Wohltätigkeitsprojekt

Milliardär Bill Gates will die Toilette neu erfinden

Strom aus Kot, Trinkwasser aus Urin: So will die Stiftung des Milliardär-Ehepaars Gates die Trinkwasser- und Sanitärversorgung verbessern.

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Es gibt natürlich appetitlichere Aufgaben. Doch Bill Gates, den einst reichsten Mann der Welt , können auch die verwegensten Vorschläge nicht schrecken. Was ließe sich aus menschlichen Ausscheidungen nicht alles machen: Dünger aus keimbefreitem Kot zum Beispiel, elektrischer Strom aus sich zersetzenden Fäkalien, Trinkwasser aus vor Ort aufbereitetem Urin – das sind nur einige der Ideen, die Forscher in Gates Auftrag verfolgen.

Der legendäre Microsoft-Gründer und heute wohl bekannteste Wohltäter der Welt will die Toilette neu erfinden. Zum Wohle der Menschheit. Dabei helfen ihm auch die deutschen Steuerzahler. Zehn Millionen Dollar hat Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) für ein gemeinsames Projekt mit der Bill & Melinda Gates Stiftung in Kenia zugesagt. In den kommenden fünf Jahren sollen dadurch 800.000 Menschen Zugang zu Sanitärversorgung und 200.000 Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten. Erklärtes Ziel ist es, „innovative Lösungen“ für die Versorgung in städtischen Armutsgebieten zu finden.

„Wir müssen das klassische Wasserklosett überwinden“, sagt Gates und verweist darauf, dass allen Errungenschaften der Zivilisation zum Trotz immer noch 40 Prozent der Weltbevölkerung –also rund 2,5 Milliarden Menschen – bis heute ohne Kanalisation leben müssen. Sie mit klassischen Toiletten zu versorgen, wäre angesichts der weltweit knappen Wasserressourcen kaum möglich.

Handlungsbedarf besteht jedenfalls dringend, denn der Mangel an sauberen Sanitäreinrichtungen und der hygienischen Entsorgung von Fäkalien macht Millionen Menschen krank. Nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef haben 1,1 Milliarden Menschen weltweit noch nicht einmal Zugang zu einem Plumpsklo. Sie verrichten ihre Notdurft im Freien.

Dadurch wird Trinkwasser verschmutzt, und gefährliche Durchfallerkrankungen verbreiten sich rasant. Pro Jahr sterben Unicef zufolge mindestens 1,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Durchfallkrankheiten. Hauptursache ist der Kontakt mit Fäkalien. Ende Juni verabschiedete UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gemeinsam mit Unicef daher den Fünf-Jahres-Plan für nachhaltige Abwasserentsorgung.

Bis zum Jahr 2015 soll es gelingen, den Anteil der Menschen, die keinen Zugang zu Toiletten haben, weltweit zu halbieren. „Sanitäreinrichtungen sind entscheidend, um die Armut auf der Welt zu reduzieren, entscheidend für nachhaltige Entwicklung und entscheidend, um jedes einzelne unserer Millennium-Ziele zu erreichen“, sagte Ban Ki Moon.

Der Ingenieur Frank Rijsberman kann das nur unterschreiben. Er leitet den Bereich Wasser, Abwasser und Hygiene bei der Bill & Melinda Gates Stiftung und arbeitet derzeit zweigleisig: Einerseits unterstützt die Stiftung den Bau von Grubenlatrinen in ländlichen Gebieten oder Slums ohne jede Abwasserentsorgung. Andererseits treibt sie die Forschung voran. Sie vergibt Stipendien an Wissenschaftler, die neue Ideen für die Nutzung von Fäkalien entwickeln. Es gebe Versuche, Kot in einer Art von Mikrowelle zu verdampfen und daraus Energie zu gewinnen, berichtet der Niederländer Rijsberman.

Er erzählt von biologischen Bakterien, die die Abfälle kompostieren könnten, und von der Möglichkeit, Urin direkt in der Toilette wieder in Trinkwasser zu verwandeln. Menschliche Ausscheidungen könnten eine wahre Goldgrube sein, schwärmt Rijsberman. Mit Blick auf die knappen Wasserressourcen unterstützen die Gates Stiftung ebenso wie die deutsche Entwicklungspolitik auch unterschiedliche Projekte zur Weiterentwicklung der so genannten Trockentoiletten. Sie funktionieren ohne Wasserspülung und trennen noch in der Toilette den Kot vom Urin, um ihn zu trocknen.

In einem anderen Verfahren, das die Gates-Stiftung in Südafrika bereits anwendet, soll aus dem Urin von 400.000 Menschen pulverförmiger Stickstoffdünger hergestellt werden. Ein ähnliches Verfahren in einer Hightech-Variante testet die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in ihrem Haupthaus in Eschborn. Die „Aktivitäten“ von Gates und den Deutschen ergänzten sich „sehr gut“, heißt es in Niebels Ministerium. Die Bedeutung dieses Forschungsbereichs sei aber nicht immer leicht zu vermitteln, sagt Stiftungsexperte Rijsberman. Noch hafte Fäkalien eben der „Igitt-Faktor“ an, sagt er.

Außerdem seien Hunderttausende der Betroffenen längst nicht davon überzeugt, dass es überhaupt eine gute Idee sei, Toiletten zu benutzen. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns.“ Die Unterstützung seines Chefs, bei dem Rijsberman eine „persönliche Passion“ für das Thema Toiletten ausgemacht hat, jedenfalls ist ihm gewiss.

Tatsächlich lässt der Multimilliardär keine Gelegenheit aus, für die Überwindung des klassischen Wasserklosetts zu werben: Erst im April besuchte Bill Gates Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Christian Wulff in Berlin. Beim vorabendlichen Treffen mit Hauptstadtjournalisten sinnierte er nicht etwa über große Politik, sondern über „die ultimative Toilette“.