Megastaus befürchtet

Autobahn-Baustellen bremsen Urlauber aus

Deutschlands Urlaubern droht ein Ferienstart mit Hindernissen. Hunderte Autobahnbrücken sind marode. Ausgerechnet zum Ferienbeginn wird repariert.

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Knapp 300 Dauerbaustellen behindern in den Sommermonaten den Verkehr und werden auf den Autobahnen für Megastaus sorgen. Doch allen Protesten zum Trotz: Die Mehrzahl der Bauarbeiten ist unaufschiebbar. Es geht um die Sanierung Hunderter Autobahnbrücken, die buchstäblich auf wackligen Beinen stehen. Deshalb ist derzeit rund jede zweite Autobahnbaustelle eine Brückenbaustelle. Insgesamt befinden sich nach Recherchen der Berliner Morgenpost 293 Brücken an Autobahnen und Bundesstraßen in einem kritischen bis ungenügenden Zustand. Sie sind laut ADAC-Präsident Peter Meyer „akut baufällig“ und geben „Anlass zu großer Sorge“.

Standsicherheit gefährdet

Die meisten der Mängelbrücken stehen in Hessen (49), Bayern (42), Baden-Württemberg (34) und Rheinland-Pfalz (29). Von den Brückenbaustellen sind vor allem die stark befahrenen Ferienrouten A1, A3 und A7 betroffen. An der Sauerlandlinie A45 und an der A4 laufen gegenwärtig an fünf Brücken „Notinstandsetzungen“, weil nach Angaben der zuständigen Baubehörden Tragfähigkeit und Standsicherheit der Bauwerke gefährdet sind. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Brücken drohen einzustürzen“, warnt SPD-Verkehrsexperte Uwe Beckmeyer und kritisiert, dass die Bundesregierung zu wenig Geld in den Erhalt der Straßen und Brücken investiere. „Minister Ramsauer lässt die Brücken verrotten“, urteilt Beckmeyer.

Dem widerspricht das Bundesverkehrsministerium: „In Deutschland ist keine Brücke einsturzgefährdet.“ Der Bund investiere in diesem Jahr 2,2 Milliarden Euro in die Instandhaltung der Bundesfernstraßen. „Das ist mehr als in den Vorjahren“, sagt Ministeriumssprecher Ingo Strater und macht die frühere rot-grüne Bundesregierung für den Zustand der Brücken verantwortlich. Damals habe man die notwendigen Erhaltungsmaßnahmen vernachlässigt. Allerdings: Laut einer internen Aufstellung des Verkehrsministeriums sind auch von den 2,2 Milliarden Euro aus dem Instandhaltungsetat von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nur 674 Millionen für Brückensanierungen vorgesehen.

Tatsächlich werden nach Meinung von Bausachverständigen und Politikern in den kommenden Jahren aber zweistellige Milliardenbeträge notwendig sein, um Deutschlands Fernstraßen vor dem Brückenkollaps zu bewahren. „Der Erhalt der Straßen und Brücken darf nicht mehr weiter auf die lange Bank geschoben werden“, sagte Horst Becker (Grüne), Parlamentarischer Staatssekretär im NRW-Verkehrsministerium, der Berliner Morgenpost. Nach seinen Angaben müssen allein in NRW bis 2021 über 300 Großbrücken „dringend saniert, verstärkt und teilweise neu gebaut werden“. Geschätzte Kosten: rund 3,5 Milliarden Euro. Becker sieht eine „Herkulesaufgabe“ voraus, zumal in den Folgejahren nochmals 700 sanierungsbedürftige Brücken hinzukommen werden.

Ohne Verstärkungsmaßnahmen drohen Deutschlands Autobahnbrücken unter der zunehmenden Belastung durch den Lkw-Verkehr zusammenzubrechen. So rechnet der für den Straßenbau zuständige NRW-Landesbetrieb vor, dass zum Beispiel ein einzelner Sattelzug mit zweimal zehn Tonnen Achslast die Bausubstanz der Brücken genauso stark schädige wie 160000 Personenwagen. Auf wichtigen Strecken ist bereits heute jedes fünfte Fahrzeug ein Lastwagen. Bis 2025 rechnet die Bundesregierung mit einer Zunahme des Lkw-Verkehrs um 70 Prozent. Damit werde die Tragfähigkeit der Brücken weit überschritten, warnen Experten. Es bestehe „dringender Handlungsbedarf“, vor allem die Bauwerke aus der Zeit vor 1980 zu verstärken. Andernfalls müssten in Zukunft Autobahnen für den Schwerverkehr gesperrt werden. Es wird also in Zukunft noch mehr Brückenbaustellen und damit auch noch mehr Staus auf den Autobahnen geben.

Bauarbeiten beschleunigen

Unterdessen drängt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer darauf, dass die Bauarbeiten an den Autobahnen schneller erledigt werden. Dadurch sollen Staus vermieden werden. Dazu macht Ramsauer den Bundesländern per Leitfaden detaillierte Vorgaben und will unter anderem den Feierabend der Bauarbeiter neu regeln: An Tageslichtbaustellen und Baustellen, die länger als acht Tage dauern, soll bis zum Einbruch der Dunkelheit gearbeitet werden. „Dadurch lassen sich die Bauzeiten um bis zu 30 Prozent verkürzen“, erklärte Ramsauer der Berliner Morgenpost.

Außerdem soll Ramsauer zufolge auf besonders staugefährdeten Strecken öfters auch nachts sowie an Sonn- und Feiertagen gearbeitet werden. „Diese Vorgabe gilt zwar bereits bundesweit, wird aber vielerorts nicht konsequent genug angewendet“, sagte der Minister. Vorbild in puncto Baustellenmanagement sei Niedersachsen, wo die Bauzeiten auf der A1, A2 und A7 bereits deutlich verkürzt wurden. Ramsauer meinte, in den Bundesländern müsse es einen Paradigmenwechsel geben, hin zu einer „klaren Orientierung an den Bedürfnissen der Autofahrer“.

Mitarbeit: Martin Lutz