Managergehälter

Der Bonus ist tot, es lebe das Fixgehalt!

Die Regierung wollte Banker-Boni deckeln. Doch die Institute haben längst Schlupflöcher gefunden – sie schrauben die Fixgehälter hoch.

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Der Ordner, der vor dem Vorstandsvorsitzenden einer größeren deutschen Bank auf dem Schreibtisch liegt, wiegt ein paar Kilo. Und er ist mehrere Hunderttausend Euro wert. Darin reihen sich teure Gutachten aneinander, von Personalberatern und Rechtsanwälten. „Dieser Ordner liegt nachts neben meinem Bett“, sagt der Bankchef sarkastisch. „Ich beschäftige mich kaum noch mit etwas anderem.“ Der Mann muss die Gehälter seiner Mitarbeiter an neue Vorschriften anpassen. An Regeln, die Gehaltsexzesse bekämpfen sollen. Wenn der Manager das hört, lacht er nur höhnisch. „Meine Personalkosten werden deutlich ansteigen.“

In diesem einen Satz kondensiert sich der voraussichtliche Misserfolg eines Lieblingsprojekts der deutschen Finanzmarktpolitik. Seit zwei Jahren bastelt die Berliner Regierung – mal im internationalen Austausch, mal im Alleingang – an den Bonussystemen für Banker herum. Im Oktober erließ das Finanzministerium eine Verordnung, die ein für allemal falsche Anreize und exzessive Gehälter beseitigen sollte. Doch das Ergebnis fällt für alle Seiten frustrierend aus: Die Banken fühlen sich gegängelt – und die politischen Ziele werden verfehlt. Falsche Anreize bekämpft man nur bedingt. Und unterm Strich werden viele Banker nach Recherchen von Morgenpost Online eher mehr als weniger verdienen – zumindest in eher schlechten Jahren.

In der Öffentlichkeit wurde die sechsseitige Verordnung kaum beachtet – doch auf den Vorstandsetagen der Banken ist sie seit Wochen Anlass für große Wut. „Ein administrativer und juristischer Moloch mit geringer ordnender Funktion“, schimpfte DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch diese Woche bei einem Branchenkongress. Und anders als der zuletzt viel diskutierte Gehaltsdeckel von 500.000 Euro gilt die Vergütungsverordnung nicht nur für staatlich gerettete Banken, sondern für die ganze Branche – mit Ausnahme sehr kleiner Häuser. Andere Bankenführer wie Josef Ackermann scheuen die öffentliche Konfrontation. Doch hinter den Kulissen soll auch der Deutsche-Bank-Chef grollen.

Der größte Knackpunkt: Boni müssen künftig mit mehrjähriger Verzögerung ausgezahlt werden. Hochrangige Manager dürfen nur 20 Prozent des Bonus sofort in bar erhalten. Der Rest muss über verschiedene Instrumente gestreckt werden – bis zu sieben Jahre wird es nach Interpretation der Banken dauern, bis die volle Summe ausgezahlt ist. Doch zu der erhofften Mäßigung trägt das kaum bei. Schließlich müssen die Banken ihre Mitarbeiter dazu bringen, ihre Arbeitsverträge zu ändern, ohne sie zu vergraulen – und das keineswegs nur im Investmentbanking. Die Streckung könne „durch geeignete Maßnahmen ausgeglichen werden, etwa indem die Fixgehälter deutlich steigen“, sagt Dirk Jäger, Geschäftsführer des Bankenverbands BdB. Das bestätigen Banker für ihr Haus, wenn sie nicht namentlich zitiert werden: „Wir werden dieses Jahr noch mal die Boni hochschrauben und die Fixgehälter gleich mit“, sagt ein Vorstandschef. „Irgendwie müssen wir die Mitarbeiter ja entschädigen.“

Deutsche Banken nehmen sich Beispiel an den USA

Damit eifern die deutschen Institute angelsächsischen Banken nach, die die Basisgehälter bereits deutlich erhöht haben. Bei US-Banken wie Citi oder Morgan Stanley stiegen sie um mehrere Dutzend Prozent, die britische HSBC machte diese Woche gar mit einer Verdoppelung Schlagzeilen. Diese Verschiebung sei kritisch, sagt Martin von Hören, Partner bei der Personalberatung Kienbaum: „Sie führt unter anderem dazu, dass die Banken in der nächsten Krise auf einem deutlich höheren Fixkostenblock sitzen werden. Krisenfester macht sie das nicht gerade.“ Schließlich machen bei vielen Banken die Personalkosten mehr als 50 Prozent der Verwaltungsausgaben aus.

In der schwarz-gelben Koalition sieht man darin jedoch offenbar kein Problem. „Unser Ziel ist es ja gerade, von den unverhältnismäßigen Boni wegzukommen“, sagte Leo Dautzenberg, finanzpolitischer Sprecher der Unions-Fraktion, Morgenpost Online. Denn das kurzfristige, allein auf Boni ausgerichtete Bankgeschäft habe wesentlich zur Finanzkrise beigetragen. „Dass in einigen Bereichen jetzt die Festgehälter steigen, mag eine Folge der Gesetzgebung sein“, so Dautzenberg weiter. Dennoch erhalte man „eine größere Stetigkeit, weil Boni eine geringere Rolle für den einzelnen Mitarbeiter spielen“. Zudem setzt er darauf, dass die Finanzaufsicht BaFin Exzesse bei Fixgehältern verhindern wird.

Tatsächlich schließt die Verordnung weitgehend aus, dass ein Investmentbanker mit Zockereien in einem einzigen Jahr zig Millionen abräumt – aber eben um den Preis eines deutlich höheren Basisgehalts, dass er bei späteren Verlusten behalten darf. Und auch bei den Kriterien, nach denen Boni vergeben werden, bleibt die Regelung eher vage. „Dabei hängt das Verhalten doch stärker davon ab, wofür ich mein Geld bekomme, als vom Zeitpunkt der Auszahlung“, sagt ein Personaler einer großen Bank. Auf Nachbesserungen hofft er nicht – die würden ihn wohl noch mehr einschränken.

Schon jetzt sehen sich die deutschen Institute international im Nachteil. Zwar gehen die hiesigen Bestimmungen auf globale Leitlinien zurück, die EU hat sie aber weiter verschärft – und selbst innerhalb des Kontinents gibt es Unterschiede. „Deutschland setzt mit Übereifer um, was aus Europa kommt“, sagte BdB-Präsident Andreas Schmitz diese Woche. „In anderen Ländern ist das nicht der Fall, und außerhalb Europas werden die Vorgaben ohnehin lockerer ausgelegt.“ Auch Kienbaum-Experte von Hören warnt: „Arbeitsplätze in Banken außerhalb Europas werden attraktiver.“ Argumente, die die Bundesregierung kaum anfechten dürften. Denn in Berlin ist man sich der Standortfaktoren durchaus bewusst. Man habe es aber schlicht aufgegeben, Frankfurt gegenüber London oder New York stärken zu wollen, heißt es in Regierungskreisen. „Das ist politisch gar nicht gewollt.“