Doktortitel

Promotion ist ein steiniger Weg zum Karrierekick

Kaum ein Land hat mehr Promovierte als Deutschland. Doch wer sich vom Titel bessere Berufschancen erhofft, sollte nicht nur Kosten und Nutzen genau abwägen.

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Die Master- oder Diplomarbeit ist vollendet, die letzte Prüfung abgeschlossen – nach Jahren grauer Theorie an der Hochschule stürzen sich viele Absolventen nun mit Elan ins Berufsleben. Aber wer sich dort nach einiger Zeit etabliert hat, spielt womöglich mit dem Gedanken, noch zu promovieren.

Der eine sieht durch das Doktorat attraktive Aufstiegsmöglichkeiten im Unternehmen, der andere hat nach dem Studium nur eine dem Abschluss nicht angemessene Stelle bekommen und erhofft sich von der Promotion, seine berufliche Lage zu verbessern.

In vielen Fällen beschleunigt ein „Dr.“ vor dem Namen tatsächlich die Karriere. „In den Top-Positionen der Wirtschaft sind Promovierte überdurchschnittlich vertreten. Für den Aufstieg in die Vorstandsetage ist eine Promotion von Nutzen“, sagt Christian Näser, Vergütungsexperte bei der Unternehmensberatung Kienbaum. Näser hat ermittelt, dass die Einstiegsgehälter sogenannter High Potentials mit Promotion um bis zu 44 Prozent über denen liegen, die Akademiker mit einfachem Hochschulabschluss bei ihrer Erstanstellung bekommen.

Allerdings zeigen diese Daten nur den Durchschnitt, eine Garantie für den Karrierekick ist der Doktortitel nicht.

In der Forschung und in Entwicklungsabteilungen vieler Konzerne ist er Pflicht, etwa für Chemiker und Ingenieure. Doch vor allem im mittleren Management genießt auch der Master of Business Administration (MBA) eine hohe Wertschätzung.

In Näsers Studie von 2010 verdienen High Potentials mit MBA zum Einstieg ähnlich wie solche mit Promotion. Der MBA könnte somit – weil häufig praxisnäher – die womöglich bessere Alternative sein. Deshalb ist genau zu prüfen, ob eine Promotion ratsam ist, zumindest nach Karrierekriterien. Die sollten aber nicht ausschließlich den Ausschlag geben, sagt Marcus Müller, Vorstand bei Thesis, einem Netzwerk für Promovierende und Promovierte. „Der Gedanke an ein hohes Gehalt allein wird nicht genügend Durchhaltevermögen für mehrere Jahre liefern. Es braucht auch den inneren Drang, die gewählte Fragestellung wissenschaftlich bearbeiten zu wollen.“

Allerdings lässt sich in einer berufsbegleitenden Promotion beides gut verbinden. Wer schon einige Zeit im Berufsleben steht, findet hier womöglich interessante Ideen für ein praxisorientiertes Forschungsthema. Davon profitieren im besten Fall nicht nur der Doktorand, sondern auch das Unternehmen und die Hochschule.

„In vielen Fachbereichen ist die Wissenschaft heute auf Praxiskontakte angewiesen – deshalb sollten Promotionswillige mit diesem Pfund wuchern. Und ist das Thema auch unternehmensrelevant, wird auch der Arbeitgeber das Promotionsvorhaben unterstützen“, sagt Erika Haas. Sie berät und betreut Promovierende in allen Phasen der Dissertation.

Ein externer Doktorand hat meist eine größere Distanz zu seinem Betreuer als Doktoranden, die eine Stelle am Lehrstuhl innehaben. Doch das muss kein Nachteil sein, meint Haas. „Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Promovend und Betreuer ist außerordentlich groß, und da ist Distanz manchmal gar nicht so schlecht. Die Betreuung ist in der Regel für beide Gruppen gleich gut.“

Allerdings müssen sich Externe, die bereits in Unternehmen arbeiten, oft erst wieder an die starren Strukturen an vielen Universitäten gewöhnen. Einigen Betreuern fällt es womöglich schwer, sich auf einen selbstbewusst auftretenden, unabhängigen Promovenden einzulassen. „Manche Professoren sperren sich“, weiß Thesis-Vorstand Marcus Müller. Das kann die Suche nach einem Doktorvater erschweren. Doch es gebe auch viele, die externen Promotionen offen gegenüberstehen, sagt Müller.

Selbst die Aussicht auf eine hoch dotierte Stelle kann nicht über die Strapazen hinwegtäuschen, die einem Promotionswilligen bevorstehen. „Man muss sich bewusst sein, dass eine lange Durststrecke vor einem liegt“, erläutert Coach Erika Haas. „Berufsbegleitende Promotionen sind eine über mehrere Jahre andauernde Doppelbelastung, nicht nur für den Doktoranden. Auch Familie und Freunde müssen deshalb das Promotionsprojekt unterstützen“, hat die Wissenschaftsberaterin festgestellt.

Allerdings hat sie die Erfahrung gemacht, dass Akademiker, die sich nach ein paar Jahren im Beruf noch zu einer Promotion entschließen, häufig fokussierter sind. Wer im Job Routine in Projekt- und Zeitmanagement gesammelt hat, könne diese Fähigkeiten auch für die Promotion gut nutzen und effizienter an der Doktorarbeit arbeiten. Dennoch ergab eine Umfrage aus diesem Jahr eine überdurchschnittlich hohe Unterbrecherrate bei extern Promovierenden. Deshalb sollte man die Arbeit an der Promotion nicht nur in Urlaubszeiten verlegen, sonst kann aus der Unterbrechung schnell ein Abbruch werden.