Währungskrise

Berlin muss zum Euro stehen wie Bonn zur D-Mark

Bereits vor einem Menschenleben forderte der deutsche Außenminister Stresemann eine europäische Währung. Der Euro bleibt eine Frage von Krieg und Frieden.

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Zehn Jahre nach dem Versailler Vertrag hielt der totkranke deutsche Außenminister Gustav Stresemann 1929 im Genfer Völkerbund seine Vermächtnisrede. Stresemanns wichtigstes Thema war die Einigung Europas.

Wirtschaftlich betrachtet, sagte er, sei es grotesk, dass "aufgrund neuer praktischer Errungenschaften die Entfernung von Süddeutschland nach Tokio um 20 Tage verkürzt" worden sei, Europa aber so tue, als sei es "ein Kleinkrämergeschäft innerhalb der gesamten Weltwirtschaft".

Sein Plädoyer gipfelte in seinem Ausruf: „Wo bleibt die europäische Münze? Wo die europäische Briefmarke?“ Der Euro war das Ziel dieses harten Verhandlers und weitsichtigen Verständigungspolitikers.

Stresemann, wenn er länger gelebt hätte, wäre mit seinem großen Pariser Partner Aristide Briand in der Weltwirtschaftskrise für europäische statt nationale Lösungen eingetreten. Er hätte Europa vor Hitlers Weltkrieg bewahrt – und das Mittel seiner freien Wahl dafür wäre der Euro gewesen.

Ein Menschenalter nach Stresemanns Tod hat der Euro Weltgeltung erreicht. Deutschlands Exporte haben sich seit seiner Einführung verdoppelt.

Die EU als Modell für die Welt

In Asien schauen Politiker, die in ihren Ländern große soziale, ethnische und religiöse Probleme zu meistern haben, mit Bewunderung auf ihn. Henry Kissinger bezeichnet die EU als Modell für die Welt.

Gemeinsames Geld bringt alle an einen Tisch. Gemeinsames Geld schützt und bindet, es zwingt zum Dialog und zu Rationalität, wie Stresemann es wollte – unter einer Bedingung. Die politischen Träger der Währung müssen ohne Wenn und Aber zu ihr stehen.

Fehlt dieses Rückgrat, wird Geld zum Objekt der Tagesbegierde, zum Gradmesser von Panik und Irrationalität. Währungspolitik hat eine Dimension, die über legitime private Rendite-Erwartungen hinausweist.

Angela Merkel braucht Rückgrat

Bonns Politiker haben das beherzigt. Sie haben zur D-Mark gestanden. Darum hat Deutschland die Einheit bewältigt. Angela Merkel braucht nun dasselbe Rückgrat beim Euro. Sie hat die Chance, Stresemanns Europa zu vollenden.

Das geht nur in Teilschritten. Außer Deutschland hat kein Euro-Partner 1945 eine Stunde null erlebt. Die Seelen und Gefühle der EU-Partner müssen noch zusammenfinden.

Europäische Gegensätze zu vermindern, sagte Stresemann, sei eine Arbeit, „die sich nicht durch Elan und Hurra allein wird lösen lassen“. Schritt für Schritt, Reform für Reform, Gipfel für Gipfel nur gewöhnen die Europäer sich gemeinsam daran, dass unser Geld aller Geld ist.

Aber Europa kommt voran, dramatisch sogar. Athen hat kühne Reformen beschlossen. Spanien setzt das Rentenalter herauf. Italien macht sich allmählich vom Mafia-Druck frei, denn über Geld entscheidet nicht mehr Rom allein.

Die EU-Staaten mögen gelassen bleiben

Wer das alles sieht und trotzdem Rating-Agenturen für wichtiger hält, verkennt die Dimension solchen Fortschritts. Die EU-Staaten mögen gelassen bleiben. Eine Alternative zum Euroraum haben ernsthafte Anleger nicht, die ihre Portfolios klug verteilen möchten.

Das ganze Kapital nach China bringen, mit seiner Parteikontrolle? Viel Spaß. In die USA gehen, bei deren Schuldenstreit? Gute Reise. Liechtenstein oder Schweiz? Die leben vom Euro.

Politische Standfestigkeit zu zeigen heißt deshalb jetzt, die Politik im Euroraum anzugleichen. Damit das funktioniert, brauchen die Reformer in Athen, Rom, Madrid den Rückhalt bei den Starken, vor allem in Paris und Berlin.

Er beginnt mit einer Garantie – so, wie 1948 die USA mit dem Marshallplan den Reformer Ludwig Erhard stützten. Das kostet Zeit und viel Geld. Es nicht zu tun kostet Europa mehr.

Eine Frage von Krieg und Frieden

Nach 65 Friedensjahren ist Tokio von Süddeutschland heute nur noch 20 Stunden entfernt. Den Euro in solchen Zeiten als eine Frage von Krieg und Frieden zu bezeichnen sei unsinniges Pathos, hört man oft.

Darf man sich dessen sicher sein? Zwischen Ungarn, der Slowakei und Rumänien köcheln gefährliche ethnische Emotionen . Der EU wegen ist bisher kein Schuss gefallen.

Bekommt die EU ihre Schulden und damit die Währung nicht in den Griff, verliert sie insgesamt an Autorität. Der ungarische Grenzstreit könnte zu einem Spannungsfall eskalieren. Sofort geriete auch der Balkan wieder in Bewegung, und fraglich wäre, ob die USA uns helfen könnten.

Man möchte nicht ausprobieren, was geschehen könnte, wenn die EU aus Reformunlust und Panik den Euro aufgäbe und so auch ihre friedensstiftende Autorität.

Zukunftsträchtiger ist die Hoffnung, dass Angela Merkel und Nicolas Sarkozy hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg das Werk Briands und Stresemanns krönen.