Solarforscher

"Sonnenstrom kann Atomenergie am besten ablösen"

Von deutschen Solarbeihilfen profitieren vor allem die Chinesen. Solarexperte Weber rät, trotzdem an dem System festzuhalten.

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Das Fraunhofer ISE ist mit mehr als 1000 Mitarbeitern das größte Solarforschungsinstitut Europas. Institutsleiter Eicke R. Weber ist zugleich Inhaber des Lehrstuhls für Physik/Solarenergie an der Fakultät für Mathematik und Physik an der Technischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Weber ist bekennender Anhänger der Solarförderung – und begrüßt die Entscheidung der Bundesregierung, die Subventionen nicht zu deckeln.

Morgenpost Online: Herr Weber, die Gesetze zur Energiewende sind seit dieser Woche beschlossene Sache. Es gibt leichte Einschnitte bei der Vergütung der Solarenergie. Wird der Ausbau der Fotovoltaik dadurch gebremst?

Eicke Weber: Ich glaube, dass der Zubau von Solarmodulen in der zweiten Jahreshälfte wieder an Tempo zunehmen wird. Der von der Bundesregierung angestrebte „Zielkorridor“ von 2500 bis 3500 Megawatt wird dabei wohl überschritten. Ob wir aber wieder mehr als 7000 Megawatt erreichen, wie im vergangenen Jahr, ist schwer vorherzusagen.

Anfang 2012 wird die Vergütung dann in einem weiteren Schritt zwischen zehn und 24 Prozent gesenkt, je nach Zubaumenge 2011. Das könnte sich auf den deutschen Solarmarkt dämpfend auswirken. Aber auch die Anlagenpreise werden weiter sinken, weil die Hersteller unheimlich innovativ sind.

Deshalb erwarte ich, dass sich der Solarmarkt in Deutschland weiter positiv entwickelt, solange wir die Grundpfeiler des Erneuerbare-Energien-Gesetzes unangetastet lassen. Es war gut, dass die Bundesregierung nicht dem Vorschlag gefolgt ist, die Solarförderung durch einen festen Ausgabendeckel zu begrenzen.

Morgenpost Online: Warum? Von den milliardenschweren Solarbeihilfen, die der deutsche Verbraucher Jahr für Jahr mit seiner Stromrechnung zu zahlen hat, profitiert doch vor allem die chinesische Solarindustrie, die schon im vergangenen Jahr mehr als 70 Prozent der hierzulande installierten Module geliefert hat.

Weber: Eben deshalb wäre es schade, wenn die Politik die Solarindustrie durch eine zu starke Senkung der Einspeisevergütung in die Billig-Ecke drängte. Der Kostendruck wird dadurch so groß, dass die deutschen Hersteller gegenüber der chinesischen Konkurrenz weiter ins Hintertreffen geraten würden. Allerdings werden viele chinesische Module auf Produktionsanlagen aus Deutschland gefertigt und von unseren Handwerkern installiert, die wirtschaftlich davon profitieren.

Morgenpost Online: Chinesische Solarmodule sind anerkanntermaßen genauso gut wie die aus deutscher Produktion. Warum sollte die Politik dann künstlich dafür sorgen, dass der deutsche Verbraucher für ein gleich gutes Produkt mehr zahlen muss?

Weber: Weil die deutschen Kunden sich schon aus emotionalen, psychologischen Gründen eigentlich lieber deutsche Solarmodule aufs Dach setzen würden. Der Kunde kauft lieber ein Produkt von einer Firma, die er weiter verfolgen und ansprechen kann. Auch die Handwerker, die meist erster Adressat bei Garantiefällen sind, würden lieber Module aus deutscher Produktion verbauen. Die alle greifen doch jetzt nur zähneknirschend zu den billigeren chinesischen Modulen.

Morgenpost Online: Fotovoltaik gehört schon jetzt zu den teuersten ökologischen Stromerzeugungsarten. Jetzt plädieren Sie dafür, dass noch nicht einmal die in der globalen Solarindustrie erzielten Kostensenkungen voll an die deutschen Kunden weitergegeben werden sollten. Wie lange soll die Fotovoltaik denn noch der Preistreiber bleiben dürfen?

Weber: Sehen Sie sich einmal die Strompreisentwicklung in den vergangenen zehn Jahren an. Die Preise pro Kilowattstunde sind seit 1998 jährlich recht konstant und linear um 3,8 Prozent gestiegen. Und zwar völlig unabhängig davon, ob es ein Erneuerbare-Energien-Gesetz gab oder nicht. Wenn der Strompreis also nicht aufgrund des EEG steigen würde, würde er aus anderen Gründen steigen.

Zum Beispiel, weil Steuern und Abgaben sowie die Kosten von Öl und Gas weiter steigen. Wir sind an diese Preissteigerungsrate gewöhnt, und solange die Fotovoltaik nicht für einen zusätzlichen Anstieg sorgt, sehe ich in ihrer Förderung kein Problem.

Morgenpost Online: Ein Grund, warum die deutsche Solarindustrie gegenüber der chinesischen Konkurrenz ins Hintertreffen geraten ist, liegt in den geringen Forschungsanstrengungen der Unternehmen. Nach den Zahlen der Branche selbst wurden bislang nur 2,5 Prozent vom Umsatz für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Für eine junge Hightech-Branche in einem Wachstumsmarkt ist das äußerst wenig.

Weber: Ich sehe nicht, dass in Deutschland zu wenig Forschung betrieben wird. Die deutschen Forschungsinstitute sind die besten und effektivsten der Welt. Das können Sie vielleicht schon an der Tatsache ablesen, dass unser Institut für Solare Energiesysteme in Kürze zu den stärksten Fraunhofer-Instituten überhaupt zählen wird. Um unsere Forschungslandschaft werden wir weltweit beneidet.

Morgenpost Online: Das bedeutet nichts anderes, als dass sich die Solar-Hersteller auch noch die Forschung und Entwicklung mit Steuergeldern bezahlen lassen.

Weber: Das ist so nicht ganz richtig. Wir finanzieren 90 Prozent unseres Forschungsetats mit Projekten. Und die Hälfte der Projektaufträge stammt dabei aus der Solarindustrie. Die Branche unterstützt und nutzt die vorhandene Forschungslandschaft damit auf eine sehr effiziente Weise.

Morgenpost Online: Mehr als die Hälfte der Einspeisevergütung fließt aus den Taschen der Verbraucher in die Fotovoltaik, obwohl deren Anteil an der Stromversorgung derzeit kaum drei Prozent ist. Warum sollte sich der Verbraucher gerade diese teure Technologie leisten, deren Ertrag viel niedriger ist als etwa Windkraft?

Weber: Die Fotovoltaik hat gegenüber dem Wind einen unschätzbaren Vorteil: Die Sonne geht jeden Morgen auf. Das Solarstrom-Aufkommen ist viel besser prognostizierbar als das Windaufkommen und kann dezentral, nahe am Verbraucher eingespeist werden.

Das ist für die Netzstabilität wichtig. Zudem produziert die Solarkraft gerade zur Tagesmitte die besonders wertvolle Spitzenlast. Und weil Fukushima im Frühling und nicht im Herbst passiert ist, leistet die deutsche Fotovoltaik heute einen wichtigen Beitrag dazu, die Abschaltung der acht ältesten Atomkraftwerke abzufedern.

Morgenpost Online: Ein Beitrag, der allerdings im Winter wochenlang auf nahezu null fallen wird.

Weber: Stimmt, aber das ist wie Weihnachten vorhersagbar. Da kann man sich drauf einstellen. In Zukunft wird es wichtig sein, das deutsche Verbundnetz stärker mit der Wasserkraft in Österreich und Norwegen zu vernetzen, um Solarstrom auch saisonal speichern zu können.

Morgenpost Online: Was die Kosten erneut deutlich erhöhen würde.

Weber: Sicherlich ist Solarstrom heute noch teurer als anderer Ökostrom. Die Kosten der Fotovoltaik sinken aber schneller als die anderer erneuerbarer Energien. Schon in zwei oder drei Jahren, so haben wir seriös errechnet, werden die Stromgestehungskosten der Fotovoltaik mit denen der Offshore-Windkraft vergleichbar sein.

Jenseits des Jahres 2020 wird Deutschland durch seine erneuerbaren Energien einen echten Standortvorteil haben. So gesehen nimmt die jetzige Generation eine Last auf sich, damit künftige Generationen über saubere und günstige Energie verfügen: Das ist doch eine wundervolle Story.