Limousinen

Warum die Franzosen bei großen Autos versagen

Ob Peugeot, Citroën oder Renault, keiner dieser Hersteller baut erfolgreich große Autos: Zwei Autobauer lassen nun die Finger davon.

Es ist ein grauer, regnerischer Tag in Paris, dieser 11. November. Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Gattin Carla Bruni legen am französischen Feiertag zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs am Triumphbogen einen Kranz ab, ehe sie sich zurück zur wartenden Staatslimousine begeben. Wir wissen nicht, warum an diesem Tag nicht wie sonst ein eleganter Citroën C6, sondern ein hochbeiniger Renault Vel Satis wartete. Vielleicht gab die weniger steil abfallende Dachlinie, die bei diesem Regenschirm-Wetter zusätzliche Kopffreiheit spendete, den Ausschlag. Schließlich ist die Bruni ja über 1,80 Meter groß. Wie dem auch sei: Häufig wird der Renault sicher nicht mehr für öffentliche Auftritte genutzt werden. Der Vel Satis ist technisch veraltet und wird gar nicht mehr gebaut.

Als der mit einer Art Bootsheck verunzierte Vel Satis 2001 erstmals gezeigt wurde, träumten sie bei Renault noch von einer Renaissance der französischen Hautevolee. Der damalige Vorstandschef Louis Schweitzer lobte das Auto gar als „beste Oberklasse-Limousine unserer Firmengeschichte“. Zusammen mit dem Avantime, einem zweitürigen Van mit Coupé-Charakter, sollte er Renault auf Augenhöhe mit Mercedes, BMW und Audi bringen. Das Ergebnis war eine Bruchlandung: Nach kaum einem Jahr verschwand der technisch komplexe Avantime nach nur 5100 gebauten Autos schon wieder aus dem Programm. Der Vel Satis folgte im November 2009, nach nur 62.000 produzierten Fahrzeugen. Am 8. Oktober dieses Jahres protestierten Arbeiter des Werkes Sandouville in Paris gegen das Aus des bis dahin von ihnen gebauten Modells. Besonders erzürnte die von der Firmenleitung präsentierte Ersatzlösung namens Latitude.

Das Design der bei der Renault-Tochter Samsung gebauten Stufenhecklimousine ist ebenso banal wie ihr Name, der schlicht „Breite“ bedeutet. Die Verlegenheitslösung markiert den absoluten Tiefpunkt einer langen Abwärtsfahrt. Renaults Anteil an der europäischen Oberklasse ist zwischen 2003 und heute von 7,5 auf 3,4 Prozent geschrumpft. Sogar der in der Klasse unter dem Vel Satis antretende Laguna bleibt weit unter den Erwartungen. Und für einen neuen Espace, dem großen Familien-Van, gibt es unverändert kein grünes Licht seitens des Vorstands. Liefen bei Renault nicht wenigstens die Kleinwegen und Vans sowie die einst gar nicht für einen Export nach Westeuropa eingeplanten Dacia-Modelle – die Lage wäre prekär.


Auch der konkurrierende PSA-Konzern hat längst Konsequenzen aus der marktbeherrschenden Stellung von Audi, Mercedes und BMW gezogen. Peugeot geht besonders konsequent vor: Der biedere 607 und der unglücklich proportionierte 407 wurden auf einen Schlag durch den neuen 508 ersetzt. Das neue Modell setzt wieder auf eine konservativere Optik und hegt keinerlei Ambitionen, in den Fuhrpark des Élysée-Palastes aufgenommen zu werden.

Aufbruchstimmung sieht anders aus

Die seit den Tagen des Generals de Gaulle als Avantgardist bekannte Konzernschwester Citroën gibt sich da ambitionierter. Auch wenn das Flaggschiff C6, ein sowohl höchst elegantes wie unpraktisches Auto, speziell in Deutschland nur eine Randrolle spielt. Aber die Limousine strahlt nicht zuletzt als Präsidentenfahrzeug auf die Marke ab. Auf diesen Abstrahleffekt setzt Citroën auch beim DS5, der 2011 als „legitimer Nachfolger des legendären DS19 erscheinen wird. Mit allen Kernwerten der Marke, wie Komfort und innovativem Design, sowie einer guten Portion Kühnheit“, verspricht Jean-Marc Gales, bei PSA Markenchef für Peugeot und Citroën.

Knapper geschnitten, dürfte er dann in einigen Jahren auch die Rolle des repräsentativen C6 übernehmen. Denn die Franzosen wissen: In der Heimat – und vielleicht auch bald in Deutschland – nimmt die Rolle des großen Autos als Statussymbol ab. Anders präsentiert sich derweil noch die Rolle des Autos in China, dem für Citroën inzwischen zweitwichtigsten Markt. Nicht ohne Grund stellten die Franzosen auf der Expo in Shanghai die Studie Metropolis ins Rampenlicht – eine Aufsehen erregende 5,30-Meter-Limousine. Als DS9 soll sie 2013 kommen, ein Europa-Start gilt als unwahrscheinlich.

Während Citroën also die Flucht nach Osten antritt, bietet Renault den Latitude in Deutschland gar nicht erst zum Verkauf an. Aufbruchstimmung sieht anders aus. Was die Frage provoziert, ob irgendwann noch etwas Passendes für Monsieur le Président übrig bleibt. Ein Citroën made in China – die Grande Nation würde erschaudern.