US-Notenbankchef

Ben Bernanke ist Amerikas letzte Hoffnung

Bewältigen die USA die Krise, könnte Bernanke zum amerikanischen Helden werden. Noch weigert er sich, die Gelddruckmaschine anzuwerfen.

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Es ist ein nettes Städtchen in einem Tal der Rocky Mountains: Wer nach Jackson Hole fährt, sehnt sich nach Bergen, frischer Luft und Ruhe. Doch einmal im Jahr, immer im August, ist es mit der Idylle vorbei. Die wichtigsten Notenbanker der Welt und hochkarätige Ökonomen diskutieren dann in der abgeschiedenen Kleinstadt über die ganz großen Probleme der Weltwirtschaft.

2010 legte der Chef der US-Zentralbank Federal Reserve, Ben Bernanke, in Jackson Hole einen furiosen Auftritt hin. Er kündigte damals an, ein zweites Mal zum Instrument der „quantitativen Lockerung“ greifen zu wollen: Die Wirtschaft sollte erneut mit Liquidität überschwemmt werden – in der Hoffnung, die Konjunktur zu beleben.

Ein Jahr später kämpft die US-Wirtschaft wieder mit den gleichen Problemen wie vor zwölf Monaten: hohe Arbeitslosigkeit, geringes Wachstum, Deflationsgefahr. Die ganze Wirtschaftswelt fieberte deshalb dem diesjährigen Auftritt von Bernanke in Jackson Hole entgegen. Würde er nun eine dritte Geldschwemme ankündigen?

Doch dieses Mal enttäuschte Bernanke die Investoren . „Es ist offensichtlich, dass die Erholung von der Finanzkrise weit weniger robust war, als wir gehofft hatten“, sagte er. Die US-Notenbank verfüge über eine Reihe von Instrumenten, um die Konjunktur zu stärken, und sie sei „bereit, sie einzusetzen, wenn es angemessen ist“. Doch konkrete Maßnahmen kündigte Bernanke nicht an. Finanzmärkte und viele Ökonomen reagierten unzufrieden.

Jede Handlung wird genau beobachtet

Doch egal, welche Entscheidung der US-Notenbankchef getroffen hätte: Harsche Kritik aus einem der politischen Lager wäre ihm ohnehin sicher gewesen. Mit Argusaugen wird jede Handlung Bernankes beobachtet, zumal die amerikanische Politik ihr Pulver im Kampf gegen die Krise verschossen hat und überdies tief zerstritten ist.

Bekommen die USA die Probleme in den Griff, könnte er zu einem amerikanischen Helden werden. Doch klettert die Wirtschaft nicht bald aus ihrem Loch, könnte der 57-Jährige auch das Gesicht sein, das mit dem Abstieg der USA als ökonomische Supermacht verbunden wird.

Die Amerikaner selbst haben offenbar nur wenig Vertrauen in ihren obersten Notenbanker. Vor Kurzem ließ der TV-Sender CNBC Bürger fragen, ob sie Bernanke zutrauen, die Krise zu lösen. 95 Prozent der Befragten verneinten die Frage.

Viele Demokraten halten Bernanke vor, dass er noch mehr Geld in die Märkte hätte pumpen müssen. Sie fürchten, dass den USA – wie einst Japan in den 90er-Jahren – ein verlorenes Jahrzehnt mit hoher Arbeitslosigkeit und deflationären Tendenzen droht.

Die Republikaner hingegen sorgen sich, dass Bernanke die Inflation antreiben könnte, wenn er die Notenpresse weiter auf Hochtouren laufen lässt. Rick Perry, Gouverneur des Bundesstaats Texas und republikanischer Präsidentschaftsbewerber, sagte, er würde es als Verrat ansehen, sollte Bernanke vor den Wahlen 2012 erneut Geld drucken.

Notenbank muss gegensteuern

Das war nur einer von vielen Angriffen, denen Bernanke derzeit ausgesetzt ist. Dabei halten viele Kenner den Mann für die optimale Besetzung. Vor seiner Zeit als Notenbankchef forschte Bernanke als Wirtschaftsprofessor über die Große Depression der 30er-Jahre.

Seine zentrale Erkenntnis: In der Krise fahren die Banken ihre Kreditvergabe herunter . Wenn eine Notenbank nicht früh genug gegensteuert und den Banken billiges Geld zur Verfügung stellt, entsteht ein Teufelskreis, und die Wirtschaft geht völlig den Bach runter.

Als 2008 die Finanzkrise ausbrach, setzte Bernanke seine Theorie in die Praxis um. Er pumpte viel Geld in die Märkte. Als im Sommer 2010 ein Rückfall in die Rezession drohte, legte Bernanke mit einem 600-Milliarden-Dollar-Programm noch mal nach. Doch ob es gewirkt hat, ist umstritten.

„Wenn das zweite Aufkaufprogramm so ein Erfolg gewesen wäre, hätten wir die Diskussion um ein drittes Programm doch gar nicht“, schreiben Ökonomen der Royal Bank of Scotland. Auf dem Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger diese Woche in Lindau am Bodensee waren sich Ökonomen ebenfalls nicht einig, ob Bernanke nochmals Geld drucken sollte.

Insgesamt stellten die meisten Preisträger ihm aber ein gutes Zeugnis aus. Nur der Kanadier Robert Mundell sagte, die Fed habe durch eine zu strenge Geldpolitik den Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 befördert.

Dabei war es, im Gegenteil, die lockere Geldpolitik der vergangenen Jahre, die Bernanke einen Spitznamen eingebracht hat: 2002 sagte er in einer Rede, die US-Notenbank könne einfach Geld drucken, um sich gegen den Teufelskreis aus fallenden Preisen und zurückgehender Nachfrage zu stemmen. Nach dieser Rede kam das Bild des Geldabwurfs aus dem Hubschrauber auf, aus Ben Bernanke wurde „Helikopter-Ben“.

Wird er seinem Namen doch noch gerecht? Bernanke selbst gab den Märkten zumindest ein bisschen Hoffnung. Er verlängerte die nächste Sitzung der Fed von einem auf zwei Tage. Das nährte Spekulationen, die Notenbank werde dann sehr wohl über eine dritte Runde der quantitativen Lockerung beraten. Helikopter-Ben kreist weiter, aber noch hat er die Luke nicht geöffnet.