Ländervergleich

Deutschland koppelt sich ab vom Lohnwachstum

In praktisch allen Industriestaaten sind die Löhne und Gehälter seit 2000 kräftig gestiegen – in Deutschland hingegen nicht. Eine Studie vermeldet aber auch Positives.

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Die Lohnzuwächse haben sich weltweit infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise nahezu halbiert. Wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in ihrem Lohnbericht feststellt, legten die Reallöhne 2009 im weltweiten Durchschnitt nur noch um 1,6 Prozent zu. 2007, vor Ausbruch der Krise, waren es 2,8 Prozent.

Deutschland hat allerdings nach Ansicht der ILO die Krise im internationalen Vergleich erfolgreich bewältigt. Dies sei unter anderem auf gesetzliche Verbesserungen bei der Kurzarbeit, den Einsatz von Arbeitszeitkonten und einen guten Dialog zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zurückzuführen.

Die Auswirkungen der Krise auf die weltweiten Löhne werden noch deutlicher, wenn China mit seinem starken Wirtschaftswachstum aus der Statistik herausgerechnet wird. Ohne China wuchsen die Löhne im weltweiten Durchschnitt 2009 nur um 0,7, 2008 um 0,8 Prozent. Dem Bericht zufolge ist die schwache Nachfrage aufgrund der mäßigen Lohnentwicklung ein Grund für die Finanzkrise.

Die Krise allein ist nach Angaben der ILO jedoch nicht Schuld an der mäßigen Lohnentwicklung, diese sei in Deutschland und weltweit vielmehr ein länger anhaltender Trend. In Deutschland gingen die Arbeitnehmerverdienste von 2000 bis 2009 real um 4,5 Prozent zurück. Grund dafür seien moderate Tarifabschlüsse und die Zunahme von Zeitarbeit und Minijobs.

In Ländern wie Deutschland, Südkorea, den USA und Japan sei die Lohnentwicklung zunehmend vom Produktivitätswachstum entkoppelt, erläuterte Malte Lübker von der ILO. Die Folge sei eine Umverteilung der Einkommen: Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen stiegen, während das Einkommen der Arbeitnehmer sinkt. Die ILO fordert daher, eine Produktivitätssteigerung auch mit Lohnzuwächsen einhergehen zu lassen. Zugleich müsse dem Trend zu mehr Geringverdienern und Niedriglöhnen entgegengewirkt werden.

Ein weiteres Problem im weltweiten Maßstab ist die hohe Arbeitslosigkeit: Gegenüber 2007 sei die Zahl der Arbeitslosen weltweit um knapp 30 Millionen auf rund 207 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen.

Deutschland hatte sich dem Trend zuletzt widersetzt. Die OECD hält sogar Vollbeschäftigung für möglich. „Ich halte Vollbeschäftigung, also eine Arbeitslosenquote von drei bis vier Prozent, in den kommenden zehn Jahren für erreichbar – zumindest in der Mehrzahl der Bundesländer“, sagte der stellvertretende Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Aart de Geus, „Zeit Online“. Deutschland solle jedoch glücklich sein, wenn bis zu diesem Zeitpunkt noch Zeit verstreiche: „Vollbeschäftigung hat im deutschen Fall eine Kehrseite“, sagte de Geus. „Es bedeutet auch, dass der Mangel an Arbeitskräften akut wird. Dann fehlen Menschen, die in die Sozialkassen einzahlen, aus der die wachsende Zahl der Rentner finanziert werden muss.“

De Geus mahnte die Bundesregierung, den Arbeitsmarkt weiter zu reformieren. Die zunehmende Zweiteilung des Arbeitsmarktes in unbefristete und prekäre Beschäftigungsformen sei „schmerzhaft“, sagte der Vize-Generalsekretär der OECD. Es sei die große politische Frage der nächsten Jahre, wie diese Zwei-Klassen-Gesellschaft am Arbeitsmarkt beendet werden könne. Die Politik müsse den Unternehmen mehr Anreize bieten, unbefristete Verträge anzubieten, forderte de Geus. „Das geht nur, wenn wir den Schutz für diese Gruppe der Beschäftigten senken.“