Lokführer

Bahnstreiks behindern bundesweit den Berufsverkehr

Die Warnstreiks der Lokführer haben den Zugverkehr erheblich beeinträchtigt. Vom Berliner Hauptbahnhof berichtet Nikolaus Doll.

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Am Berliner Hauptbahnhof herrscht eine aggressive Stimmung. Grüppchen protestierender Lokführer der Gewerkschaft GDL müssen sich harte Worte anhören. "Wisst ihr überhaupt, was ihr uns hier antut?", schimpft ein Geschäftsmann im schwarzen Anzug. "Wegen euch musste ich eine Stunde früher aufstehen", beschwert sich ein anderer. Die Anzeigetafel beweist: So gut wie jeder Zug, der in Berlin erwartet wird – ob S-Bahn, Regionalzug oder ICE – hat deutlich Verspätung. 60 Minuten, 90 Minuten, zwei Stunden.

Zwar kommen noch jede Menge Züge am Hauptbahnhof an. Doch die meisten bleiben dann erst einmal stehen. Auf einem einzigen Gleis – Gleis 11 – fahren Züge vergleichsweise regelmäßig ab. Denn die verbeamteten Lokführer und die Angestellten der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) beteiligen sich nicht an den Streiks.

Vor den Service-Points der Deutschen Bahn haben sich lange Schlangen gebildet, das Unternehmen hat Tee- und Kaffeestände aufgebaut. Mitarbeiter versuchen, die aufgebrachten Reisenden zu besänftigen. Denn es fällt auf: Das Verständnis für den Streik scheint sich dieses Mal in Grenzen zu halten. Einige Reisende bringen zwar ihre Unterstützung zum Ausdruck, doch die Zahl genervter Pendler überwiegt. Nicht nur in Berlin, in weiten Teilen Deutschlands haben die Warnstreiks der Lokführer zu erheblichen Einschränkungen im Nah-, Regional- und Fernverkehr geführt. Schwerpunkte der Arbeitsniederlegungen im Nahverkehr seien Berlin, Nürnberg, Stuttgart, das Rhein-Main-Gebiet und Nordrhein-Westfalen, sagte ein Bahn-Sprecher Morgenpost Online.

Bei der S-Bahn in München komme es nur zu Verspätungen. Auch im Regional- und Fernverkehr fielen deutschlandweit Züge aus oder kämen verspätet ans Ziel. Rund ein Drittel der Fernzüge sei ausgefallen, sagte der Sprecher. Bahnreisende müssten sich auch nach Ende der Warnstreiks auf Behinderungen einstellen. Es könne bis in den Abend hinein dauern, bis sich der Fahrplan normalisiert habe, sagte der Sprecher Morgenpost Online.

Die Deutsche Bahn setzt nach eigenen Angaben mehrere Hundert zusätzliche Mitarbeiter ein, um ihre Kunden bestmöglich informieren zu können. Wer von den Streiks betroffen ist, kann sich unter der kostenlosen Servicenummer 08000 99 66 33 oder im Internet über die Lage informieren. Wer aufgrund von streikbedingten Zugausfällen, Verspätungen oder Anschlussverlusten auf Bus oder Auto umsteigen musste, könne sich Fahrkarte und Reservierung in DB-Reisezentren kostenlos erstatten lassen. Alternativ könnten Reisende den nächsten, gegebenenfalls auch höherwertigen Zug nutzen, hieß es weiter. In diesem Fall werde bei Angeboten wie dem Sparpreis auch die Zugbindung aufgehoben.

GDL-Chef Claus Weselsky rechtfertigte den bundesweiten Warnstreik als unausweichliches Mittel zur Lösung des Tarifkonflikts. „Wenn die Arbeitgeber uns einen Stuhl vor die Tür setzen, keine vernünftigen Angebote machen, beziehungsweise die Verhandlungen mit uns generell ablehnen, dann bleibt nichts anderes als der Arbeitskampf“, sagte er im ZDF-Morgenmagazin. Die Lokführerorganisation hatte zwischen 6 Uhr und 8 Uhr einen zweistündigen Warnstreik abgehalten. Weselsky schloss weitere Aktionen noch am Dienstag aus: „Für heute gibt es keine weiteren Arbeitskampfmaßnahmen.“ Zu den kommenden Tagen äußerte er sich nicht.

Bahn-Personalvorstand ist empört

DB-Personalvorstand Weber reagierte empört auf die Begründung Weselskys. Die Bahn habe bereits fast alle Forderungen der GDL erfüllt. Der Konzern biete längst, was die Bahn wolle – so die soziale Absicherung der Lokführer bei Gesundheitsproblemen. Das Angebotspaket der Bahn habe die GDL jedoch noch nicht mal verhandeln wollen. „Die GDL will, dass die guten Standards der DB für alle Lokführer in Deutschland gelten. Und um das zu erreichen, bestreikt sie ausgerechnet die DB und ihre Kunden. Das ist widersinnig und unseriös“, sagte Weber. „Niemand versteht das.“

Mit Unverständnis reagierte auch die GDL-Konkurrenzgewerkschaft. EVG-Chef Alexander Kirchner warf der GDL vor, mit ihrer Forderung nach einem für alle Lokführer geltenden Tarifvertrag die Realitäten der Arbeitswelt zu verkennen. Die Wettbewerbsbedingungen im Güterverkehr seien völlig andere als die im Nahverkehr, sagte Kirchner. Das aber werde von der GDL nicht wahrgenommen. Oft wisse die GDL gar nicht von den Problemen der Lokführer, deren Interessen sie „angeblich vertreten“ wolle.

Mit dem Warnstreik will die GDL ihrer Forderung nach einheitlichen Tarifstandards für rund 26.000 Lokführer in der gesamten Bahnbranche Nachdruck verleihen. Ein Kernpunkt sind einheitliche Einkommen auf dem Niveau des Marktführers Deutsche Bahn. Tarifverhandlungen mit dem bundeseigenen Konzern sowie den sechs Konkurrenten Abellio, Arriva, Benex, Keolis, Veolia und Hessische Landesbahn hatte die GDL für gescheitert erklärt. Die GDL fordert einen einheitlichen Flächentarifvertrag für alle Lokführer im Nah-, Fern- und Güterverkehr. Dafür muss sich die Gewerkschaft mit der Deutschen Bahn AG sowie privaten Unternehmen im Personen- und Güterverkehr einigen. Die GDL-Tarifkommission beschloss die Arbeitskampfmaßnahmen Anfang Februar.