"Forbes"-Liste 2011

Superreicher Carlos Slim, der König Midas von Mexiko

Er ist der reichste Mann der Welt: Carlos Slim. Der mächtige Unternehmer und Strippenzieher verdiente mit 17 sein erstes Geld an der Börse.

Alles, was er anfasst, macht er zu Geld: Carlos Slim ist der König Midas von Mexiko, einflussreicher als Staatspräsident Felipe Calderón – und inzwischen laut der neuen „Forbes“-Liste auch der reichste Mann der Erde. Auf 74 Milliarden Dollar (53,2 Milliarden Euro) beläuft sich sein Vermögen laut der Zeitschrift „Forbes“. Als skrupellosen Eroberer, smarten Verhandlungsführer, politischen Strippenzieher beschreibt ihn sein Biograf José Martínez. Die Politologin Denise Dresser schreibt: „Er kontrolliert alles, kauft alles, er ist die fünfte Macht im Staat und bleibt dabei stets im Schatten.“

Zu seinem Imperium gehören die größte Telefonfirma, Handy- und Internetanbieter, Kaufhäuser, Restaurants, Bäckereien, Fliesenhersteller, Immobilienfirmen, Tabakfirmen, Versicherungen, Erdölzulieferer, Pensionsfonds, Bergbaufirmen, Autozubehörhersteller, Fluggesellschaften und Musikläden.

Seine Holding heißt Carso, gebildet aus den ersten Silben seines Vornamens und des Vornamens seiner verstorbenen Frau Soumaya, einer Cousine des ehemaligen libanesischen Präsidenten Gemayel. Rund 27 Millionen Dollar streicht der 70-jährige Sohn libanesischer Einwanderer täglich an Gewinn ein – während 20 Prozent der Mexikaner mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen.

Billig kaufen, die Unternehmen aufmöbeln und entweder teuer verkaufen oder dem Familienimperium eingliedern, so lautet Slims Formel, mit der er in den vergangenen zwölf Monaten trotz Wirtschaftskrise sein Vermögen um 20,5 Milliarden erweiterte. Das Firmenkonglomerat der Familie Slim, zu der auch seine sechs Kinder gehören, umfasst mittlerweile ein Drittel der an der mexikanischen Börse zeichnenden Unternehmen und erwirtschaftet über sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seine Handyfirma America Movil besitzt Konzessionen von den USA bis nach Feuerland und bedient 150 Millionen Kunden.

Slims Vater Julian war mit 14 Jahren nach Mexiko geschickt worden, weil seine Eltern ihn vor dem Militärdienst in der Armee des Osmanischen Reiches bewahren wollten. Julian baute eine Handelsfirma auf. Seine sechs Kinder erzog er streng. „Hingabe, Talent und Fleiß“ forderte er von seinen Sprösslingen, die schon als Erstklässler Buch führen mussten über die Verwaltung ihres Taschengelds.

Carlos legte ein untrügliches Gespür für Geschäfte an den Tag. Als Teenager investierte er mit Vaters Segen an der Börse, mit 17 Jahren hatte er die erste Million gemacht. Bis heute notiert Slim seine Aufträge in einem schwarzen Notizbuch, den Computer könne er gerade mal ein- und ausschalten, sagt er. Früher hatte er noch alle Konzernbilanzen im Kopf, inzwischen muss er schon mal per Interphone seine Assistenten um Auskunft bemühen. Slim strahlt Autorität aus; seine Mitarbeiter himmeln ihn an.

Das Hauptquartier des Milliardärs befindet sich in einem der feinsten Viertel von Mexiko-Stadt. Die Sicherheitskontrollen sind streng – auch deshalb, weil das Gebäude zahlreiche der Kunstschätze birgt, die Slims Leidenschaft sind. Ein Bild des US-Malers Conrad Wise Chapman ziert sein Büro.

Seine Sammlung von Werken des französischen Bildhauers Auguste Rodin ist die zweitgrößte der Welt – nach dem Rodin-Museum in Paris. Nach dem Tod seiner Frau 1999 ließ er ein nach ihr benanntes Museum bauen, in dem man heute Bilder von Cranach, Rubens, Picasso, Miró, Tamayo und Diego Rivera bewundern kann.

Sein Firmenambiente ist geschmackvoll-erlesen, aber nicht protzig. Stoisch trägt Slim einige Kilos zu viel auf den Rippen. Trotz Doppelkinn, Krähenfüßen und schütterem, ergrautem Haar gilt er in Promimagazinen als „begehrenswertester Witwer“ Mexikos. Doch er lässt sich weder von vollbusigen Schönheiten noch von Publicity verführen. Bis vor einigen Jahren gab er praktisch keine Interviews und lebte äußerst zurückgezogen. Als verschlossen und misstrauisch bezeichnen ihn Geschäftspartner.

„Ich bin kein Weihnachtsmann, Wohltätigkeit löst das Problem der Armut nicht.“ Mit solchen Sätzen schuf sich Slim den Ruf, ein eiskalter Abzocker zu sein. Doch nach dem Tod seiner Frau und seiner eigenen Herzerkrankung widmete er sich der Philanthropie. Wenn er sterbe, nehme er nichts mit, begründete er seinen Sinneswandel.

Seine Stiftungen kümmern sich vor allem um Bildung und Jugendliche, mit Nobelpreisträger Mohammed Yunnus hat er ein Projekt für Mikrokredite gestartet. Heute ist er nach dem mexikanischen Staat der größte Arbeitgeber des Landes, er beschäftigt 250000 Menschen.

Slims gute politische Kontakte nutzten ihm immer, um Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Die Medien, die auf seine Werbemillionen angewiesen sind, fassen ihn sehr vorsichtig an. Er soll Politiker aller Couleur finanziert haben. Ideologisch steht er aber der konservativ-katholischen Partei der Nationalen Aktion (PAN) von Präsident Calderón nahe. Seine Trauung vollzog eine mindestens genauso umstrittene Persönlichkeit wie er selbst: der Päderast und Gründer des erzkonservativen Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel.

Seine Kritiker halten Slims spätes soziales Engagement für ein Feigenblatt. Er blockiere wie ein Feudalherr die Wettbewerbsfähigkeit und damit das Wachstum Mexikos, schreibt die Politologin Dresser. Ein Unternehmen wie Telmex zementiere die Ungerechtigkeit und sorge dafür, dass die Mexikaner die teuersten Telefontarife der OECD zahlen müssten, so die linke Zeitung „La Jornada“.

Der Kauf von Telmex im Jahr 1990 war sein größter, aber auch umstrittenster Coup. 1,8 Milliarden zahlte er für das staatliche Telefonmonopol – ein lächerlicher Preis, kritisierten damals schon Experten. Laut einer jüngst erschienenen Biografie bewilligt Slim sich selbst übrigens nur ein Monatsgehalt von 24.000 Dollar – was, zumindest für einen Milliardär, ziemlich bescheiden ist.