Versicherungsskandal

Ergo-Orgien lenken von miesen Riester-Praktiken ab

Der Sex-Skandal um Ergo lenkt von hässlichen Praktiken des Versicherungskonzerns ab: Viele Kunden erlitten wegen schlechter Riester-Beratung finanziellen Schaden.

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Wieder einmal dauert es eine ganze Weile, bis Torsten Oletzky den Ernst der Lage versteht. Selbstbewusst, ja fast beschwingt, betritt der Vorstandvorsitzende den Raum im Erdgeschoss der Versicherungsgruppe Ergo, wo rund 50 Journalisten auf seinen Auftritt warten.

Keine Spur von Nervosität ist ihm anzumerken – und das, obwohl es das erste Mal ist, dass er in einer Pressekonferenz zu den zahlreichen Vorwürfen Stellung nehmen wird. Er zwinkert einzelnen Journalisten zu, winkt, und wirkt ganz so, als gäbe es freudige Nachrichten zu verkünden.

Dabei ist seine Mission durchaus heikel: Er will die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass die zahlreichen Affären der vergangenen Monate nichts als eine Kettung von Einzelfällen sei: Die Sexorgie der Vertreter in Budapest , die falschen Formulare bei den Riesterverträgen und die jüngsten Vorwürfe zur falschen Einordnung bei Gruppenkonditionen – all das soll keinen systemischen Zusammenhang haben.

Flashmob bleibt aus

Immerhin einen kleinen Triumph kann Oletzky schon für sich verbuchen, noch bevor die Pressekonferenz beginnt: Der angekündigte „Flashmob“ bleibt aus. Im Internet hatten sich in den Tagen zuvor Hunderte Teilnehmer für eine spontane Kundgebung vor der Konzernzentrale angemeldet. Sie wollten im Bikini und in Bademänteln gegen die Versicherungsgesellschaft und deren skandalträchtigen Budapest-Ausflug demonstrieren. Doch anstatt leicht bekleideter Damen mit Sektflaschen warteten nur korrekt bekleidete Journalisten mit Kameras in den Händen auf dem Victoriaplatz. Die sorgsam vorbereiteten Getränke für die Demonstranten blieben unangetastet, die Polizisten tummelten sich gelangweilt um ihre Motorräder.

Als um kurz nach halb zehn dann doch noch ein junger Mann im schwarzen Bademantel mit einer Handvoll Begleiter auftaucht, stürzen sich die Kameraleute dankbar auf den Sprücheklopfer. „Wir unterstützen Lustreisen für alle. Ich kandidiere für ‚Der Partei – die Partei’, und wir geben den Leuten, was sie wollen. Wenn sie Sex wollen, geben wir ihnen Sex“, trompetet er den Journalisten entgegen.

Martin Sonneborn kommt nicht

Dass sein Kollege Martin Sonneborn, der über das Internet-Portal Facebook zu dieser Demonstration aufgerufen hatte, sich nicht einmal die Mühe machte, selbst zu erscheinen, begründete er nuschelnd mit Terminen in Berlin. Seine blonde Begleitung „Natascha“ schlürft zwar immerhin an einer Sektflasche, ist aber mit einem bodenlangen Bademantel bekleidet – die ersehnten Bilder von langen, nackten Beinen bleiben also aus.

Genauso wie Details zu der Budapester Skandalreise , die den Auftakt zur Serie an Ergo-Enthüllungen machte. „Ich halte es für überflüssig, über Details zu berichten“, sagt Oletzky und stößt sich nicht an den verwunderten Gesichtern, die sich fragen, warum sie dann überhaupt gekommen sind.

Den Medienberichten, die seit April immer wieder eine Reise der Versicherungsvertreter der Hamburg-Mannheimer (HMI) im Jahr 2007 thematisierten, waren reich an Details: Da war von hundert Prostituierten die Rede, die auf offener Fläche in den ungarischen Thermen Versicherungsvertreter für ihre beruflichen Erfolge belohnten, da war von verschiedenfarbigen Bändchen die Rede und von Stempeln, mit denen die Frauen als benutzt gekennzeichnet worden seien. Die HMI ist Anfang 2010 in der Ergo aufgegangen, genauso wie die Victoria-Versicherung. Die Ergo-Gruppe entstand 1998 und ist damit die jüngste unter den großen deutschen Erstversicherern. Sie gehört zugleich zum Rückversicherungskonzern MunichRe.

Sex-Reise war "inakzeptabel"

Die Untersuchungen seien zum Ergebnis gekommen, dass es „sexuelle Handlungen“ gegeben habe, sagt Oletzky und will sich weitere Details ersparen. Erst auf bohrende Nachfragen verrät er mehr: Die Geschichte, dass die Frauen verschiedenfarbige Bändchen getragen hätten, je nachdem ob sie für Vorstände reserviert seien oder nicht, stimme den Erhebungen zufolge nicht. Ob jede Prostituierte pro Akt einen Stempel auf den Arm bekommen hätte, sei nach wie vor unklar. Möglicherweise habe es auch Strichlisten gegeben. „Die Details sollen nichts relativieren. Diese Veranstaltung war und ist inakzeptabel“, betont Oletzky mehrmals. Erstmals gibt er zu, dass hinter den Enthüllungen Streit um finanzielle Ansprüche mit ehemaligen Vertretern stehen.

Mit jeder Frage der Journalisten verliert der Manager ein Stück mehr seiner anfänglichen Fröhlichkeit. Es scheint, als beginnt er zu verstehen, dass er abermals geglaubt hat, das Rennen schon gemacht zu haben, bevor es richtig losging. Schließlich muss er zugeben, dass sein Haus gerade in der Aufarbeitung der diversen Vorwürfe kein gutes Bild abgegeben hat: „Wir haben in der Tat, die Welle nicht abgesehen, die über uns einbrach. Wir haben die Sensibilität einiger Vorwürfe erst zu spät erkannt.“

In dem Skandal überlagern sich zwei Effekte, die der Ergo zum Verhängnis werden: Es ist einerseits die sexuelle Komponente, die für hohe Einschaltquoten sorgt. Dazu kommt jenes Unbehagen, das Verbraucher gegenüber von häufig als „schmierig“ wahrgenommenen Versicherungsvertretern ohnehin haben. Diese Kombination zieht Hohn und Spott nach sich.

Kampagne soll für Vertrauen werben

Der Ergo-Skandal wird zur willkommenen Unterhaltung: Über Monate hinweg wird an Stammtischen darüber philosophiert, ob die Bändchen oder die Stempel verwerflicher seien. Im Internet-Portal Youtube wird eine Persiflage auf den Werbespot der Ergo zum Renner: „Ich hab nicht mit Nutten geknattert“, überspricht ein Satiriker den Originaltext. Eigentlich hat Ergo die Werbekampagne darauf abgestellt, dass man den meisten Versicherungen nicht vertrauen könne – Ergo hingegen mache alles anders. Eine Überheblichkeit, für die das Unternehmen büßen muss. Denn nach dem aktuellen Stand der Dinge hat es tatsächlich vieles anders gemacht – und zwar schlechter.

Doch tatsächlich lenkt der Sex-Skandal von den viel schlimmeren Vorwürfen nur ab. Was Torsten Oletzky zum Themenkomplex Riesterente zu sagen hat, wirft ein hässliches Bild auf die Praktiken der Versicherung. Im Zuge der medialen Berichterstattung tauchte der Vorwurf auf, dass Riester-Antragsformulare einen falschen Kostensatz zu Grunde gelegt haben – zum Nachteil der Kunden. Schon 2005 hatte es erste Hinweise auf Fehler gegeben. Wenigen Kunden war der Fehler im Kleingedruckten aufgefallen, und sie hatten sich beschwert.

Was daraufhin folgte, war nicht etwa eine vollständige Aufarbeitung . Im Gegenteil: Bei jenen Kunden, die selbst darauf aufmerksam wurden, änderte man die Verträge im Einzelfall. Eine Information an alle anderen Kunden gab es hingegen nicht. Dabei geht es nicht um Centbeträge, sondern um eine erkleckliche Summe: Rund fünf Millionen Euro hat Ergo nun als Entschädigungssumme vorgesehen.

Solche Vorfälle bestätigen traurigerweise das, was Verbraucher den Versicherern gern unterstellen: Dass sie im Kleingedruckten Fallen stellen und jene übers Ohr hauen, die es nicht bemerken. Zwar konnte Ergo-Vorstand Oletzky schlüssig darlegen, dass das im konkreten Fall ein Versehen und keineswegs Absicht war, doch der bittere Nachgeschmack bleibt.

Schlechte Noten der Wirtschaftsprüfer

In dieses Bild fügt sich, dass Steffen Salvenmoser, Wirtschaftsprüfer der renommierten Gesellschaft Pricewaterhouse Coopers, zum Ergebnis kommt, dass die Aufklärung im Fall Riesterrente nur die Schulnote „befriedigend“ bekommen würde. Sein Team wurde im Juni von der Ergo zugezogen, um die interne Aufklärung zu verstärken und die bisherigen Bemühungen zu überprüfen.

Im Sex-Skandal vergibt der Wirtschaftsprüfer der internen Aufklärung eine „Eins minus“, abzüglich kleinerer Details habe die interne Revision gute Arbeit geleistet, so der Wirtschaftsprüfer. Doch bei der Aufarbeitung der Riester-Thematik sei die Dokumentation „nicht so gewesen, wie man das sonst gewohnt sei.“ Dass er als Wirtschaftsprüfer mit auf dem Podium der Pressekonferenz sitzt, ist ungewöhnlich. Es sollte wohl betonen, wie sehr Ergo daran interessiert ist, die Aufklärung objektiv und bestimmt voranzutreiben.

Doch schon die Reaktion auf die jüngsten Vorwürfe lassen daran Zweifel aufkommen. So soll es Unregelmäßigkeiten bei Gruppenverträgen in der betrieblichen Altersvorsorge gegeben haben. Oletzky bestreitet, dass systematisch Lebensversicherungen an Betriebsmitarbeiter außerhalb der Kollektivverträge verkauft worden seien – mit einer deutlich höheren Provision. In 99 Prozent der Fälle könne man das ausschließen, 160 Einzelfälle prüfe man noch genauer.

Neuer Verhaltenskodex

Die Vorwürfe seien unpräzise, deswegen dauerten die Nachforschungen noch an, entschuldigt sich Oletzky. Als ihn schließlich ein "Handelsblatt"-Redakteur darauf hinweist, dass er bereits vor zehn Tagen einen konkreten Unternehmensnamen genannt habe, zieht sich Oletzky auf den Datenschutz zurück: „Zu einzelnen Kunden dürfen wir keine Auskunft geben.“ Wieder bleibt ein fahler Nachgeschmack.

Oletzky hofft dennoch, dass sein Konsequenzenkatalog das Vertrauen zurückholen wird: So will man Vertreter einen Verhaltenskodex unterschreiben lassen, es soll eine bessere Dokumentation der Beratung geben, ein Kundenanwalt wird installiert, und ein eigener „Compliance“-Beauftragter soll den internen Kontrollmechanismen höheres Gewicht verleihen.

Das klingt zwar toll, doch ob das die ersehnte Kehrtwende bringen kann, scheint fraglich. Denn die eigentliche Frage, ob es ein strukturelles Problem im Vertrieb gibt, ob man die Provisionssysteme der Vertreter verändern muss, oder sich gar ganz vom HMI Apparat trennen sollte, sind noch nicht adressiert.

Aufklärung bis Dezember

Eine Arbeitsgruppe soll diese Fragen bis zur Aufsichtsratssitzung im Dezember klären, sagt Oletzky. Dass man sich von den Vertretern unter dem Dach der HMI trennt, kann sich der Vorstand derzeit nicht vorstellen. „Aber es gibt keine Denkverbote“, fügt er hinzu. Allzu schmerzlich würde eine Trennung nicht sein – das HMI-Netzwerk trägt derzeit nur zehn Prozent zum Neugeschäft der Ergo bei. Immerhin wäre das weniger schmerzlich als andere Varianten, über die spekuliert wird. Schließlich könnte der Rückversicherungskonzern Munich Re als Konzernmutter die Tochter Ergo ganz abstoßen. Oder Torsten Oletzky muss gehen.

Doch nach seinen Angaben ist das Neugeschäft trotz der Skandale nicht eingebrochen – so lange sich das nicht ändert, wird Munich Re einen kühlen Kopf bewahren. Oletzkys bester Schutz ist, dass ihn derzeit niemand um seinen Job beneidet. So lange die Skandalwelle nicht vorbei ist, stehen seine Chancen deswegen nicht schlecht, dass er sich an der Spitze halten kann.