Japan

Steuerzahler müssen Kosten eines Atomunfalls tragen

Im Erdbebenland Japan sind Reaktoren nicht gegen Erdbeben und Tsunamis versicherbar. Daher springt der Staat ein. In Deutschland ist das anders.

Foto: AP / AP/DAPD

Die europäischen Rückversicherer dürften von einer Atomkatastrophe in Japan nur am Rande betroffen sein. Bei der Versicherung von Reaktoren sind Folgen von Erdbeben und Tsunamis in der Haftpflicht üblicherweise ausgeschlossen, weswegen voraussichtlich weder Erst- noch die Rückversicherungen greifen werden. Dass die japanische Regierung erst vor einem Jahr die Mindestversicherungssumme der japanischen Atomkraftwerke auf 1050 Mio. Euro verdoppeln ließ, greift in diesem Fall also nicht.

Den größten Teil des Schadens dürften somit die Betroffen und die japanische Regierung tragen. In der Sachversicherung könnten jedoch durchaus einige europäische Rückversicherer von der Atomkatastrophe betroffen sein – aber auch hier nur in begrenztem Ausmaß. Zudem dürfte ein signifikanter Teil des Sachschadens nicht versichert sein.

Wie die "Financial Times Deutschland" unter Berufung auf Versicherungskreise berichtet, soll der japanische Kraftwerksbetreiber Tepco seit September 2010 keine Policen mehr gekauft haben. Tepco betreibt zwei der drei bisher betroffenen Atomkraftwerke. Schäden aus Nuklearunfällen gelten in der Branche als unversicherbar, da sie kaum kalkuliert werden können. Prämien sind in solchen Fällen extrem hoch, weswegen sich Unternehmen wie Tepco dagegen entscheiden. Im Schadensfall müssen sie das Risiko selbst tragen.

Käme es in Deutschland zu einem Atomunfall, wären die Versicherungen jedoch durchaus in der Pflicht. Sachschäden an den Gebäuden und Reaktoren sind bis zu 1,1 Mrd. Euro versichert. Kommen Dritte zu Schaden, springt zunächst die Deutsche Kernreaktor Versicherungsgemeinschaft (DKVG) ein. Die 1957 gegründete Gesellschaft wird von 35 Erst- und Rückversicherern getragen und würde im Ernstfall die ersten 256 Mio. Euro zahlen. "Danach greift eine unlimitierte Haftung des Betreibers – egal ob ihm Verschulden nachgewiesen werden kann, oder nicht", sagte Dirk Harbrücker, DKVG-Geschäftsführer Morgenpost Online.

Jede der vier deutschen Betreibergesellschaften EnBW, E.on, RWE und Vattenfall muss mit ihrem gesamten Vermögen einspringen. "Das geht bis zum letzten Hosenknopf", betonte Harbrücker. Kann ein Unternehmen nicht mehr zahlen, springen die anderen drei mit einem bestimmten Beitrag ein, so dass insgesamt 2,5 Mrd. Euro zusammenkommen. Erst danach wäre der Staat in der Pflicht. Die DKVG ist auch als Rückversicherer tätig. "Wir sind am japanischen Markt tätig", bestätigte Harbrücker Morgenpost Online. Allerdings erwartet er aufgrund des Ausschlusses bei Erdbeben und Tsunamis keine Kosten.

Von dem schweren Erdbeben im Osten Japans und den verheerenden Folgen des Tsunamis ist die europäische Assekuranz aber sehr wohl betroffen. Die größten Rückversicherer Munich Re, Hannover Re und Swiss Re wollten jedoch die Schäden nicht beziffern. Diese seien derzeit noch nicht abschätzbar, sagten die Sprecher der Unternehmen. Nichtsdestotrotz schätzte der US-Versicherungsdienstleister AIR Worlwide die Schäden an Gebäuden mit 15 bis 35 Mrd. Dollar. Die Folgen des Tsunamis sowie Produktionsausfälle sind da nicht eingerechnet.

Die Ratingagentur Moody's erwartet, dass europäische Erstversicherer nur in geringem Ausmaß betroffen sind, da sie nur einen kleinen Marktanteil aufweisen. Den japanischen Markt dominieren drei lokale Versicherungen. "Solange der versicherte Schaden unter 50 Mrd. Euro bleibt, erwarten wir nicht, dass es zu Solvenzproblemen kommen wird – weder bei japanischen Erstversicherern noch bei internationalen Rückversicherern", sagte Chris Waterman, Rückversicherungs-Analyst bei der Ratingagentur Fitch. "Aber natürlich werden die Unternehmen herbe Einbußen bei ihren Gewinnen haben."

Da sich der konkrete Schaden noch nicht ablesen lässt, beziehen sich die Experten bei ihren Schätzungen auf frühere Katastrophen. So ziehen sie beispielsweise das Erdbeben von Kobe 1995 heran. Damals betrug der volkswirtschaftliche Schaden 100 Mrd. Euro, der versicherte Schaden belief sich auf 3,5 Mrd. Euro. Bei dem aktuellen Beben dürfte der Versicherungsschaden höher liegen.