Die Jobangst bei Siemens ist bunt. Aus allen Fertigungsbereichen sind die Arbeiter vor die Hauptverwaltung an der Nonnendammallee gezogen, um gegen die geplante Verlagerung des Schaltanlagenbaus nach Tschechien zu demonstrieren. Rund 2000 Simensianer sind an diesem Vormittag dabei. Jeder trägt ein Siemens-Sweatshirt, jeder Arbeitsbereich hat eine andere Farbe.
Ganz hinten in der Menge dominiert blau – das sind die Beschäftigten aus der Mechanik, größtenteils kräftige Kerle mit ölverschmierten Hosen. In der Mitte des Pulks herrscht rot-blau vor, die Farben des Werks für Hochspannungsanlagen. Ganz vorn vor dem Verwaltungsgebäude ist alles türkis, hier stehen auch die meisten Frauen. Das sind „die aus der Niederspannung“, wie ein Simensianer sagt. Um sie geht es bei diesem Protest. Der Rest der Menge ist aus Solidarität hier – und aus Angst, bald könnte auch ihr Bereich ins billigere Ausland verlagert werden.
Noch nie habe er an „so einer Veranstaltung“ teilgenommen, sagt ein 34-Jähriger aus der Ableiterei, der seinen Namen lieber nicht öffentlich nennen möchte. Seit 13 Jahren arbeitet er bei Siemens. „Ich habe immer gesagt, das wird schon wieder. Aber jetzt fühle ich mich nicht mehr sicher. Die Situation macht mir Angst.“
Die Situation, die er meint, sieht so aus: Der Arbeitsbereich Niederspannung soll bis 2011 nach Tschechien verlegt werden. Genauer gesagt die Fertigung der „Sentron 3WL Leistungsschalter für Niederspannung“. Das sind Schaltkästen, die in Hochhäusern und Großbetrieben die Stromversorgung regeln. 195 Menschen bauen in Berlin diese Schaltanlagen. 160 Festangestellte, 35 Leiharbeiter. Sie arbeiten wirtschaftlich, der Bereich schreibt schwarze Zahlen. Aber im tschechischen Siemens-Werk kann günstiger produziert werden.
„Da hat mal wieder nur das Geld entschieden“
Die Marktnachfrage nach den Schaltanlagen ist schwach, heißt es von Siemens als Begründung für die Verlegung. Mit Kurzarbeit könnten die fehlenden Aufträge auf lange Sicht nicht mehr ausgeglichen werden. „Die Fertigung mit knapp 200 Leuten in Berlin ist einfach zu klein und dadurch entstehen unverhältnismäßig hohe Kosten“, sagt ein Siemenssprecher. Das sei einfach ein Standortnachteil, bei der Fertigung im Werk in Tschechien könne man mehr Synergieeffekte nutzen.
„Da hat mal wieder nur das Geld entschieden“, sagt Lars Herholz zur Begründung der Siemens-Konzernführung. Der 25-Jährige arbeitet seit mehr als drei Jahren als Leiharbeiter in Siemensstadt. „Man hat den Eindruck, dem Vorstand ist es egal, dass so eine Verlagerung auch Qualitätsverlust und Imageschaden bedeuten kann. Die gucken nur auf die Produktionskosten.“
Herbold trägt türkis und steht ganz vorn vor dem Rednerpult. Dort brüllt gerade der Berliner IG-Metall-Geschäftsführer Klaus Abel ins Mikrofon, der Chef von Siemens Berlin, Burkhard Ischler, habe vor der Kundgebung sein Büro verlassen, „weil er nicht die Traute hat, sich vor Euch hinzustellen und Euch in die Gesichter zu schauen.“ Ob Ischler da ist oder nicht, sei auch egal, findet Herholz. „Egal, was er sagen würde, das würde ihm doch hier kein Mensch mehr glauben.“
Herholz' Kollege Uwe Brückmann (26) hat ein Plakat mit der Aufschrift „Für Fleiß nur Scheiß“ dabei. Es drückt ziemlich genau aus, was die Simensianer gerade denken: Da bringt man gute Leistung und zum Dank werden einem die Arbeitsplätze gestrichen. In einem internen Siemens-Ranking wurde die Niederspannung im vergangenen Jahr noch als „Star Power Factory“ mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Viele Protestler tragen mahnend eine vergrößerte Kopie des Star-Power-Zertifikats als Plakat vor sich her.
„Wie soll man jetzt noch die Motivation in der Belegschaft aufrecht erhalten?“ fragt Brückmann. Sein Kollege Herholz wiegelt ab: „Wir können gar nicht anders, als so gut weiterzumachen wie bisher. Wenn wir jetzt aus Frust in der Qualität nachlassen, schaden wir ja nicht den Managern, sondern nur uns selbst.“
Die Konzernführung von Siemens kann die Aufregung unter den Mitarbeitern nicht verstehen. Die 160 Arbeiter mit Siemens-Verträgen sollen schließlich neue Stellen in Berlin angeboten bekommen. „Wir müssen das Problem der sinkenden Nachfrage regeln – und in Berlin können wir das ziemlich schmerzfrei lösen“, sagt ein Siemens-Sprecher.
Die 35 Leiharbeiter aber werden wohl leer ausgehen. „Die Leiharbeiter gehören mit zur Belegschaft!“ ruft IG-Metall-Mann Abel der Menge zu, die mit lautem Tröten und Pfeifen antwortet. „Die Konzernführung hat nicht erwartet, dass wir uns auch für die Kollegen mit Leiharbeitsverträgen so stark machen.“
Die „ausgeliehenen“ Kollegen sind oft schon viele Jahre bei Siemens. So wie Alf Herbers, der seit vier Jahren in Siemensstadt arbeitet. „Ich mache die gleiche Arbeit wie die anderen für weniger Geld“, sagt der 42-Jährige. „Ich hatte bis jetzt immer Hoffnung zumindest auf einen Jahresvertrag. Nun sind wir wohl die ersten, die hier gehen müssen.“





