IG-Bau-Chef Wiesehügel

"Ich wünsche mir, dass Schwarz-Gelb abgewählt wird"

Der Chef der Gewerkschaft IG Bau ist stolz, seit Jahren zu seinen politischen Positionen zu stehen. Beim Kegeln holt sich Wiesehügel Bodenhaftung.

Foto: Katrin Binner

Betongewerkschafter – so nennen Kritiker Klaus Wiesehügel. Seit 16 Jahren ist der Arbeiter aus Mülheim an der Ruhr Chef der Baugewerkschaft. Er kämpfte gegen die Agenda 2010, stemmt sich noch immer gegen die Rente mit 67 und fordert Mindestlöhne.

In seiner Freizeit schiebt das SPD-Mitglied Kugeln – auf der Kegelbahn. Zum Termin mit der „Morgenpost Online“ hat Wiesehügel eine kleine Betriebssportgruppe der IG Bau in eine Äppelwoi-Kneipe nach Frankfurt-Eckenheim eingeladen. Bester Laune begrüßt er seine Mitarbeiter, die nach und nach eintreffen. „Na, Ehefrau, darfste noch weg?“, ruft er einer Kollegin zu. „Die hat erst vor Kurzem geheiratet“, lacht er über seinen eigenen Scherz.

Dann kommt der Nächste auf dem Fahrrad: „Du bist ja jetzt schon völlig außer Atem! Wie willst du jetzt noch kegeln?“ Wieder allgemeines Gelächter. Mit der Kegelbahn ist Wiesehügel nicht ganz zufrieden, denn sie ist nicht aus Holz. Doch der erste Volltreffer einer Kegelschwester motiviert ihn: „Der guten Keglerin ein dreifaches gut Holz, gut Holz, gut Holz!“

Morgenpost Online: Herr Wiesehügel, wie oft kegeln Sie denn?

Klaus Wiesehügel: Alle vier Wochen, immer sonntags nachmittags. Mit meiner Frau und vier anderen Paaren.

Morgenpost Online: Was macht Ihnen denn daran Spaß? Kegeln gilt als spießig.

Wiesehügel: Und bieder, ich weiß. Der Reiz ist, dass es eine relativ unkomplizierte Möglichkeit ist, mich sportlich zu betätigen.

Morgenpost Online: Worauf kommt es an?

Wiesehügel: Man muss geschickt sein. Den Arm gerade halten. Meine Frau wirft sehr langsam, aber sehr präzise. Ich ballere meistens mehr so rein. Jeder hat so seine Art zu kegeln.

Morgenpost Online: Und die Geselligkeit?

Wiesehügel: Das ist ein Kreis, der mit Gewerkschaft und Politik außer auf einer Stammtischebene nichts zu tun hat. Da bin ich nicht der Gewerkschaftsvorsitzende, sondern ein ganz normaler Mensch. Nur einmal war eine Kegelschwester frustriert während der Schröder-Jahre, und dann hat sie doch angefangen, mich als SPD-Politiker zu kritisieren. Da hat ihr Mann aber gesagt: „Jetzt lass den Klaus in Ruh’! Sonst kommt der nicht mehr.“ Für mich ist das Kegeln sehr wichtig, um Bodenhaftung zu bewahren.

Morgenpost Online: Stellen Sie sich beim Abräumen manchmal Köpfe auf den Kegeln vor? Bei Schwarz-Gelb gäbe es doch bestimmt einige Kandidaten, die Sie gerne umfallen sähen.

Wiesehügel: Ich will ja keinen abräumen. Natürlich wünsche ich mir, dass Schwarz-Gelb abgewählt wird. Aber abräumen ist ja ein Gewaltvorgang. Ich werfe die Kugel hin und zerstöre die Formation. Aber ich bin kein Gewaltmensch. Auch wenn ich grob aussehe.

Morgenpost Online: Welche Köpfe stören Sie am meisten?

Wiesehügel: Diese Jungliberalen um Philipp Rösler herum.

Morgenpost Online: Aber die wollen die FDP doch sozial machen.

Wiesehügel: Ach, Quatsch! Überhaupt nicht, nein.

Morgenpost Online: Die wollen Niedrigverdiener und den Mittelstand steuerlich entlasten und die Sozialabgaben senken.

Wiesehügel: Kaum haben wir ein bisschen Geld, sollen schon wieder die Steuern gesenkt werden. Diese ganze Steuersenkungspolitik hat bisher den Hoteliers genutzt und sonst keinem. Wir müssen jetzt erst mal gucken, dass unsere europäische Währung gerettet wird.

Und wenn wir Geld ausgeben, dann muss es in die Bildung fließen, um unseren Nachwuchs für den weltweiten Wettbewerb zu qualifizieren. Ich befürchte, dass bei einer Steuersenkung sich am Ende die Lobbys wieder durchsetzen und wieder nur eine privilegierte Gruppe wie die Hoteliers profitiert.

Morgenpost Online: Man kann ja auch umfallen, indem man vom Kurs oder von Prinzipien abweicht. Gibt es unter Politikern viele Umfaller?

Wiesehügel: Ganz viele, auch in der SPD. Die sehen das aber gar nicht negativ, die sagen einfach, sie hätten ihren Horizont erweitert.

Morgenpost Online: Meinen Sie vielleicht den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder? Sie gelten als besonders starker Gegner seiner Agenda 2010.

Wiesehügel: Schröder ist kein Umfaller. Der hatte noch nie sozialdemokratische Prinzipien, deshalb ist er auch nicht umgefallen. Der hat doch immer geguckt, dass für ihn alles in Ordnung war. Natürlich sind die meisten Menschen auf sich bezogen, wer steht schon morgens auf und sagt: „Hoffentlich geht’s den anderen Menschen gut?“ Aber es gibt eben auch überzeichnetes An-sich-Denken. Manche sind sozialer ausgeprägt, manche sagen: „Ich mach’ jetzt hier mein Ding.“

Morgenpost Online: Aber immerhin musste er abtreten. Viele sagen, Schröder habe mit der Agenda 2010 die Interessen des Landes über die der Partei und seine eigenen gestellt.

Wiesehügel: Das ist doch bei uns inzwischen fast wie in Amerika. Das große Verdienen kommt erst nachher . Jetzt geht’s ihm doch gut. Ähnlich war es bei Walter Riester. Der verdient heute ein ordentliches Zubrot mit seinem Namen, den er einer Rentenform verliehen hat. Er geht zu Versicherungskonzernen, und man bietet ihm Geld dafür. Und er nimmt es auch.

Morgenpost Online: Ist Riester dann ein Umfaller?

Wiesehügel: Er hat sich verändert, wie viele andere in der SPD, aber das ist etwas anderes. Ich habe ja hart diskutiert mit denen. Da war keiner, der gesagt hätte: „Klaus, aber ich will da Ausschussvorsitzender werden, da muss ich mich doch anpassen.“ Die haben alle gesagt, sie seien vom Schröder-Kurs überzeugt. Das schaffe Arbeit. Heute ist es wieder anders. Herrlich, wie geschmeidig die Leute sind. Ich habe da nicht mitgemacht.

Morgenpost Online: Man könnte auch sagen: Viele in der SPD haben sich an neue Realitäten angepasst, Sie dagegen nicht.

Wiesehügel: Man wirft mir ja immer vor, ich sei Betongewerkschafter, ein Teil der Sozialmafia. Eines bin ich auf keinen Fall: ein Umfaller.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihre politischen Positionen nie verschoben?

Wiesehügel: Durch meine Standhaftigkeit hat sich vor allem meine Position innerhalb der Partei verschoben – früher gehörte ich eher zum rechten Flügel, als ich in den 70ern gegen die Kommunisten kämpfte. In der Schmidt-Ära gehörte ich plötzlich zum linken Flügel, ohne dass sich mein Wertekanon verändert hätte. Ich war immer überzeugt davon, dass der Sozialstaat verteidigt werden muss. Die Welt um mich herum hat sich verändert.

Morgenpost Online: Kann man denn in der globalisierten Welt von 2011 der gleichen Meinung sein wie 1980 vor dem Mauerfall?

Wiesehügel: Ich begreife schon die Wesenszüge der VWL – und ich weiß, dass man keine Wirtschafts- und Tarifpolitik mehr machen kann, indem man nur Deutschland im Blick hat. Ich habe bestimmt an der einen oder anderen Stelle meine Meinung verändert in den vergangenen 30 Jahren, aber ich habe es kaum bemerkt. Mir fällt jedenfalls nichts Konkretes ein.

Morgenpost Online: Wenn die SPD sich so verändert hat, warum treten Sie nicht in die Linkspartei ein? Deren Programm müsste Ihnen doch gefallen. Zum Beispiel will sie Hartz IV wieder abschaffen.

Wiesehügel: Die haben sogar mein ganzes Rentenprogramm abgeschrieben. Deswegen muss ich ja nicht gleich herüberrennen. Langfristig sehe ich bei denen kein Potenzial, die Regierungsverantwortung zu übernehmen und gestaltende Politik zu machen. Das Personal ist zu chaotisch und abenteuerlich.

Morgenpost Online: Was hat Ihre Überzeugungen geprägt?

Wiesehügel: Mein Vater war auch Bauarbeiter. Ich habe mitbekommen, wie schwer es für ihn war, seine Familie vernünftig mit den Grundbedürfnissen auszustatten. Ich habe schon als kleines Kind mitgekriegt, dass es Klassenunterschiede gibt. Links von meiner Schule wohnten wir Arbeiter, rechts davon Zahnärzte und Studiendirektoren. Wir waren alle in einer Schule. Mit 15 bin ich in die Ausbildung gekommen und habe dort von Anfang an Gewerkschaftsarbeit gemacht.

Morgenpost Online: Und dann begann die Funktionärskarriere?

Wiesehügel: Wir waren damals ein Dutzend Azubis auf einer Baustelle, und wir wollten unsere eigene Bude zum Essen und Umziehen haben. Ich bin losmarschiert und hab’ das organisiert, wir haben sie dann selbst gebaut. Das Ergebnis: Bei der nächsten Jugendvertreterwahl wurde ich Jugendvertreter. Und dann kam Stein auf Stein.

Morgenpost Online: Was zeichnet einen guten Gewerkschafter aus?

Wiesehügel: Das ist jemand, der etwas zu sagen hat, eine klare Position bezieht, sich gut ausdrücken kann und gut rüberkommt.

Morgenpost Online: Ist jemand, der Zugeständnisse macht, um Jobs zu sichern, auch ein guter Gewerkschafter?

Wiesehügel: Klar ist der auch ein guter Gewerkschafter, das habe ich ja auch schon gemacht. Zehn Jahre lang wurden in meiner Branche Jobs abgebaut, das war mehr Geben als Nehmen.

Morgenpost Online: Darf ein Gewerkschafter auch Verständnis für Arbeitgeber haben?

Wiesehügel: Ein guter Gewerkschafter ist nicht jemand, der Unternehmer hasst. Man kann seine Position haben und dennoch die Gegenseite verstehen. Ein guter Tarifpolitiker muss sich sogar im Geiste auf den Stuhl des anderen setzen können und begreifen, wo ihm der Schuh drückt.

Morgenpost Online: Gibt’s auch manchmal Streit in Ihrer Kegelmannschaft?

Wiesehügel: Kenn’ ich gar nicht. Höchstens Ehrgeiz. Bei einem Spiel kann man Kegelkönig werden, das will dann jeder, ich auch, das ist doch klar. Aber man muss an einem Strang ziehen, man gewinnt ja nur mit den anderen zusammen.

Morgenpost Online: Die Gewerkschaften werben mit dem Motto: „Alleine verliert man als Arbeitnehmer.“ Warum scheren so viele aus?

Wiesehügel: Ich frag’ mich auch immer, ob diejenigen nicht zu Ende denken. In letzter Zeit hat mich beim Baukonzern Hochtief sehr bewegt, dass manche Betriebsräte allein die Interessen des Vorstandes vertreten haben, anstatt mit der Gewerkschaft für die Belange der Belegschaft zu kämpfen. Nachdem es zum Eklat kam, sind manche auch aus der Gewerkschaft ausgetreten. Das war dann schon sehr traurig.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich das?

Wiesehügel: Für viele ist das einfach toll, wenn sie beauftragt werden, mit dem Chef gemeinsam die Firma zu retten. Man muss immer sehen, dass Vorstände auch versuchen, Betriebsräte einzuwickeln. Manchmal sind wir als Gewerkschaft auch daran schuld, wenn das klappt, weil wir nicht nah genug drangeblieben sind.

Morgenpost Online: Berühmtestes Beispiel ist wohl der ehemalige VW-Gesamtbetriebsrat Klaus Volkert, der vom Vorstand Lustreisen nach Brasilien finanziert bekam. Ist der umgefallen?

Wiesehügel: Der ist uns entglitten, würde ich sagen. Menschen sind nicht alle gleich stabil. Manche erliegen bestimmten Verlockungen der Macht und des Geldes. Oder der Anerkennung von scheinbar Mächtigen.

Morgenpost Online: Ist das deutsche System der Mitbestimmung ein Problem?

Wiesehügel: Das ist schon in Ordnung. Doch es gilt für Betriebsräte, den feinen Punkt zu finden, der nicht überschritten werden darf, und das gelingt nicht immer, das ist schwierig.

Morgenpost Online: Tatsache ist, dass die Gewerkschaften ein Mitgliederproblem haben. Ihre Mitgliederzahl hat sich in den vergangenen 15 Jahren ungefähr halbiert. Wird die IG Bau vor Schwäche bald umfallen?

Wiesehügel: Das stimmt uns schon bedenklich. Ein Grund ist, dass wir in der Zeit auch mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Bau verloren haben, die Zahl sank von 1,4 Millionen auf 600.000.

Morgenpost Online: Aber es gibt auch andere Gründe. Viele junge Leute wissen gar nicht, was Gewerkschaften sind.

Wiesehügel: Wir machen uns da natürlich Gedanken, und wir werben viel aktiver als je zuvor um Mitglieder. Um trotz sinkender Mitgliedszahlen unsere Durchsetzungskraft zu behalten, konzentrieren wir uns dabei jetzt auf strategisch wichtige Betriebe. Wir sind auf einem guten Weg, aber das Ziel ist noch lange nicht erreicht.

Morgenpost Online: Hat man Ihnen mal ein Angebot gemacht, für ein Unternehmen zu arbeiten?

Wiesehügel: Immer mal wieder, aber das kommt nicht für mich infrage. In jungen Jahren, da hatte ich mal so eine Phase, wo ich nicht wusste, ob das alles so richtig ist. Da hat mir jemand eine Beteiligung an einem wirklichen gut gehenden Restaurant angeboten, ich sollte als Büffetier die Kellner am Laufen halten. Ich hätte damals 5000 D-Mark im Monat bekommen, und ich verdiente als Gewerkschaftsfunktionär 3200 Mark.

Morgenpost Online: Wieso sind Sie nicht umgefallen?

Wiesehügel: Ich habe lange überlegt. Zum Glück habe ich es nicht gemacht. Sonst würde ich jeden Abend bis ein Uhr nachts Bier verkaufen, statt Gewerkschaftschef zu sein.

Beim Kegeln hat die Wiesehügel-Mannschaft kein Glück. Der IG-Bau-Chef kommt mit der ungewohnten Bahn nicht klar, seine Kegelschwestern glänzen auch nicht. „Jetzt könnt ihr einen ausgeben!“, ruft Wiesehügel nach verlorenem Spiel der Siegermannschaft zu. Dann fließt der Äppelwoi.