber streiten die Experten.