Auf Feinschmecker kommen schwere Zeiten zu. Erst seit ein paar Jahren haben die vor der Küste des Jemen gefangene Dorade Rosé, der Red Snapper aus Neuseeland und der afrikanische Viktoriabarsch ihren festen Platz auf deutschen Speisekarten. Doch schon bald könnten die exotischen Fische wieder aus den Restaurants verschwinden. Schuld daran sind Terroristen und die neue Angst vor Bomben in der Luftfracht.
Denn ebenso wie Schnittblumen wird frischer Fisch meist per Flieger nach Deutschland gebracht. Der größte Importeur, die Deutsche See aus Bremerhaven, lässt die am Vortag gefangene Frischware zum Frankfurter Flughafen bringen und von dort ins ganze Land. Dieses Geschäft macht den Flughafen zu einem der größten Umschlagplätze für Frischfisch in Europa – bisher.
Denn mit dem massenweisen Umschlag verderblicher Ware könnte Schluss sein, wenn die Sicherheitsvorschriften für die Luftfracht drastisch verschärft werden. „Wir können nicht sicher stellen, dass jede einzelne Styroporkiste nochmals kontrolliert wird“, sagt ein Sprecher von Lufthansa Cargo, einer der größten Frachtfluggesellschaften der Welt. Im schlimmsten Fall könne der Import von Frischfisch nach Deutschland per Flugzeug zum Erliegen kommen.
Frachtraten werden steigen
Nach dem Fund einer Paketbombe im Bundeskanzleramt will Kanzlerin Angela Merkel Sicherheitslücken schließen. Kommende Woche wollen die EU-Innenminister über Konsequenzen der Sprengstofffunde beraten. Schon der EU-Gipfel Mitte Dezember soll wohl über ein Paket für EU-weite Maßnahmen entscheiden. Ein Zeitplan, der Fluggesellschaften, Frachtunternehmen und ihren Kunden große Sorgen bereitet. Sie warnen, dass die Durchleuchtung jedes einzelnen Stücks Luftfracht zur Verhinderung von Terroranschlägen internationale Frachtfirmen in den Bankrott treiben, die ohnehin schon geschwächten Airlines weiter belasten und trotzdem keinen umfassenden Schutz bieten würde.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) befürchtet bereits seit der Entdeckung von Paketbomben aus dem Jemen höhere Kosten für den Transport von Luftfracht. „Die Sicherheitskontrollen werden bürokratischer und aufwendiger“, ist sich DIHK-Außenwirtschaftschef Axel Nitschke sicher. „Das kostet Zeit, und Zeit ist Geld.“
Wie abhängig die deutschen produzierenden Unternehmen von der Luftfracht sind, hat im Frühjahr das Flugverbot nach dem Ausbruch des isländischen Gletschervulkans Eyjafjallajökull gezeigt: 95.000 Flüge wurden gestrichen. Die Folge waren Produktionsstopps in der Industrie. Deutschlands Maschinenbauer fürchten außerdem schärfere Dokumentationspflichten und deutlich längere Durchlaufzeiten an den Logistik-Knotenpunkten. Vor allem das vorwiegend per Luftfracht abgewickelte Ersatzteilgeschäft würde darunter leiden, heißt es in der stark exportorientierten Branche. „Das ist für uns ein hochsensibler Bereich. Da muss es schnell gehen“, sagt Hannes Hesse, der Hauptgeschäftsführer vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).
Nach Volumen werden zwar 98 Prozent aller weltweit transportierten Waren verschifft und nur zwei Prozent geflogen. Die grenzüberschreitende Luftfrachtmenge wird nach Schätzungen des Welt-Luftfahrtverbandes IATA aber von derzeit 28 bis 2014 auf 38 Millionen Tonnen steigen – darunter immer öfter Pakete und Päckchen, in denen Ersatzteile für Maschinen, Flugzeuge oder Kreuzfahrtschiffe versendet werden. Je länger diese Teile in Kontrollen hängen bleiben, desto teurer für die Unternehmen.
Die Logistikbranche wehrt sich gegen Forderungen, die Kontrolle der Luftfracht bei der Bundespolizei zu bündeln. „Wir halten das für unnötig“, sagte Marten Bosselmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Internationaler Express- und Kurierdienste (BIEK), der „Financial Times Deutschland“. Man habe schon „maximale Sicherheitsauflagen“. Negative Folgen für das Exportgeschäft befürchtet Nitschke nicht: „Es wird alles ein wenig komplizierter und bürokratischer, aber das wird sich nicht in den Außenhandelszahlen niederschlagen.“
Sollten die Sicherheitsbestimmungen aber ähnlich verschärft werden wie etwa in den USA oder Israel, kommen auf die Unternehmen hohe Kosten zu. In den USA wird seit August die gesamte Fracht im Bauch von Passagiermaschinen auf Sprengstoff und andere unerlaubte Stoffe gescannt. Allein das kostet pro Jahr umgerechnet mehr als eine halbe Milliarde Euro.
Für die Kontrolle fehlt die Technik
In Deutschland würden zusätzlich enorme Investitionskosten anfallen, weil hier bisher nur verdächtige Ware vor dem Umladen untersucht wird. „Wir haben heute weder die Technik, noch die Flächen für eine hundertprozentige Kontrolle. Der Aufwand dafür würde in die Milliarden Euro gehen“, warnt Frank Straube, Logistik-Professor an der Technischen Universität Berlin. „Die Waren oder Pakete werden heute am Versandort geprüft. Wenn eine Sendung zum Beispiel aus Marokko kommt, passiert das dort. Das Paket wird in den anderen Ländern nur noch weitergeleitet“, erklärt Straube den Ablauf und die Risiken, wenn Waren aus Übersee auf europäischen Flughäfen umgeladen werden.
Das Problem: Waren, die mit Frachtflugzeugen in die EU geflogen worden sind, werden nach dem Umladen oftmals ungeprüft in den Laderäumen von Passagiermaschinen weitertransportiert. Zwar fliegen Lufthansa, Air France, British Airways und Co. überwiegend Fracht von bekannten Großkunden – aber niemand kann ausschließen, dass kleinteilige Sendungen von irgendwoher in den Laderäumen unter der Passagierkabine mitfliegen.
Hier lauert die größte Gefahr möglicher Paketbomben: etwa die Hälfte aller Luftfracht weltweit landet auf ihrem Weg zum Endabnehmer in einer Passagiermaschine. Deshalb ist es nach Ansicht von Experten sinnlos, die Sicherheitsbestimmungen allein in Europa massiv in die Höhe zu schrauben. „Die entscheidende Frage ist: Wie gelingt es die anderen Abgangsorte in der Welt sicherer zu machen.“
Mehr als 700 Millionen Pakete werden allein in Deutschland jährlich an Privathaushalte verschickt, zwischen Unternehmen sind es mehr als eine Milliarde Sendungen. Der Gesamtmarkt wird auf 1,86 Milliarden Pakete geschätzt. Dabei nimmt der grenzüberschreitende Versand zu, was vor allem am stark wachsenden Internethandel liegt. „Die absolute Sicherheit im Versand ist eine Illusion. Auch wenn die Vorkehrungen immer besser werden“, sagt Rico Back, Chef des Paketversenders GLS, Morgenpost Online. Die Folgen erweiterter Kontrollen sind für ihn klar: „Sollten wir zu einer hundertprozentigen Inhaltskontrolle kommen, werden sich die Versandzeiten um 24 bis 48 Stunden verlängern.“ Das würden sich die Firmen per Sicherheitszuschlag extra bezahlen lassen.
Der Konkurrent United Parcel Service (UPS), gibt sich zurückhaltender. Es gebe eine Task Force, eine Eingreiftruppe, die international besetzt sei und Maßnahmen berate, sagt ein Sprecher. Außerdem arbeite UPS eng mit den Behörden zusammen. Noch ist es nicht bestätigt, dass das Paket an das Kanzleramt über UPS verschickt wurde.
Auch die Post-Tochtergesellschaft DHL blockt ab: „Wir machen keine Aussagen zu irgendwelchen Sicherheitsfragen“, sagt ein Sprecher. DHL erfülle alle gesetzlichen Auflagen. Dennoch seien die Mitarbeiter in den Luftfrachtzentren jetzt in höchster Alarmstimmung.
Und das könnte dazu führen, dass schon in diesem Jahr weniger Handys, iPads und Smartphones unterm Weihnachtsbaum landen werden. Denn Hightech wird vor allem per Flugzeug transportiert. Und gerade bei Elektronik dürften die Transporteure beim Umladen jetzt besonders genau hinschauen.
Mitarbeit C. Dierig





