Wie es um Welt, Weltpolitik und Weltwirtschaft steht, das wollen 2500 Manager und Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler jedes Jahr im Januar in Davos ergründen. Eine Bemessungsgrundlage bilden die Teilnehmer selbst; wer überhaupt kommt zum Weltwirtschaftsforum in dem Schweizer Alpendorf – und wer nicht anreist. Es gilt auch hier in Anlehnung an Audrey Hepburn: Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen möchte, darf man nicht hingehen.
Dieses Jahr ist die Liste der Wegbleiber auffällig lang. Über die Gründe erfährt man selten etwas Offizielles, häufig liegen sie jedoch auf der Hand. Zu den Abwesenden dieses Jahres gehören zum Beispiel hochrangige Vertreter aus Dubai. In den Vorjahren waren die Scheichs aus dem vormaligen Boom-Emirat mit großem Selbstbewusstsein in Davos aufgetreten. Nun stecken sie in einer schweren Finanzkrise – und wollen sich offenbar keine unangenehmen Fragen stellen lassen.
Das gilt wohl auch für die Wall Street. In einer fernen Vergangenheit – also vor zwei Jahren, vor der Eskalation der Finanzkrise – waren es Chefs der großen Banken vor allem aus den USA, die es richtig krachen ließen in Davos, ganz ihrem Selbstverständnis als „Masters of the Universe“ entsprechend. Im vergangenen Jahr, wenige Monate nach dem Lehman-Kollaps, als die Wirtschaftsführer aus aller Welt sich noch kollektiv in einer Schockstarre befanden, war von Kritik an den Finanzakrobaten wenig zu hören: Industrielle und die Repräsentanten der New Economy drückten den Banken eher die Daumen – auf dass alles noch einmal gut gehe.
Nun, ein Jahr später, ist zwar die Krise noch nicht überwunden – aber doch die Angst vor einer neuen großen Depression. Und so ist nun die Zeit der Abrechnung gekommen. Nicolas Sarkozy gab instinktsicher den Ton an, als er am Mittwochabend in seiner Rede zur offiziellen Eröffnung des Forums hart mit den Bankern ins Gericht ging: „Die Bankiers haben ihren Job nicht mehr gemacht“, wetterte der französische Präsident vor Hunderten von Managern. „Der Beruf des Bankiers ist es nicht, Spekulant zu sein.“
Während sich zahlreiche Vorstandschefs von großen Industriekonzernen in Graubünden eingefunden haben, werden die prominentesten Vertreter der Wall Street, Lloyd Blankfein von Goldman Sachs und Jamie Dimon von J.P. Morgan, wohl gewusst haben, warum sie sich dieses Jahr nicht in Davos blicken lassen. Goldman Sachs sagte auch zum zweiten Mal in Folge seine abendliche Party ab.
Ökonomen sind in Davos zwar durchaus in großer Zahl vertreten. Doch sind es vor allem Vertreter der modernen Verhaltensökonomie, der Behavioural Economics, die das Wort ergriffen: Theoretiker wie Richard Thaler oder Robert Shiller etwa, Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die klassische, marktliberal orientierte Volkswirtschaftslehre in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Abgeordnete der lange dominanten radikalliberalen Chicago School fehlen auf den Podien gänzlich – und blieben ansonsten still. Etwa bei einem Abendessen am Donnerstag, bei der linke Wissenschaftler und Geistliche, darunter der Münchener Erzbischof Reinhard Marx, lang darüber diskutierten, wie sich „der Glaube in die Wirtschaftswissenschaften wiederherstellen“ lasse.
Zwei Stunden lang nahmen die Diskutanten Theorie und Praxis des modernen Kapitalismus auseinander. Im Publikum saß auch Kristin Forbes. Die dezidiert liberale Ökonomieprofessorin vom Massachusetts Institute of Technology, früher mal hauptberufliche Wirtschaftsberaterin von US-Präsident George W. Bush, hörte sich alles aufmerksam an – und sagte selbst kein Wort.
Schließlich wären da noch die Politiker. Die amerikanische Regierung etwa war auffallend schwach vertreten. Präsident Barack Obama fehlte und auch sein Finanzminister Timothy Geithner – und so blieb es Präsidentenberater Larry Summers überlassen, sich die verbreitete Kritik am vermeintlichen amerikanischen Kasinokapitalismus anzuhören.
Und die deutsche Politik? Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) trat ins Rampenlicht, nachdem Außenminister Guido Westerwelle kurzfristig abgesagt hatte. Und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sollte über Atomwaffen diskutieren – und am Sonntag, 31. Januar, morgens auf einer Bergstation in Davos über deutsche Energiepolitik.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Jahr 2009 einen großen Auftritt. Ganz Geopolitikerin, schlug die Kanzlerin damals die Einrichtung eines Weltwirtschaftsrates vor. In diesem Jahr hat sich Merkel erst gar nicht angemeldet. Vermutlich wäre sie auch nicht gerne auf ihre Idee vom Weltwirtschaftsrat angesprochen worden. Vor der nämlich hat man nichts mehr gehört.





