Harvard-Forscher

"Europas Politiker reden viel und tun nichts"

Starökonom Alberto Alesina fordert straffe Reformen für Italien. Das schlechte Krisenmanagement mache die nervösen Märkte verrückt, sagte der Havard-Professor.

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Morgenpost Online: Herr Alesina, wird Europa ein Rettungspaket für Italien schnüren müssen?

Alberto Alesina: Ich glaube nicht. Europa und Italien werden sich ohne ein Rettungspaket durchwurschteln. Die Märkte haben ja bereits erleichtert reagiert, nachdem die Regierung Privatisierungen und Steuerreformen angekündigt hat. Wissen Sie, in Italien reagiert die politische Führung immer erst, wenn das Land kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Morgenpost Online: Das könnte zu spät sein. Haben Sie keine Angst vor einer Pleite?

Alesina: Ach was. Italien steht zwar mit dem Rücken zur Wand, aber jetzt scheinen selbst die Politiker den Ernst der Lage erkannt zu haben. Der große Knall wird ausbleiben. Italien hat gewaltige Schulden und wird jahrelang nur schwach wachsen, aber zahlungsunfähig wird das Land wohl nicht.

Morgenpost Online: Die Staatsschulden sind seit Jahren hoch. Warum verlieren die Märkte denn gerade jetzt das Vertrauen?

Alesina: Das liegt am schrillen Ton in der italienischen Politik. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat in der vergangenen Woche in aller Öffentlichkeit gesagt, das Sparpaket von Finanzminister Tremonti tauge nichts. Das war ein Frontalangriff. Tremonti hat dann seinen Rücktritt angedroht, und alle Welt dachte, jetzt zerbricht die Regierung. Damit wäre auch das Sparpaket zerplatzt, und Italien hätte einen sehr gefährlichen Weg eingeschlagen. Davor hatten die Märkte Angst, das war der Auslöser.

Morgenpost Online: Könnte es nicht eher so sein, dass die Märkte von dem Sparpaket selbst enttäuscht waren?

Alesina: Vermutlich auch, und das zu Recht. Die Regierung will ein paar Euro hier sparen, ein paar Euro dort. Es wirkt, als wolle sie die letzten Cents zusammenkratzen, um gerade eben so über die Runden zu kommen. Da ist viel Symbolpolitik dabei.

Morgenpost Online: Zum Beispiel?

Alesina: Die Abgeordnetendiäten sollen gekürzt werden. Das ist sicher ein positives Signal an die Wähler und moralisch richtig, aber das reicht bei Weitem nicht aus. Die Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise, was sie jetzt braucht, sind strukturelle Reformen.

Morgenpost Online: Wie müssen die aussehen?

Alesina: Die Liste ist sehr lang. Der Arbeitsmarkt ist ein Riesenproblem. Für junge Leute ist es sehr schwer, in eine feste Anstellung zu kommen. Der Kündigungsschutz ist sehr rigide, und deshalb haben die Firmen Angst, junge Leute fest einzustellen ...

Morgenpost Online: ... wie in Spanien, wo Jugendarbeitslosigkeit ein großes Problem ist ...

Alesina: ... genau, und stattdessen gibt es befristete Verträge mit schlechter Bezahlung. Deshalb muss der Kündigungsschutz gelockert werden; die Jugend würde davon sehr profitieren. Ich glaube, allmählich begreift auch die Regierung in Rom, dass Reformen nötig sind. Es gibt so viele Baustellen.

Morgenpost Online: Wo denn noch?

Alesina: Die italienischen Firmen müssen wettbewerbsfähiger werden, sie sind viel weniger produktiv als bei Ihnen in Deutschland. Dafür müssen viele Staatsfirmen privatisiert werden. Und viele Berufszweige sind extrem abgeschottet, dort herrscht überhaupt kein Wettbewerb. Bei den Anwälten zum Beispiel, bei den Apothekern und den Ärzten. Da herrschen Verhältnisse wie in Griechenland. Diese Branchen müssen liberalisiert werden.

Morgenpost Online: Halten Sie etwa die italienische Wirtschaft für ähnlich marode wie die griechische?

Alesina: Nein, gar nicht. Die italienische Wirtschaft ist viel breiter aufgestellt als die griechische. In Italien gibt es sehr wohlhabende Regionen mit hoher Produktivität, vor allem im Norden. Und in Griechenland ist die Schattenwirtschaft viel ausgeprägter. Italien ist viel kräftiger als Griechenland.

Morgenpost Online: Hätten ...

Alesina: Nein, stopp, das nehme ich zurück. Italien ist nicht kräftig, aber es ist gesünder als ein gebrechlicher alter Mann, der sich nur noch mit viel Mühe auf den Beinen halten kann.

Morgenpost Online: Hätten all diese Reformen nicht schon vor Jahren auf den Weg gebracht werden müssen?

Alesina: Allerdings. Seit Beginn der Währungsunion im Jahr 1999 hatte die Regierung Zeit, die alten, verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Und sie hatte mehrere Monate, um mit Sparplänen auf die Krise zu reagieren. Aber unsere Politik war vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Morgenpost Online: Verständlicherweise. Tremonti wird Korruption vorgeworfen, Berlusconi kämpft sei Jahren mit unappetitlichen Affären. Können diese Politiker Italien wirklich aus der Krise führen?

Alesina: Das ist in der Tat ein großes Problem der italienischen Politik. Selbst jetzt noch, da schon alles zu kollabieren droht, beschäftigt sich Berlusconi mit vielen anderen Dingen. Ich wünschte, wir hätten einen anderen Regierungschef. Ich wünschte, wir hätten weniger Korruption. Dennoch darf man nicht vergessen, dass Italien es schon einmal geschafft hat, sich aus einer ernsten Krise zu befreien, das war 1992. Auch da war es kurz vor zwölf.

Morgenpost Online: Was muss jetzt geschehen, damit die Märkte wieder Vertrauen fassen?

Alesina: Allein das glaubhafte Versprechen weitreichender Reformen kann auf den Märkten einen gewaltigen positiven Effekt haben. Es ist ja klar, dass Arbeitsmarktreformen und Privatisierungen die Wirtschaft nicht von heute auf morgen wettbewerbsfähig machen, aber sie werden langfristig wirken. Sind die Worte richtig gewählt, können sie Investoren und Verbraucher beruhigen.

Morgenpost Online: Würden die Ankündigungen von Reformen auch die Ratingagenturen überzeugen?

Alesina: Ja, auf jeden Fall. Wobei ich nicht so recht verstehe, warum die Agenturen so angefeindet werden. Sicher, sie haben Fehler begangen, vor allem vor der Subprime-Krise. Aber viele Politiker und Kommentatoren machen die Agenturen jetzt für die Krise in der Eurozone verantwortlich, und das ist Unsinn.

Morgenpost Online: Aber Sie sehen doch, wie nervös die Märkte werden, wenn eine Agentur nur andeutet, dass sie die Bonitätsnote eines Landes senken könnte.

Alesina: Ich stelle Ihnen mal eine Gegenfrage. Stellen Sie sich vor, der Arzt misst Ihren Blutdruck. Er stellt fest, dass Ihr Blutdruck viel zu hoch ist, teilt Ihnen die Werte mit, und Sie erschrecken sich so sehr, dass Ihr Blutdruck noch weiter steigt. Würden Sie jetzt behaupten, das Messgerät habe Ihren Blutdruck nach oben getrieben?

Morgenpost Online: Angenommen, es gelingt nicht, die Märkte zu beruhigen, und Italien taumelt doch in die Pleite – würde die Währungsunion daran zerbrechen?

Alesina: Bestimmt. Italien ist zu groß, um pleitezugehen, und zu groß, um von anderen Euro-Ländern gerettet zu werden. Griechenland, Irland und Portugal sind kleine Volkswirtschaften, damit kommt Europa klar. Aber wenn Italien fällt, haben wir ein Riesenproblem. Eine Pleite Italiens wäre verheerend für die Eurozone.

Morgenpost Online: Aber Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, kein Land werde zurückgelassen. Glauben Sie nicht daran?

Alesina: Diese Aussage ist völlig bedeutungslos. Auf das ganze Gerede gebe ich gar nichts mehr. Die europäischen Politiker reden viel und tun nichts. Ich bin wirklich schockiert. Es vergeht kein Tag ohne eine neue Idee, einen neuen Vorschlag, ein neues Treffen. Europas Politiker sollten aufhören zu reden, sich zurückziehen und erst dann wiederkommen, wenn sie einen Plan in der Hand haben, der ausgereift ist, glaubwürdig und mit dem alle einverstanden sind.

Morgenpost Online: Wir fürchten, so funktioniert Politik nicht.

Alesina: Aber das ist verheerend. Heute biegt ein Regierungschef mit einem neuen Vorschlag um die Ecke – nur damit ein anderer die Idee am nächsten Morgen wieder zerreißt. Dieses Hin und Her der Politik macht die ohnehin schon nervösen Märkte erst recht verrückt. Die Krise wird von der Politik nicht gut gemanagt. Und dabei müsste gerade Deutschland daran viel gelegen sein.

Morgenpost Online: Warum?

Alesina: Die Deutschen haben hart gearbeitet, haben in den Nullerjahren Arbeitsmarktreformen gemacht, haben ein gutes System, um junge Leute in den Arbeitsmarkt zu bringen, und exportieren viel. Und jetzt müssen die Deutschen die Kosten tragen für Länder, die nichts getan haben.

Morgenpost Online: Ist das Geld wenigstens gut angelegt?

Alesina: Stellen Sie sich vor, Europa unternimmt nichts, lässt Griechenland, Portugal und Irland pleitegehen, vielleicht sogar Italien und Spanien. Das wäre eine Katastrophe für Deutschland und viel schlimmer als die Milliarden, die es ausgibt, um diese Katastrophe zu verhindern.

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