Arbeitsbedingungen

Allianz kämpft für homosexuelle Mitarbeiter

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Marc Neller

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Seit 1998 steht das Thema auf ihrer Agenda. Jetzt startet die Allianz eine Initiative für bessere Arbeitsbedingungen für Homosexuelle.

Die Allianz will Arbeitsbedingungen für lesbische und schwule Mitarbeiter verbessern. Im Herbst soll es einen Runden Tisch mit Vertretern aus der Politik, Wissenschaft und Unternehmen geben. Die "Welt" sprach mit Allianz-Personalvorstand Christian Finckh über Gründe, Hoffnungen und Grenzen des Vorhabens.

Morgenpost Online: Herr Finckh, was genau haben Sie vor?

Christian Finckh: Wir haben einen Runden Tisch initiiert, gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und anderen Unternehmen, um uns zu diesem Thema auszutauschen.

Morgenpost Online: Früh dran sind Sie nicht. Ford hat vor gut 15 Jahren damit begonnen.

Finckh: Wir haben das Thema schon seit 1998 auf der Agenda, als Teil unserer Diversität. Dazu gehört das Frauenthema, aber dazu gehören auch Fragen der Nationalität, ethnische Hintergründe - und eben auch sexuelle Orientierung.

Morgenpost Online: Warum interessieren Sie sich jetzt für die?

Finckh: Der konkrete Anlass war, dass wir gemeinsam mit anderen Unternehmen wie SAP, IBM oder auch Telekom auf einer Bewerbermesse zu diesem Thema gesprochen haben. Im Vorfeld habe ich mich mit den entsprechenden Communities bei uns im Haus ausgetauscht und dabei festgestellt, dass noch Handlungsbedarf besteht.

Morgenpost Online: Nämlich?

Finckh: Wir fragen in einer konzernweiten Umfrage jedes Jahr, ob unsere Mitarbeiter Angst vor Diskriminierung haben. Die Allianz hat da immer beste Werte, unsere Mitarbeiter wissen, dass Diskriminierung nicht geduldet wird. Dennoch gibt es etwa schwule oder lesbische Mitarbeiter, die Angst davor haben, dass ein absichtliches oder versehentliches Outing zu beruflichen Nachteilen für sie führen kann.

Morgenpost Online: Wie viele Mitarbeiter betrifft das?

Finckh: Wir schätzen fünf bis zehn Prozent - etwa der gleiche Anteil, den Untersuchungen auch für die Gesellschaft angeben.

Morgenpost Online: Was versprechen Sie sich?

Finckh: Es gibt verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen, denen zufolge ein Teil der Arbeitskraft verloren geht - weil Mitarbeiter bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit geheim halten oder vertuschen. Manche Studien sprechen von einer um 20 Prozent verminderten Arbeitsleistung. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich weiß aber aus Gesprächen, dass es Mitarbeiter gibt, die sehr darauf achten, dass dieser Teil der Persönlichkeit nicht zutage tritt.

Morgenpost Online: Das heißt, es geht auch um Geld.

Finckh: Die Angst vor einem Outing ist ja nur ein Aspekt. Wir schicken beispielsweise viele Mitarbeiter ins Ausland. Da geht es ja grundsätzlich immer um die Frage: Kommt die Familie mit? Die Leute aus der Community sind sehr mobil, das heißt, sie sind für Auslandsjobs gut geeignet. Und sie stehen vor der Frage, zieht der Partner mit? Darf oder muss es der Arbeitgeber erfahren? Muss ich Nachteile befürchten? Wir möchten den Mitarbeitern solche Sorgen nehmen.

Morgenpost Online: Sind es mehr geworden, ist das Thema deshalb jetzt wichtig für Sie?

Finckh: Ich glaube nicht, dass es mehr geworden sind. Ich glaube, es gibt ein drängenderes Bedürfnis, das Problem zu adressieren.

Morgenpost Online: Sie meinen die Angst, wegen ihres Sexuallebens benachteiligt zu werden.

Finckh: Entscheidend ist die Angst vor Benachteiligung . Und wenn Sie sich manche große, internationale Konzerne ansehen, dann sehen Sie, dass man auch dort mit dem Thema offen umgeht.

Morgenpost Online: Gab oder gibt es Fälle, in denen die Allianz einen Bewerber wegen der sexuellen Orientierung ablehnte?

Finckh: Mir sind solche Fälle nicht bekannt. Offensichtliche Fälle würden sicher gemeldet werden. Aber es mag auch einen Graubereich geben, über den man nichts erfährt. Gerade für Bewerber aber ist es wichtig zu wissen, dass wir ein offenes Unternehmen sind, das keine Diskriminierung duldet.

Morgenpost Online: Gab oder gibt es in der Allianz Fälle, in denen jemand wegen seiner sexuellen Vorlieben diskriminiert wurde?

Finckh: Ich meine und ich hoffe, dass wir keine Fälle aktiver Diskriminierung haben. Aber die Furcht vor der Diskriminierung, die ist unser Thema. Das sind die Reaktionen, die ich immer wieder aus Teilen der Mitarbeiterschaft bekommen habe, seit ich Personalchef bei der Allianz bin.

Morgenpost Online: Gibt es Länder, in denen die Furcht vor Diskriminierung verbreiteter ist?

Finckh: Im anglo-amerikanischen Raum ist das Thema schon weit fortgeschritten. Und dann gibt es Länder, in denen das noch nicht so der Fall ist, das hängt vom kulturellen Hintergrund ab.

Morgenpost Online: Wie sieht es in Deutschland aus?

Finckh: In Deutschland sind wir noch nicht so weit wie in anderen Gesellschaften.

Morgenpost Online: Wie erfahren Sie, welcher Mitarbeiter ein Problem damit hat, wenn er sich nicht an Sie wendet?

Finckh: Wir wollen natürlich nicht in das Privatleben unserer Mitarbeiter eindringen. Das Ganze ist ein Angebot, unseren Mitarbeitern die Befürchtungen vor beruflichen Nachteilen zu nehmen. Und diese Befürchtungen gibt es. Das wissen wir.

Morgenpost Online: Werden sich aufgrund Ihrer Initiative mehr Mitarbeiter outen?

Finckh: Es ist selbstverständlich jedem selbst überlassen, ob er sich outen will oder nicht. Auf jeden Fall wollen wir mit unserer Initiative zu einem offeneren Umgang mit diesem Thema beitragen.