Schwere Vorwürfe

IWF leitet Untersuchung gegen eigenen Chef ein

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat eine Untersuchung gegen seinen Chef Dominique Strauss-Kahn eingeleitet. Nach Informationen des "Wall Street Journal" wird Strauss-Kahn vorgeworfen, seine Machtposition im Zusammenhang mit einer sexuellen Beziehung zu einer Untergebenen missbraucht zu haben.

Foto: REUTERS

Erneut wird das Ansehen einer internationalen Finanzinstitution von einer mutmaßlichen Affäre auf höchster Ebene erschüttert: Anderthalb Jahre nach dem damaligen Weltbank-Präsidenten Paul Wolfowitz steht der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, im Zusammenhang mit einer Liebesgeschichte im Verdacht des Machtmissbrauchs. Ein IWF-Sprecher bestätigte am Wochenende, der Fonds habe Ermittlungen gegen den Franzosen eingeleitet. Laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ geht es dabei um eine Beziehung des 59-Jährigen zu Ex-Mitarbeiterin Piroska Nagy. Nagy hatte den IWF im August im Zuge der Streichung von rund 600 Jobs verlassen.

Ein ranghoher IWF-Mitarbeiter, der Ägypter Schakur Schaalan, habe die Ermittlungen ins Rollen gebracht, sagte IWF-Sprecher William Murray AFP in Washington. Anwälte der Großkanzlei Morgan, Lewis & Bockies prüften die Vorwürfe. Die Untersuchung solle bis Ende des Monats abgeschlossen sein. „Alle Vorwürfe – vor allem, wenn sie sich gegen die Führungsebene richten – werden sehr ernst genommen“, betonte Murray. Zu den Berichten des renommierten „Wall Street Journal“ über Einzelheiten der mutmaßlichen Affäre wollte der Sprecher sich nicht äußern.

Die Zeitung berichtete unter Berufung auf informierte Kreise, dass Strauss-Kahn der ungarisch-stämmigen Nagy erstmals im Dezember 2007 Avancen gemacht habe. Die mit einem Volkswirt verheiratete Nagy arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einer hohen Position in der Afrika-Abteilung. Anschließend hätten die beiden E-Mails über eine mögliche Liaison ausgetauscht, hieß es weiter – und diese habe Anfang dieses Jahres bei einer Konferenz in Europa auch tatsächlich begonnen. Nagys argentinischer Ehemann Mario Blejer, der zeitweise ebenfalls für den IWF arbeitete, habe die Mails schließlich entdeckt.

Im Zentrum der Untersuchung steht nicht, ob der ebenfalls verheiratete Strauss-Kahn eine außereheliche Beziehung hatte, sondern ob er seine Position als IWF-Chef missbrauchte und sich bei der möglichen Affäre der Günstlingswirtschaft schuldig machte – und ob er sich nach dem Ende der Liebschaft womöglich an Nagy rächen wollte. Geprüft wird auch, ob Nagys Abfindungspaket für eine Angestellte in ihrer Position zu hoch war. Nagys Anwalt Robert Litt sagte dem „Wall Street Journal“, seine Mandantin habe den Währungsfonds nicht unter Druck verlassen. Ihre Abfindung entspreche der anderer früherer Mitarbeiter mit ihrer Gehaltsstufe und Berufserfahrung.

Strauss-Kahn betonte, er habe zu keiner Zeit seine Machtposition als IWF-Chef missbraucht. Er räumte ein, es gebe eine Untersuchung „über einen Vorfall in meinem Privatleben im Januar 2008“. Allerdings habe er nichts getan, was seine Arbeit für den IWF beeinträchtigte. Er kooperiere bei der Untersuchung. Strauss-Kahn, ein ehemaliger französischer Finanzminister, wurde im September 2007 zum IWF-Direktor berufen. Der frühere französische Finanzminister ist mit der französischen TV-Journalistin Anne Sinclair verheiratet, aus zwei früheren Beziehungen hat er vier Kinder.

Vor fast anderthalb Jahren war bereits der damalige Weltbank-Präsident Paul Wolfowitz über eine Liebesgeschichte gestolpert: Er trat im Mai 2007 nach wochenlangem Hin und Her wegen der mutmaßlichen Begünstigung einer Mitarbeiterin zurück, mit der er seit langem eine Beziehung hatte. Internen Ermittlungen zufolge hatte Wolfowitz die Regeln der Institution gebrochen, indem er seiner Geliebten kurz nach seinem eigenen Amtsantritt 2005 eine großzügige Gehaltserhöhung und eine Beförderung organisierte.