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Spionageaffäre blamiert Renault-Chef Carlos Ghosn

Wegen des Verdachts auf Geheimnisverrat wurden drei Manager gefeuert. Jetzt zeigt sich, dass Renault einem Betrüger aufgesessen ist.

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Die Führung des französischen Automobilkonzerns Renault gerät nach der überraschenden Wende in der vermeintlichen Spionageaffäre immer stärker unter Druck. Die französische Regierung zeigte sich verärgert und Gewerkschaften forderten sogar den Rücktritt von Konzernchef Carlos Ghosn. Die Entschuldigung Ghosns, der unter falscher Annahme drei Manager gefeuert hatte, sei noch nicht das Ende der Geschichte, sagte Industrieminister Eric Besson dem Radiosender RTL: "Es wird eine Untersuchung durch einen externen Experten geben, um die Verantwortlichkeiten exakt zu bestimmen." Das stümperhafte Vorgehen des Autobauers könne nicht ohne Folgen bleiben, kündigte Regierungssprecher François Baroin an.

Derzeit sei der Rücktritt von Ghosn aber kein Thema. In den kommenden Monaten dürfte die französische Regierung jedoch genau beobachten, wie Ghosn mit seinem angekündigten Strategie-Plan vorankommt. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass sie den Manager mittelfristig fallen lässt. Frankreich hält 15 Prozent des Renault-Kapitals.

Der Skandal um die vermeintliche Spionageaffäre droht, dauerhafte Kratzer am Image des Automobilkonzerns und seines einst als Wunderkind der Branche gefeierten Chefs zu hinterlassen. Investoren straften Renault Dienstag für die Blamage ab und so gab die Aktie des Konzerns zeitweise um über fünf Prozent auf zuletzt 36,13 Euro nach.

Ghosn entschuldigt sich

Die französische Staatsanwaltschaft hatte am Montag bekannt gegeben, dass Renault nach bisherigen Erkenntnissen auf einen Betrüger aus der eigenen Sicherheitsabteilung hereingefallen sei. Daraufhin hatte sich Renault-Chef Ghosn bei den zuvor zu Unrecht beschuldigten Managern entschuldigt und versichert, sein Konzern werde alles tun, um ihr Ansehen wieder herzustellen.

Renault hatte die drei Führungskräfte Anfang Januar überraschend entlassen. Der Konzern bezichtigte sie, firmeninternes Wissen an Dritte weitergegeben und dafür Geld auf Konten in der Schweiz sowie Liechtenstein kassiert zu haben. Die Beschuldigten, Direktoriumsmitglied Michel Balthazard, sein Stellvertreter Bertrand Rochette und Matthieu Tenenbaum von der Elektroauto-Abteilung, hatten öffentlich ihre Unschuld beteuert und Verleumdungs-Klagen eingereicht.

Die Affäre führte sogar zu diplomatischen Spannungen mit China, da spekuliert worden war, dass die drei Verdächtigten Informationen zum vier Milliarden Euro schweren Elektroauto-Programm an das Reich der Mitte weitergegeben hätten. Pekings Regierung hatte dem vehement widersprochen. Nachdem sich der französische Inlandsgeheimdienst und die Staatsanwaltschaft in die Ermittlungen einschalteten, wurde klar, dass die Renault-Führung offenbar einem Betrug aufgesessen ist.

Auslöser für die internen Untersuchungen war nämlich ein anonymer Brief, in dem die drei verdächtigten Manager beschuldigt wurden. Renault hatte daraufhin seine eigene Sicherheitsabteilung mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt. Ihr stellvertretender Leiter Dominique Gevrey bestätigte daraufhin den Verdacht.

Angeblicher Informant in U-Haft

Dabei bezog er sich auf einen Informanten, dessen Identität er allerdings auch dem französischen Geheimdienst nicht verraten will. Renault hat Gevrey offenbar 310.000 Euro überwiesen, damit er seinen mysteriösen Informanten bezahlen konnte. Ein Teil des Geldes soll sich nun in Spanien und Dubai befinden. Nach Informationen der satirischen Wochenzeitung "Le canard enchaîné", die für ihre Enthüllungen bekannt ist, soll der 52-jährige Gevrey sogar weitere 900.000 Euro gefordert haben, um handfeste Beweise gegen Balthazard, Rochette und Tenenbaum liefern zu können.

Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass Gevrey, der zuvor beim französischen Militär für den Schutz und die Sicherung verteidigungsrelevanter Informationen zuständig war, ein System von Scheinrechnungen genutzt hat, um das Geld für sich selber einkassieren zu können. Er wurde am Wochenende verhaftet, als er nach Westafrika fliegen wollte. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Verzicht auf variable Gehälter

In den vergangenen Wochen waren zunehmend Zweifel an der angeblichen Spionage-Affäre aufgekommen. Renault-Vize Patrick Pelata hatte Anfang März in einem Interview mit der Tageszeitung "Le Figaro" erstmals angedeutet, dass der Autobauer Opfer einer Manipulation geworden sein könne. Sollte sich die Unschuld der entlassenen Manager herausstellen, werde der Konzern auch auf höchster Ebene Konsequenzen ziehen, hatte er gesagt: "Mich eingeschlossen." Pelata hat deshalb Montag seinen Rücktritt angeboten, doch Konzernchef Ghosn lehnte ab. Denn Renault müsse sich jetzt auf die operative Arbeit konzentrieren und dafür brauche er Pelata. Der Verwaltungsrat habe ihm selber ebenfalls einstimmig seinen Rückhalt ausgesprochen.

Um das angeschlagene Image zu reparieren, wollen Ghosn, Pelata und andere Top-Manager nun auf den variablen Anteil ihrer Gehälter für 2010 sowie auf Aktienoptionen im laufenden Jahr verzichten. Der variable Anteil für 2010 für ihn betrage 1,6 Millionen Euro, erklärte Ghosn. Auf ihn dürften nun jedoch saftige Entschädigungen für die drei zu Unrecht entlassenen Mitarbeiter zukommen. So deutete beispielsweise der Anwalt von Michel Balthazard an, acht bis zehn Millionen Euro für seinen Mandanten fordern zu wollen. Der 56-Jährige gehörte zu den 25 wichtigsten Managern des Konzerns. Er ist nun bereit Ghosn zu treffen, schließt aber wie Tenenbaum eine Rückkehr an seinen früheren Arbeitsplatz aus.