Gaspreise

Für Millionen Haushalte wird Heizen deutlich teurer

Viele Gasversorger sind an teure Importverträge gebunden. Zu Herbstbeginn erhöhen bundesweit mehr als 190 Anbieter ihre Preise.

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Bei Sonnenschein und Temperaturen jenseits der 25 Grad fällt es schwer, an den Winter und seine Heizkosten zu denken. Doch die Unternehmen der Erdgas- und Heizölbranche haben gar keine andere Wahl, als gerade jetzt ihre Existenz unangenehm in Erinnerung zu rufen.

Denn Energieversorger, die pünktlich zum Beginn der Heizsaison am 1. Oktober ihre Preise erhöhen wollen, müssen dies laut Gesetz sechs Wochen im Voraus ankündigen – also genau jetzt.

Die Tendenz, die sich aus den bisherigen Meldungen der Gasversorger herauskristallisiert, ist Besorgnis erregend : Die kommende Heizsaison wird offenbar wieder so richtig teuer. Die Energiemarktbeobachter des Internetportals Verivox haben über die angekündigten Preiserhöhungen akribisch Buch geführt.

Ihr Ergebnis: 194 Gas-Versorger wollen ihre Preise ab September oder Oktober herauf setzen. Einschließlich der Preiserhöhungen , die bereits im August wirksam wurden, sind es sogar 243 Unternehmen mit Preiserhöhungen. In den betroffenen Regionen gibt es laut Verivox rund 14,2 Millionen Haushalte.

Der Durchschnitt der angekündigten Teuerungen liegt bei 10,7 Prozent. Dieser Durchschnittswert verschleiert allerdings, dass einige lokale Versorger, etwa die Stadtwerke Achim bei Bremen, die Stadtwerke Villingen-Schwenningen oder Schaumburg-Lippe, in einigen Tarifvarianten sogar um mehr als zwanzig Prozent teurer werden. Den Kunden anderer Versorger stehen nur vergleichsweise moderate Kostensteigerungen ins Haus.

Kosten für Erdgas sind gestiegen

So teilte der Mannheimer Energiekonzern MVV mit, der Gaspreis werde sich um 0,3 Cent pro Kilowattstunde und damit für einen durchschnittlichen Privathaushalt um rund fünf Prozent oder 5,95 Euro pro Monat verteuern. Der Hauptstadtversorger Gasag in Berlin teilte mit, dass in diesem Jahr keine Preiserhöhungen mehr geplant sind. Allerdings könne man sie für die Zukunft auch nicht ausschließen. Nach mehreren Preissenkungen im Jahre 2009 hatte die Gasag ihre Preise zuletzt zum 1. Oktober 2010 erhöht.

Die Ursache der höheren Heizkosten erläutert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin: „Die Kosten für den Bezug von Erdgas sind stark gestiegen – eine Folge der wirtschaftlichen Erholung und der steigenden Nachfrage nach Energie.“

Nach Aussage des BDEW-Sprechers habe sich der Import von Erdgas nach Deutschland im Vergleich zum letzten Jahr deutlich verteuert. So musste im Juni 2011 nach Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) im Durchschnitt 24,5 Prozent mehr für die Einfuhr von Erdgas bezahlt werden als im Juni 2010.

Warum einige Gasversorger um über 20 Prozent teurer werden, während andere ihre Preise nahezu stabil halten können, hat mit dem jüngsten technologischen Durchbruch in der Erdgas-Gewinnung zu tun. Seit etwa vier Jahren kann Erdgas wirtschaftlich auch aus unterirdischen Schichten von Schiefergestein gewonnen werden.

Dank dieser Weiterentwicklung der Fördertechnik ist es den USA gelungen, in Sachen Erdgas zum Selbstversorger zu werden. Entsprechend große Gasmengen sind deshalb am Markt frei geworden und werden derzeit billig am kurzfristigen „Spotmarkt“ gehandelt. Freie Händler, die sich dort eindecken, können den Endkunden weiterhin recht günstige Preise bieten.

Auch die freien Händler geraten unter Druck

Doch diese Möglichkeit steht vielen etablierten Stadtwerken und Regionalversorgern nicht offen. Denn als so genannte „Grundversorger“ sind sie gesetzlich verpflichtet, jede denkbare Nachfrage jederzeit decken zu können. Um dies auch garantieren zu können, haben sie sich oft mit langfristigen Lieferverträgen an ausländische Exporteure gebunden, etwa die russische Gazprom.

Diese Langfristverträge enthalten in der Regel eine Klausel, die den zu zahlenden Gaspreis an die Entwicklung des Ölpreises koppelt. Weil am Weltmarkt Rohöl mit der jüngsten Erholung der Weltwirtschaft wieder recht teuer geworden ist, müssen deshalb jetzt auch viele deutsche Erdgas-Importeure mehr zahlen.

Allerdings werden auch die Zeiten für die freien Händler schwerer, die sich bisher am Spotmarkt billig eindecken konnten. „Ein höheres Preisniveau als in der Vergangenheit ist auch an Handelsplätzen zu verzeichnen, an denen kurzfristig Erdgasmengen beschafft werden können“, heißt es beim Energieverband BDEW: Sowohl am Spot- als auch am Terminmarkt seien die Preise für die Beschaffung von Erdgas seit Anfang des Jahres 2010 deutlich gestiegen: „Das zeigt den erheblichen Kostendruck, mit dem es die Unternehmen zu tun haben.“

Deutschland liegt nach den Zahlen der Europäischen Statistikbehörde Eurostat bei den Gaspreisen für Haushalts-Kunden im europäischen Mittelfeld. Betrachtet man die Gaspreise bereinigt um die staatlichen Steuern und Abgaben, liegt Deutschland sogar unter dem europäischen Durchschnitt.

Somit ist der Staat für die Kostenbelastung mit verantwortlich. Denn laut BDEW ist die Steuer- und Abgabenbelastung in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen: „1999 betrug der Anteil staatlicher Lasten am Erdgaspreis 22 Prozent, aktuell machen diese Lasten bereits ein knappes Drittel des Endkundenpreises aus.“