Trassensanierung

ICE Berlin-Hannover ab Mitte August schneller

| Lesedauer: 8 Minuten
Thomas Fülling

Die Sanierung der Schnellfahrstrecke Berlin-Hannover kommt zügiger voran als geplant. Die Bahn drückt aufs Tempo - auch, um die Verluste gering zu halten.

Auf der Strecke Berlin-Hannover wird seit Monaten gebaut, mit Einschränkungen für die Fahrgäste. Die 263 Kilometer lange Trasse gilt als Vorzeigeprojekt der Deutschen Bahn. Bereits ab 14. August 2011 – und damit zwei Wochen eher als ursprünglich geplant – werden die Züge aus Berlin nun wieder deutlich schneller nach Hannover unterwegs sein. Ein Besuch auf der Baustelle:

Dieser Büffel ist besonders groß. Mit ohrenbetäubendem Lärm frisst er sich durch die Börde, ab und zu bleibt er stehen und schnauft kurz durch. Dann stürmt er weiter. Doch nicht Präriegräser sind sein Futter, sondern Schienen und Betonschwellen. Diese verschlingt der 114 Meter lange und 445 Tonnen schwere Koloss in Sekundenschnelle. Es rumpelt und qualmt. Doch kaum hat sich die Staubwolke hinter dem Ungetüm verzogen, liegen neue Gleise fein säuberlich am alten Fleck.

Die Maschine, die dafür sorgt, heißt eigentlich SUM 315.Und SUM ist wiederum die Abkürzung für Schnellumbauzug. Solche Züge setzt die zur Deutschen Bahn gehörende Bahnbau-Gruppe ein, um Schienenwege neu zu bauen oder zu sanieren.

350 Meter Schiene in einer Stunde

Doch keiner von den Eisenbahnern sagt, da kommt die SUM 315. „Büffel steht für Kraft und Temperament – daher der Name“, sagt einer von den Gleisbauern. Denn der „Büffel“ erledigt die Arbeit, die sie vor nicht allzu langer Zeit mit viel Schweiß und Muskelkraft erledigen mussten, fast mühelos und mit geradezu atemberaubender Perfektion. In nur einer Stunde kann er auf 350 Metern Länge die alten Schwellen und Schienen aufnehmen, anschließend schüttelt er das Schotterbett kräftig auf, um dann darauf umgehend neue Gleise zu verlegen. Nur 18 Arbeiter sind noch an Bord, um das Arbeitstier der Gleisbauer am Laufen zu halten. „Das ist immer wieder aufs Neue faszinierend zu sehen, wie diese Maschine arbeitet“, sagt Günter Göricke, der die Gleisbauer-Kolonne anführt, die mit dem Büffel zwischen Gardelegen und Oebisfelde (Sachsen-Anhalt) unterwegs ist.

Der Gleisabschnitt ist Teil der Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin–Hannover, die von der Deutschen Bahn seit April 2011 umfassend instand gesetzt wird. Obwohl zu großen Teilen gerade einmal 13 Jahre alt, müssen auf der Paradestrecke des bundeseigenen Unternehmens bereits Schienen, Schwellen und Schalldämmungselemente erneuert werden. Die Bahn betont jedoch, dass es sich dabei nicht um eine Sanierung handelt wie erst 2009 im Fall der Strecke Berlin–Hamburg. Während dort ein Großteil der Betonschwellen aufgrund von Pfusch bei der Herstellung ausgetauscht werden musste, seien die Gleise, die von Berlin bis in die niedersächsische Landeshauptstadt führen, einfach verschlissen.

„Die Strecke gehört zu den am stärksten belasteten im deutschen Eisenbahnnetz“, sagt Andreas Ecker von der zuständigen DB Netz AG. Täglich donnern bis zu 170 Züge mit bis zu 250 Stundenkilometern über die Trasse, die 1991 bis 1998 für rund 2,6 Milliarden Euro gebaut wurde. Als Verkehrsprojekt Nr.4 gehört die einstige Transitstrecke zu den Erfolgsgeschichten der Deutschen Einheit. Denn die neue, am 18.September 1998 eröffnete Verbindung hat nicht nur zeitlich die Distanz zwischen dem Osten des Landes und der alten Bundesrepublik schrumpfen lassen. Inzwischen nutzen rund 27.000 Reisende am Tag die Züge, die über die Trasse von Berlin nicht nur nach Hannover und Wolfsburg, sondern auch nach Frankfurt am Main, Stuttgart und Basel sowie in die westdeutschen Großstädte an Rhein und Ruhr fahren. An Freitagen ist die Nachfrage nach Plätzen oft noch deutlich stärker, so die Bahn.

Gerade für die vielen Geschäftsreisenden und Berufspendler, die regelmäßig die schnellen ICE-Verbindungen nutzen, war es daher ein harter Schlag, dass auf der Trasse Berlin–Hannover seit April schon wieder umfangreich gebaut wird. Zwar verzichtete die Bahn auf eine Vollsperrung der Strecke, doch für den ICE-Zugverkehr steht nur ein Gleis zur Verfügung. Auf dem anderen wird gebaut. Ist die eine Seite fertig, wird gewechselt.

Berlin-Hannover in 100 Minuten

Doch auch dieses Verfahren hat Folgen: Zum einen können die ICE aus Sicherheitsgründen nicht mehr so schnell fahren. Und weil sich die Durchlasskapazität deutlich verringert, müssen viele Züge – darunter die alle zwei Stunden nach Amsterdam fahrenden IC – über Magdeburg umgeleitet werden. Bis zu einer Stunde mehr Fahrzeit müssen Reisende derzeit einplanen, die häufigen Verspätungen der Züge sind da noch nicht eingerechnet. Doch ein Ende des Frustes ist in Sicht.

Bereits ab 14. August 2011 werden die ICE aus Berlin wieder deutlich schneller nach Hannover unterwegs sein. Statt der derzeit reichlich zwei Stunden werden die Züge dann nur noch 100 Minuten bis in die niedersächsische Hauptstadt benötigen. Auch die zeitraubende Umleitung der IC-Züge von Berlin nach Amsterdam-Schiphol und zurück über Magdeburg und Braunschweig fällt dann weg. Das spart den Fahrgästen sogar mehr als eine Stunde Zeit. Die schnelleren Reisezeiten sind in den Fahrplänen bereits eingearbeitet und können über die Internetseite der Deutschen Bahn ( www.bahn.de ) und über die Telefon-Auskunft (08001507090) abgerufen werden.

Eigentlich sollten die ICE erst ab 28. August wieder mehr Tempo draufhaben. Auch dank der zügigen Arbeit des „Büffels“ stehen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke inzwischen wieder zwei Gleise zur Verfügung. Derzeit werden letzte Prüffahrten auf den neuen Gleisen unternommen. „Wir geben den Baufortschritt an die Reisenden weiter“, sagte ein Bahnsprecher zu der Angebotsverbesserung. Die ist natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn schlechtere Verbindungen bescheren der Bahn im Fernverkehr auch Einnahmeverluste. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht, doch sie dürften gerade auf der stark genutzten Strecke Berlin–Hannover nicht unerheblich sein.

Allerdings können die Züge vorerst noch nicht auf allen Abschnitten gleich das volle Tempo fahren. So gibt es etwa wegen des geplanten Baus einer Lärmschutzwand noch eingleisige Abschnitte zwischen Stendal und Rathenow. Ungefähr zehn Minuten mehr Fahrzeit macht das laut dem Bahnsprecher noch aus.

Zum vollständigen Normal-Fahrplan für alle Zugverbindungen, die über die Strecke Berlin–Hannover geführt werden, will die Bahn daher – wie angekündigt – erst am 28.August zurückkehren. Dann sollen auch wieder die derzeit komplett gestrichenen ICE-Sprinter fahren, die Berlin und Frankfurt/Main in nur dreieinhalb Stunden verbinden. Aktuell benötigen Bahnreisende für die Strecke noch gut eine Stunde länger. Noch bis 22.Oktober wird es auf dem Abschnitt Rathenow–Berlin noch eingleisige Abschnitte geben, die aber „nur noch minimale Auswirkungen auf den Zugverkehr“ haben sollen.

Diebe stehlen Kupferkabel

Dass vorzeitige Angebotsverbesserungen bei der Bahn längst nicht die Norm sind, belegen die Probleme, die das Unternehmen mit der Strecke Berlin–Cottbus hat. Dort ist bereits seit Mai vorigen Jahres der Abschnitt zwischen Königs Wusterhausen und Lübbenau (Dahme-Spreewald) voll gesperrt, weil dieser für Zuggeschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometer ausgebaut wird. Ursprünglich für Ende April geplant, ist die Wiederinbetriebnahme der Strecke von der Bahn bereits zwei Mal verschoben worden. Die Aufnahme eines durchgehenden Zugverkehrs wird nun für Anfang September avisiert. Konkret im Gespräch ist der 3.September.

Für die Verspätung haben zunächst Diebe gesorgt, die an der Strecke insgesamt 32 Kilometer Kupferkabel gestohlen haben. Der Schaden wurde von der Bahn mit mehr als einer Million Euro beziffert.

Zudem hat die Bahn nun auch noch Probleme mit der Computertechnik, mit der Stellwerke, Signale und Bahnschranken gesteuert werden sollen. Die dafür notwendige Software sei nicht vor Ende August betriebsbereit, hieß es zuletzt.