Weit mehr als 100.000 Bankkunden haben in wenigen Tagen eine neue Kreditkarte in ihrem Portemonnaie. Das ist das Ergebnis der wohl größten Rückrufaktion, die es im deutschen Finanzgewerbe je gab. „Alle Banken sind betroffen“, sagte ein Sprecher des Zentralen Kreditausschusses (ZKA), der Dachorganisation der Banken. Allein die Volks- und Raiffeisenbanken haben seit Anfang des Monats aus Furcht vor Datenmissbrauch 60.000 ihrer 2,4 Millionen Karten aus dem Verkehr gezogen. Betroffen sind vor allem Kunden, die ihre Karte in Spanien eingesetzt hatten. Dort waren bei einem Dienstleister für Kartenabrechnungen Daten deutscher Urlauber abhanden gekommen.

Während der ZKA offiziell von einer reinen Vorsichtsmaßnahme sprach, wurden erste Fälle bekannt, bei denen es bereits zu einem Missbrauch der Daten gekommen ist. Eine Sprecherin der Landesbank Berlin (LBB) räumte ein, dass es „Einzelfälle in Zusammenhang mit dem Datenabgriff in Spanien“ gebe. Eine Zahl nannte sie nicht. Die LBB ist mit 1,9 Millionen herausgegebenen Kreditkarten einer der größten Anbieter.

Sie gibt unter anderem die ADAC-Karten heraus. Auch die Postbank hat bei ihren Kunden erste Unregelmäßigkeiten festgestellt. Es handele sich bisher „um ein geringes Maß“, sagte ein Sprecher. Es habe Kundenbeschwerden über Fehlbeträge gegeben, und auch die Bank selbst habe solche bereits entdeckt. Die Karten der betroffenen Kunden seien gesperrt und ausgetauscht worden. Die Postbank hat eine Million Karten im Umlauf. Insgesamt gibt es hierzulande 24,6 Millionen Kreditkartenbesitzer.

Verbraucherschützer fordern von den Banken mehr Sicherheit und schnelle Information der Kunden. Die Kartenunternehmen Visa und Mastercard hätten die Geldinstitute bereits vor vier Wochen über die betroffenen Karten informiert. „Wer schon so lange über das Problem Bescheid weiß, sollte in der Lage sein, seine Kunden umfassend aufzuklären“, sagte Manfred Westphal, Finanzfachmann der Verbraucherzentrale Bundesverband. Aufklärung, Austausch und Ausgleich seien das Gebot der Stunde. Abrechnungsdienstleister müssten sicherstellen, dass ihre Computerserver nicht von Hackern geknackt werden könnten und sie ihr Personal mit größter Sorgfalt auswählten und kontrollierten.

Nach Angaben des ZKA hatten die Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard den Banken konkrete Angaben darüber gemacht, von welchen Kunden die Angreifer möglicherweise Daten abgreifen können. Daraufhin hätten sich die Kreditinstitute geeinigt, alle Kunden anzuschreiben, die genannt worden seien, so ein Sprecher, als Präventionsmaßnahme. So sei auch zu erklären, warum in den vergangenen Tagen immer mehr Anbieter mitgeteilt hätten, Karten vorsorglich auszutauschen.

Den Anfang machte die KarstadtQuelle-Bank mit allein 15.000 Karten. Auch die Lufthansa mit Miles-More-Kreditkarten und Barclaycard reagierten. Kunden anderer Institute, beispielsweise der Deutschen Bank, bekamen in den vergangenen Tagen ebenfalls Post. „Auch die Sparkassen tauschen prophylaktisch Karten um“, hieß es beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Spanienurlauber, die bis heute keinen Brief ihrer Bank bekommen haben, müssen sich daher nur noch wenig Gedanken machen.

Allerdings gibt es auch Banken, die sich nicht an die ZKA-Empfehlung halten. „Wir sehen keine Veranlassung, Kreditkarten prophylaktisch auszutauschen“, so die Sprecherin der Landesbank Berlin. Kontaktiert würden Kunden nur, wenn die Bank wirklich einen Schaden entdecke. Sie hätten die Prüfungen verstärkt. Ähnlich die Reaktion bei der Postbank. Auch hier werden nicht automatisch die Karten ausgetauscht. Die Postbank begründet dies mit möglichen Unannehmlichkeiten für die Kunden. „Als wir vor Jahren einmal in großem Stil Karten austauschten, meldeten sich Kunden aus dem Ausland, deren alte Kreditkarte plötzlich gesperrt war“, sagte der Postbank-Sprecher.

Noch offen ist, inwieweit möglicherweise auch Kunden betroffen sein könnten, die überhaupt nicht in Spanien waren. Experten halten dies für möglich, falls der Händler in Deutschland seinen Zahlungsverkehr über den spanischen Dienstleister abwickelt. Doch noch ist öffentlich nicht bekannt, um welchen Dienstleister es sich überhaupt handelt.

Beim Bundeskriminalamt ist man bislang nicht aktiv geworden. „Es gibt in diesem Zusammenhang noch keine polizeilichen Ermittlungen“, hieß es von dort. Noch seien ihnen keine konkreten Schadensfälle bekannt. Die nächsten Tage werden zeigen, ob es bei den wenigen Einzelfällen bleibt. Für Bankkunden besteht aber ohnehin wenig Anlass, Anzeige zu erstatten. Schließlich bekommen sie nicht nur neue Karten, ihnen wird auch ein möglicher Schaden voll ersetzt.