Trotz Aufschwung

Berliner Solarfirmen brauchen mehr Geld

So skurril es klingt: Die deutsche Solarwirtschaft profitiert von der Atomkatastrophe in Japan. Der Aktienkurs der Berliner Solarfirma Solon hat stark zugelegt - doch das Unternehmen braucht zusätzlich Geld, genauso wie die Berliner Solarzellen-Hersteller Sulfurcell und Intertux.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Um klare Worte ist Stefan Säuberlich nicht verlegen: „Der hohe Schuldenstand ist völlig inakzeptabel“, sagt der Vorstandschef des größten Berliner Solarunternehmens. Nur dank staatlicher Kreditbürgschaften konnte sich Solon ( > Aktienkurs ) überhaupt vor der Pleite retten. Säuberlich, vor rund anderthalb Jahren als Sanierer geholt, ist er immer noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Immerhin, sagt er, Solon habe jetzt wieder Boden unter den Füßen.

Die Schreckensbilder aus dem Atomkraftwerk Fukushima 1 haben hierzulande die Diskussion um die Energiewende neu entfacht. Und sie hat die deutschen Fotovoltaikunternehmen wieder in den Blickpunkt gerückt. Es zeigt sich an der Börse. Vor wenigen Tagen noch kürte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger den Solarmodulhersteller aus Berlin zum Kapitalvernichter – wegen seines seit Jahren trostlosen Aktienkurses. Doch genau diese Aktie hat – wie andere Branchentitel – seit dem Unglück in Japan um mehr als 50 Prozent zugelegt. Nun hoffen besonders Fotovoltaikfirmen, denen in den vergangenen Jahren ein steter Gegenwind entgegenblies, dass die Energiepolitik zu ihren Gunsten geändert wird. Sie hoffen auf einen zweiten Frühling.

Daran hängt auch der Erfolg zahlreicher Unternehmen der Hauptstadtregion. In Berlin und Brandenburg gibt es nach Schätzung der Interessenvereinigung Solar Network rund 5000 direkte Arbeitsplätze in der Solarbranche. Hinzu kommen 30.000 weitere bei Dienstleistern und Zulieferern. Von Verbänden, IHK und Senat werden Firmen wie Solon, Sulfurcell und Inventux gern als Leuchttürme der Berliner Wirtschaft gefeiert. Doch deren Geschäft ist in hohem Maße abhängig von politischen Entscheidungen. Solarfirmen haben enormen Kapitalhunger und agieren in einem Markt, in dem vor allem asiatische Konzerne mit Konkurrenzprodukten Druck machen.

Abhängig von der Politik

Solon mit weltweit fast 1000 Mitarbeitern ist durch hohe Verschuldung gehemmt. Immerhin entwickelten sich 2010 die Geschäfte erfreulich, wie Chef Säuberlich berichtet. Der Umsatz liege wieder oberhalb von 500 Millionen Euro, nach 354 Millionen Euro im Krisenjahr 2009. Doch auch 2010 wurde mit Verlusten abgeschlossen. Säuberlich will Beteiligungen verkaufen. „Ziel ist es, die Verschuldung um einen dreistelligen Millionenbetrag zu drücken“, sagt er. Dem letzten Quartalsbericht zufolge betragen die kurzfristigen Verbindlichkeiten 322 Millionen Euro.

Säuberlich braucht finanziellen Spielraum. Denn beim Geschäft mit Großprojekten benötigt das Unternehmen Kredite. Die wiederum gewähren die Banken nur, wenn sie von der Stabilität Solons überzeugt sind. Zur Verschuldung gesellt sich noch ein zweites Hemmnis, mit dem alle Branchenunternehmen kämpfen: Unklare politische Rahmenbedingungen hierzulande, aber auch im Ausland. Derzeit wird in Italien über eine Förderkürzung debattiert. Die Berliner sind dort stark vertreten. Doch nun, da sich die Rahmenbedingungen zu ändern drohen, hagele es regelrecht Stornierungen, sagt Säuberlich. Immerhin: Zwei Großaufträge aus den USA sorgen dafür, dass Solon gut zu tun hat.

Auch die Chefs von Inventux und Sulfurcell benötigen Kapital. Beide Firmen produzieren, mit jeweils unterschiedlicher Technologie, Dünnschichtmodule. Diese verbrauchen bei der Herstellung weniger Rohstoffe und Energie und könnten die Nachfolgetechnologie der derzeit üblichen Siliziummodule sein. So weit die Theorie. Doch in der Praxis müssen Inventux und Sulfurcell ständig daran arbeiten, den Wirkungsgrad ihrer Zellen zu erhöhen und gleichzeitig die Kosten zu senken. Bedeutet: intensive Forschung am Produkt, Investitionen in die leistungsfähigsten Maschinen, Optimierung der Abläufe. Das verschlingt viel Geld.

Inventux mit seinen 230 Mitarbeitern hat vergangenes Jahr immerhin einen kleine Gewinn gemacht bei 60 Millionen Euro Umsatz, wie Vorstandschef Volko Löwenstein berichtet. „Doch aus dem Gewinn könnten wir Forschung, Entwicklung und Expansion nicht finanzieren“, sagt er. Seine Produktion würde er gern vergrößern, im Clean-Tech-Park Marzahn hat er Flächen reserviert. „Aber entscheidend ist für uns: Ist Fotovoltaik für Investoren interessant?“, sagt er. Die sucht er derzeit, genauso wie Nikolaus Meyer, Chef von Sulfurcell aus Adlershof.

Gute Chancen für Maschinenbauer

2010 wurde eine Produktionsstätte in Adlershof in Betrieb genommen. Meyer würde gern erweitern, auf eine Kapazität von 200 Megawatt pro Jahr. Dies entspricht einer Jahresproduktion von 2,2 Millionen Zellen. „Dafür bräuchten wir rund 200 Millionen Euro“, sagt er. Vor wenigen Wochen haben die Investoren, zu denen auch die Investitionsbank Berlin zählt, 18,8 Millionen Euro aufgebracht. Damit soll die Weiterentwicklung der Dünnschichtzellen finanziert werden. Der große Sprung, die richtige Massenproduktion ist damit nicht drin. Und der Börsengang, über den immer wieder spekuliert wurde? „Das ist aktuell kein Thema“, sagt Meyer.

Weil die Bundesregierung die Einspeisevergütung – jener garantierte Preis, zudem Solaranlagenbetreiber Strom verkaufen können – mehrfach verringert hat, ist der Anreiz gesunken, in Deutschland eine Fotovoltaikanlage zu betreiben. Um das auszugleichen, um für Kunden attraktiv zu bleiben, müssen die Hersteller ständig die Kosten senken und die Leistung erhöhen.

Solarskeptiker wie Wolfgang Hummel, Lehrbeauftragter an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), geben deutschen Herstellern wegen der widrigen Umstände wenig Chancen. „Bei den Fotovoltaikherstellern kann man kaum von deutscher Markenware reden“, sagt er. Es gebe kaum Qualitätsunterschiede zu Chinesen und Amerikanern. Zudem seien die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in vielen deutschen Solarunternehmen verschwindend gering.

Vor allem der Macht der chinesischen Hersteller, von ihrer Heimatregierung üppig gepäppelt, hätten die Deutschen wenig entgegenzusetzen. Dagegen haben besonders Maschinenbauer, wie Jonas & Redmann aus Berlin, die die Fertigungsanlagen für die Solarfabriken bereitstellen und kräftig wachsen, Hummels Überzeugung nach langfristig eine Chance.

Das sieht Dagmar Vogt naturgemäß anders. Die Unternehmerin leitet die Vogt Group und projektiert Solarfabriken und -kraftwerke. Zudem leitet sie den Verein Berlin Solar Network, in dem 30 Firmen der Branche vertreten sind. Sie kritisiert die Unwägbarkeiten, in die ihre Branche durch die Politik gerät. Und sie hält das Loblied auf die asiatischen Hersteller für verfrüht. „Die Größe der Fabriken in Asien sagt nichts über deren Qualität aus.“