Europa-Zentrale

Gazprom erwägt Umzug von Berlin nach Luxemburg

Verliert Berlin die Europa-Zentrale des russischen Konzerns? Das Exportgeschäft soll weltweit neu organisiert werden. 180 Stellen in der Hauptstadt sind in Gefahr.

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Der russische Staatskonzern Gazprom prüft, seine Europa-Zentrale von Berlin nach Luxemburg zu verlegen. Das sind Überlegungen, die derzeit in der Moskauer Zentrale diskutiert werden, erfuhr Morgenpost Online aus Konzernkreisen. Eine Entscheidung gebe es aber noch nicht. Der russische Gas-Riese ist nämlich dabei, sein Auslandsgeschäft neu zu organisieren. Dazu gehört auch die Neuverteilung der Verantwortlichkeiten. So soll das Exportgeschäft künftig nicht mehr von Moskau sondern von St. Petersburg gesteuert werden, wie russische Medien berichten.

Informationen der „Wirtschaftswoche“ zufolge sollen Unternehmensbeteiligungen, die derzeit unter dem Dach der Tochter Gazprom Germania in Berlin angesiedelt sind, demnächst in Luxemburg konzentriert werden. Das operative Geschäft wolle der Moskauer Energiekonzern künftig von London aus steuern. „Das sind Gerüchte“, sagte allerdings Gazprom-Sprecher Burkhard Woelki Morgenpost Online: „Gerüchte kommentieren wir grundsätzlich nicht.“

Doch es sind offenbar nicht nur Gerüchte. Bislang seien die Umzugspläne nach Luxemburg, noch Spekulationen, die in Moskau von interessierter Seite aus dem Konzern gestreut werden, hieß es im Umfeld von Gazprom Germania in Berlin. Tatsächlich könnte es im Zusammenhang mit dem Umbau des Exportgeschäfts zu Einschnitten bei der deutschen Tochter kommen. Durch die Umstrukturierung des Europageschäfts könnten nämlich einige der derzeit 180 Jobs am Standort Berlin wegfallen. Insgesamt hat Gazprom Germania 520 Mitarbeiter. Die Stadt Berlin müsste bei einer Verlagerung auf erhebliche Steuereinnahmen verzichten, denn Gazprom Germania ist einer der größten Steuerzahler. 2009 hatte Gazprom Germania Ertragsteuern im Umfang von 138 Millionen Euro gezahlt. Der Umsatz erreichte rund acht Milliarden Euro. Die Bilanz für 2010 liegt nicht vor.

Von Berlin aus kontrolliert Gazprom die 50-Prozent-Beteiligung am drittgrößten deutschen Gashändler Wingas, einem Gemeinschaftsunternehmen mit der BASF-Tochter Wintershall. Hinzu kommen noch Handelsgesellschaften in Zürich, London, Istanbul und Prag. Zuletzt galt Gazprom Germania als wichtigste ausländische Dependance des Gazprom-Konzerns. In Zukunft dürfte vor allem die Betreuung des gerade bis 2017 verlängerten Sponsoringvertrags mit dem Fußballclub Schalke 04 zu den Hauptaufgaben zählen. Gegen einen Rückzug aus Berlin spricht allerdings die erklärte Absicht von Gazprom, sich nach der Energiewende in Deutschland stärker bei Gaskraftwerken zu engagieren. So reden die Russen darüber bereits mit E.on, Wintershall, RWE und anderen Produzenten.

Im Zusammenhang mit dem Strategiewechsel soll offenbar auch die Entlassung von Wladimir Kotenjew stehen, den Konzernchef Alexej Miller Anfang Juni überraschend von seinen Aufgaben als Deutschland-Chef entbunden hatte. So soll der frühere russische Botschafter in Berlin noch versucht haben, die „totale Entkernung“ von Gazprom Germania zu verhindern. Kotenev galt als ein Star der Berliner Gesellschaft. Den Ruf hatte er sich in seiner Zeit als Gesandter der Russischen Föderation erarbeitet. Die Empfänge während seiner Botschafterzeit von 2004 bis 2010 galten als legendär. Danach heuerte Kotenev bei der deutschen Tochter des Gasriesen Gazprom in Berlin als Geschäftsführer neben Andrey Biryulin an. Mit seinen Kontakten und seinem Glamour sollte er das Image von Gazprom Germania aufpolieren, doch ihm wurde in der Sache wenig Engagement nachgesagt. Der Ruf des Unternehmens hatte in der Vergangenheit unter Stasi-Geschichten gelitten. Das lag auch an Kotenevs Vorgänger Hans-Joachim Gornig, zu DDR-Zeiten Vizeminister. Gornig blieb als Berater bei Gazprom Germania und soll sich mit Kontenev zuletzt nicht mehr verstanden haben.

Viel konnte der Ex-Botschafter nicht ausrichten. Am 1. Juni 2011 wurde er nach einem Jahr abberufen. „Die Abberufung war eine Entscheidung unseres russischen Gesellschafters“, so ein Sprecher in Berlin. „Wir können dazu nichts sagen, das ist die Kompetenz von Gazprom Germania“, hieß es dagegen in Moskau. Ein Nachfolger für Kotenev wurde bislang nicht benannt. Gazprom hatte sich dann doch noch elegant distanziert. „Wir haben den größten Respekt vor Herrn Kotenews enormen diplomatischen Fähigkeiten. Die neue Wirklichkeit erfordert jedoch von einer Person auf solch einer Schlüsselposition andere Kenntnisse und Erfahrungen.“