Der zweitgrößte Spirituosenkonzern Pernod Ricard ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Seit knapp einem Jahr steht Pierre Pringuet an der Spitze des Unternehmens. Obwohl in vielen Regionen der Alkoholkonsum rückläufig ist, glaubt Pringuet, dass es für den Konzern weiter aufwärts geht.
Morgenpost Online: Herr Pringuet, hat die Wirtschaftskrise der Getränkebranche die Champagnerlaune verdorben?
Pierre Pringuet: Der Champagnerabsatz ist weltweit eingebrochen, aber Champagner ist für uns nur ein kleiner Bereich. Es ist ein sehr zyklischer Markt, der stärker auf Krisen reagiert, mittelfristig aber gute Wachstumschancen bietet. Nehmen Sie unsere Champagner-Marke Mumm: Sie hat ihren Umsatz im Geschäftsjahr 2008/09 trotz der Krise um drei Prozent gesteigert.
Morgenpost Online: Ausgerechnet in Deutschland, wo die Konsumenten für ihren Geiz bekannt sind, haben Sie zuletzt mehr Spirituosen verkauft. Das ist erstaunlich.
Pierre Pringuet: Pernod Ricard ist in Deutschland der führende Spirituosenkonzern. Offenbar entsprechen unsere Marken dem deutschen Geschmack - allen voran unser Bittergetränk Ramazzotti. Seit Ausbruch der Krise haben wir in Deutschland beobachtet, dass die Leute sich in ihr Zuhause zurückziehen und es sich dort gemütlich machen. Sie konsumieren alkoholische Getränke jetzt eher daheim und gehen dafür weniger aus, weil das teurer ist. Der Verkauf an Hotels, Bars und Restaurants macht für uns in Deutschland nur 30 Prozent aus, der Verkauf an Einzelhändler dagegen 70 Prozent.
Morgenpost Online: Heißt das, die Leute ertränken ihren Frust zu Hause im Alkohol?
Pierre Pringuet: (lacht): Nein, für die Verbraucher ist das Trinken von alkoholischen Getränken immer noch ein gesellschaftlicher Akt, der mit einer festlichen Stimmung, mit Feiern, mit Lebensfreude verbunden ist. Zum Glück! Denn das ist ja ziemlich vernünftig.
Morgenpost Online: Das erklärt noch nicht die guten Verkaufszahlen in Zeiten der Krise.
Pierre Pringuet: Zwei unserer Marken haben in Deutschland einen phänomenalen Erfolg: Ramazzotti und Havana Club. Die Bittergetränke sind in Deutschland, ja im gesamten deutschsprachigen Raum und in Italien sehr beliebt. Als wir 1988 unsere deutsche Filiale gründeten, verkaufte Ramazzotti trotzdem nicht sehr viel. Dann haben wir in den 90er-Jahren mit Fernsehwerbung für die Marke begonnen. Sie setzt auf die italienische Lebensart, und das kommt offenbar an. Heute ist Ramazzotti unsere bestverkaufte Marke in Deutschland.
Morgenpost Online: Und Havana Club?
Pierre Pringuet: Rum hatte früher in Deutschland ein billiges Image und galt eher als eine Art Medizin, die man bei Schnupfen trinkt. Den Erfolg von Havana Club haben wir mit Sicherheit auch dem Werbe-Clip "A wall in Havana" zu verdanken, den Wim Wenders 1998 für uns drehte. 2008 hat Havana Club 25 Prozent mehr in Deutschland verkauft.
Morgenpost Online: Ist Deutschland Trendsetter?
Pierre Pringuet: Nein, der deutsche Markt hat sehr starke Eigenheiten, wie andere auch. Die Märkte haben sich seit der Krise sehr unterschiedlich entwickelt. Spanien, Griechenland, Großbritannien und Irland waren im letzten Jahr sehr schwierig, in den USA ist der Markt zusammengebrochen. Dagegen waren Asien mit China und Indien, aber auch Frankreich, wahre Wachstumsmotoren.
Morgenpost Online: Was trinken die Leute, was sind die neuen Trends?
Pierre Pringuet: Wodka ist immer beliebter geworden und wird weiterhin wachsen, genau wie Rum. Dagegen war schottischer Whisky zuletzt weniger gefragt, obwohl er auf die vergangenen zehn Jahre gesehen nach Wodka am stärksten zugelegt hat. Liköre waren ebenfalls weit weniger beliebt. Vermutlich, weil sie oft als Basis für Cocktails dienen und damit stärker der Rezession ausgesetzt sind, denn sie werden ja vor allem in Bars und Restaurants getrunken. Das größte Wachstum aber haben 2008 die irischen Whiskeys verbucht.
Morgenpost Online: Weil sie billiger als die schottischen sind?
Pierre Pringuet: Das waren sie vielleicht mal vor zehn Jahren. Aber bei Pernod Ricard haben wir dann mit der sogenannten Premiumisierung begonnen, der höherwertigen Positionierung. Jameson hat in den USA im letzten Jahr 18,5 Prozent zugelegt, obwohl er teurer ist als schottischer Whisky.
Morgenpost Online: Ihre Strategie könnte sich angesichts der Rezession als Fehler erweisen. Zumindest sagen das die Analysten der Deutschen Bank.
Pierre Pringuet: Nein, ich glaube nicht, dass die Premiumisierung ein Fehler ist - im Gegenteil. Denn der Trend bei alkoholischen Getränken geht nach wie vor dahin, weniger zu trinken, dafür aber besser. Die Premiumisierung ist von der finanziellen Seite her logisch, da wir durch sie höhere Gewinnmargen erzielen.
Morgenpost Online: Sind die Verbraucher tatsächlich noch bereit, freiwillig mehr Geld für eine Marke auszugeben?
Pierre Pringuet: Ja. Die Verbraucher begehren die Produkte am meisten, die etwas Besonderes sind, die man nicht einfach so haben kann. Schon Spinoza hat gesagt, dass der Mensch nicht das begehrt, was er gut findet, sondern dass er das gut findet, was er begehrt.
Morgenpost Online: Wie will Pernod Ricard angesichts der Krise weiter wachsen?
Pierre Pringuet: Wir sind gut gerüstet. Wir sind atypisch, weil wir sehr dezentralisiert sind. Und wir sind sehr glücklich damit. Die Holding legt zwar die großen Strategien fest, aber die Entscheidungen als Reaktion auf die einzelnen Märkte treffen unsere Filialen. Wir vertrauen ihnen und lassen ihnen freie Hand. Das funktioniert sehr gut, weil sie den Markt, für den sie zuständig sind, sehr gut kennen.
Morgenpost Online: In welchen Ländern wollen Sie neue Begehrlichkeiten wecken?
Pierre Pringuet: Aufstrebende Länder wie China und Brasilien sind ein großer Wachstumsmotor. Aber wir dürfen deshalb nicht die anderen, traditionellen Märkte vernachlässigen und uns nur noch auf sie konzentrieren. Reife Märkte haben durchaus noch Potenzial, wie die Entwicklung in Frankreich und Deutschland jetzt gezeigt hat.
Morgenpost Online: Entwickelt sich der Geschmack denn überall gleich?
Pierre Pringuet: Nein, auch wenn es globale Trends gibt. Aber nehmen Sie Wodka: Er ist beispielsweise in Europa, Nord- und Südamerika sehr beliebt, wird dagegen bisher in Asien kaum getrunken. Jetzt ist die Frage, ob die Asiaten Wodka schätzen lernen werden. Zu Beginn der 90er-Jahre haben alle gesagt, dass die Asiaten keinen Champagner mögen. Doch dann haben die Japaner Geschmack daran gefunden. Sie gehören mittlerweile zu den größten Champagnertrinkern der Welt. Heute sind es die Chinesen, die am meisten reisen. Wenn sie bei ihren Reisen Gefallen an Wodka finden, wird sich Wodka auch in Asien durchsetzen.
Morgenpost Online: Davon dürfte dann die 2008 übernommene Marke Absolut Vodka profitieren. Solche Übernahmen haben Pernod Ricard groß gemacht. Wann gehen Sie wieder auf Einkaufstour?
Pierre Pringuet: Wir wollen erst einmal die Verschuldung der Gruppe abbauen, denn wir haben ja gerade erst Absolut übernommen. Wir wollen aber nach wie vor bei der Konsolidierung der Getränkebranche mitmachen und entsprechend Übernahmen angehen. Aber nicht sofort, ganz bestimmt nicht im laufenden Geschäftsjahr.
Morgenpost Online: Wie wollen Sie die Schulden abbauen? Noch mal durch eine Kapitalerhöhung?
Pierre Pringuet: Nein, das schließe ich aus. Für den Schuldenabbau gibt es nur zwei Rezepte: Den Vorsteuergewinn erhöhen und mehr verkaufen. Wir werden uns auch von Aktiva trennen. Wir haben deshalb zum Beispiel gerade unsere Kaffeelikörmarke Tia Maria verkauft.
Morgenpost Online: Sie sind seit knapp einem Jahr als erster Chef von Pernod Ricard im Amt, der nicht zur Familie Ricard gehört. Welche Bilanz ziehen Sie?
Pierre Pringuet: Ich war vorher schon neun Jahre lang stellvertretender Generaldirektor und deshalb an allen großen strategischen Entscheidungen wie Akquisitionen beteiligt. Durch meinen Wechsel an die Spitze hat sich nicht viel geändert. Auch wenn ich nicht zur Familie Ricard gehöre, war der Wechsel durch Kontinuität geprägt.
Morgenpost Online: Alexandre Ricard soll einen Sitz im Verwaltungsrat übernehmen. Wird er für Ihre Nachfolge vorbereitet?
Pierre Pringuet: Ich habe klar gesagt, dass ich bis zu meinem 65. Geburtstag bleibe. Das ist 2015. Bis dahin ist noch viel Zeit für das Unternehmen. Deshalb kann man jetzt noch nicht sagen, wer dann mein Nachfolger ist. Das wird sich zeigen.
Das Gespräch führte Gesche Wüpper





