Manpower-Chef

Freizügigkeit in Europa? "Eine tolle Nachricht"

Jeffrey Joerres, Chef der Zeitarbeitsfirma Manpower, ist für offene Arbeitsmärkte und hat kein Problem mit einem Mindestlohn.

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Als „Erfinder der Zeitarbeit“ sieht sich Jeffrey Joerres’ Unternehmen: Die Gründer, zwei Rechtsanwälte, standen 1948 vor der Aufgabe, unter großem Zeitdruck einen Schriftsatz zu verfassen. Auf der Suche nach zeitlich begrenzter personeller Unterstützung stellten sie fest. Es gab kein Unternehmen, das diesen Service anbot. Als Resultat gründeten die beiden Manpower. Die Firma ist heute ist mit 4000 Niederlassungen in 82 Ländern der zweitgrößte Personaldienstleister der Welt. In Deutschland liegt das Unternehmen auf Platz drei hinter Adecco und Randstad. Der Umsatz lag 2010 weltweit bei 18,9 Milliarden Dollar (13,9 Milliarden Euro), was einem Anstieg von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Seit Joerres 2001 den Spitzenposten bei Manpower übernahm, hat sich der Börsenwert des Unternehmens mehr als verdreifacht – und auch das Ausbeuter-Image, mit dem der US-Amerikaner Joerres vor allem in Deutschland zu kämpfen hat, bessere sich allmählich, sagt er.

Morgenpost Online : Herr Joerres, seit 2007 sind weltweit mehr als 30 Millionen Jobs abhandengekommen, drei Viertel davon im Westen – ist das für Sie als Chef des weltweiten Personaldienstleistungskonzerns Manpower Anlass zur Sorge?

Jeffrey Joerres : Wir sind weltweit in mehr als 80 Ländern aktiv. In den letzten zwölf Monaten haben wir rund um den Globus mehr als drei Millionen Mitarbeiter eingestellt, überlassen, aber auch vermittelt und den Firmen damit in der Krise große Flexibilität ermöglicht. Wirtschaftliche Auf- und Abwärtsentwicklungen wird es immer geben, zudem werden die Produktzyklen immer kürzer werden – all das sind Herausforderungen, die Unternehmen mithilfe von Arbeitnehmerüberlassung am allerbesten auffangen können. Kurz: Ich bin sicher, Personaldienstleister werden eher wichtiger als unwichtiger werden.

Morgenpost Online : Mal konkret und in Zahlen – wie stark werden Sie im laufenden Jahr in Deutschland wachsen?

Joerres : 2010 sind wir in Deutschland mehr als 20 Prozent gewachsen, haben 35.000 Neueinstellungen vorgenommen. 2011 werden wir noch einmal ähnlich viel Wachstum sehen. Die deutschen Firmen brauchen dringend Personal, zudem ist der Arbeitsmarkt verhältnismäßig stark reguliert: Die Unternehmen haben verstanden, dass sie mit Arbeitnehmerüberlassung maximal flexibel bleiben können.

Morgenpost Online : Was den Unternehmen zusätzlich gefallen dürfte, ist, dass sie für Zeitarbeiter oft deutlich weniger zahlen müssen als für fest Angestellte. Gewerkschaften fordern seit Langem einen Mindestlohn für Zeitarbeiter– was halten Sie davon?

Joerres : Befürworter von Mindestlöhnen argumentieren, dass eine Anhebung der Löhne die Kaufkraft steigert und so der Konsum angekurbelt wird. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, dass Arbeitskräfte im Wettbewerb bezahlt werden sollten und zwar genau für das, was sie tun. Wer bessere Arbeit als andere macht, soll auch besser bezahlt werden können. Nichtsdestotrotz würde Manpower in Deutschland die 7,60 Euro Mindestlohn für Ungelernte akzeptieren, das zahlen wir sowieso schon, und es würde der Branche guttun. Insofern stehen wir dem Mindestlohn offen gegenüber.

Morgenpost Online : Die gesetzlich verfügte gleiche Bezahlung von Zeitarbeitnehmern und Stammbelegschaft (Equal Pay) wird aller Voraussicht nach kommen?…

Joerres : Wenn es so kommt, dann stellen wir uns darauf ein. Der Grundgedanke, dass gleiche Arbeit gleich bezahlt wird, ist ja richtig – auch wenn es im Einzelfall nicht immer so einfach ist: Wenn ein Zeitarbeiter weniger Sprachen spricht als ein Stammarbeiter in gleicher Position, müsste sich das doch auch bei der Bezahlung niederschlagen, oder? Unsere Gewinne wird es auf jeden Fall nicht schmälern: Wenn mehr Lohn fällig wird, stellen wir den Unternehmen mehr Geld in Rechnung. Und wer unsere Dienste in Anspruch nimmt, ist bereit, für Flexibilität zu zahlen. Was man aber bedenken muss: Wir müssten im Fall von Equal Pay auch manchen Mitarbeitern weniger zahlen.

Morgenpost Online : In unsicheren Zeiten wie den gerade zurückliegenden erlebt Ihre Branche traditionell einen Boom. Fürchten Sie, dass der abebbt, je nachhaltiger sich der Aufschwung erweist?

Joerres : Nein, im Gegenteil. Selbst Firmen, die jetzt wieder selbst einstellen wollen, finden oft nicht die Talente, die sie brauchen. Und Menschen, die krisenbedingt zwei Jahre arbeitslos waren, haben eben oft einfach nicht mehr die Fertigkeiten, die sie heute brauchen. Und da kommen Personaldienstleister ins Spiel: Wir haben konzernintern 25.000 unterschiedliche Trainingsprogramme, in denen wir unsere Beschäftigten für ihre Aufgaben schulen. Wir haben 4000 Büros weltweit und haben im letzten Jahr zwölf Millionen Menschen interviewt. Die Unternehmen müssen uns nur fragen, wir können helfen – nicht immer, aber oft.

Morgenpost Online : Gute Nachrichten also für jemanden wie Siemens-Chef Peter Löscher, der allein in Deutschland 3000 Fachkräfte sucht?

Joerres : Natürlich können wir ihm helfen, und er weiß das auch. Die Zeiten, in denen Personaldienstleister fast nur gering Qualifizierte überlassen haben, sind lange vorbei. 30 Prozent des Manpower-Umsatzes weltweit generieren wir bereits mit hoch Qualifizierten. Immer mehr Unternehmen kommen zu uns, weil sie händeringend nach Fachkräften suchen. Entsprechend steigt auch die Zahl der gut ausgebildeten Software-Experten oder Ingenieure, die wir überlassen.

Morgenpost Online : Ab Mai gilt EU-weit die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den osteuropäischen Staaten, Hierzulande wird befürchtet, Personaldienstleister wie Manpower könnten den deutschen Markt mit billigen Arbeitskräften etwa aus Polen überschwemmen, die Preise verderben und den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Können Sie die Sorgen verstehen?

Joerres : Ich verstehe die Sorgen bestenfalls philosophisch betrachtet. Sie sind aber völlig realitätsfern. Schauen Sie sich doch einmal die Verhältnisse an: Zeitarbeitnehmer stellen nur etwa zwei Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland – und die allermeisten wollen ohnehin in der Nähe ihrer Heimat arbeiten.

Morgenpost Online : Und doch werden Sie von der neuen Freizügigkeit profitieren, oder?

Joerres : Klar, vor allem weil wir so noch mehr bessere Kandidaten finden und vermitteln können. Wenn wir einen fähigen Ingenieur in Krakau haben und der ab Mai überall in Europa eingesetzt werden kann, halte ich das doch für eine tolle Nachricht – vor allem für unsere Kunden, die entsprechendes Personal ja suchen.

Morgenpost Online : Und für Sie selbst auch: In Polen sind die Löhne und Gehälter ja noch auf einem niedrigeren Niveau, allen voran gering qualifizierte Kandidaten könnten Sie günstiger anbieten. Deutsche Bewerber hätten dann das Nachsehen.

Joerres : Das stimmt so nicht, wir müssten ohnehin mehr Geld in Rechnung stellen. Es ist doch ein entscheidender Mehraufwand, jemand aus Polen nach Deutschland zu vermitteln. Wir müssen den Kandidaten dort erst einmal finden, ihn dann überzeugen, seine Familie hinter sich zu lassen, und seinen Umzug nach Deutschland organisieren. Das ist nicht mit einem Telefonanruf getan. Nein, wir sind nicht die Übeltäter, als die wir manchmal angesehen werden: Die Leute sollten uns endlich als das wahrnehmen, was wir sind – eine Brücke in die dauerhafte Erwerbstätigkeit. In guten Zeiten werden fast die Hälfte der Mitarbeiter, die wir überlassen, von den Unternehmen anschließend übernommen.

Morgenpost Online : Wie erklären Sie sich, dass das Image von Zeitarbeitsunternehmen trotzdem so schlecht ist?

Joerres : Das ist nirgendwo so schlecht wie in Deutschland, und das hat vor allem damit zu tun, dass wir auf dem deutschen Markt eine sehr junge Geschichte haben: Wir dürfen ja erst richtig wachsen, seit die Hartz-Reformen das Instrument der Zeitarbeit offiziell für politically correct erklärte. Und schauen Sie sich an, was seither passiert ist: Nach der Krise war unsere Branche der wichtigste Jobmotor, jede zweite neue Stelle entfiel auf die Zeitarbeit.

Morgenpost Online : Haben Sie den Eindruck, dass sich Ihr Ruf inzwischen ein bisschen zum Guten wandelt?

Joerres : Ich glaube schon, dass viele Politiker inzwischen den Wert der Zeitarbeit verstanden haben, es macht sich nur nicht gut in den Schlagzeilen, das auch einmal laut zu sagen. Fakt ist: Wir stehlen keine Jobs, wir sorgen für Beschäftigung. Man kann das in Japan sehen, wo die Zeitarbeit stark reguliert wurde: Das Gros der vorherigen Zeitarbeiter ist heute arbeitslos, und die Jobs sind eben nach China abgewandert. Diese Jobs werden nie zurückkommen.

Morgenpost Online : Damit kommen wir noch einmal zur Makroperspektive: Wie soll der Westen auf die Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft gen Osten reagieren?

Joerres : Für mich geht es bei der Bewertung der globalen Perspektive nicht so sehr um die Frage, ob der Osten oder der Westen gewinnt. Jedes Land ist ein Rädchen im globalen Gesamtbetrieb und muss zusehen, dass es sich bestmöglich auf die spezifischen Herausforderungen einstellt. Nehmen Sie Deutschland, das dank Instrumenten wie der Kurzarbeit in der Krise wirklich einen tollen Job gemacht hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel fragte mich neulich, warum die USA nicht mit ähnlichen Maßnahmen versucht haben gegenzusteuern. Aber das wäre so, als würde man den schönsten Schmetterling Deutschlands in eine Box packen und in die USA ausführen: Er würde vermutlich sterben, einfach weil er aus einem ganz anderen Ökosystem kommt.

Morgenpost Online : Der demografisch bedingte Fachkräftemangel etwa betrifft aber viele westliche Staaten gleichermaßen.

Joerres : Ja, deswegen muss die wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie man eine qualifizierte Zuwanderung hinbekommt, und der Bildung im Zentrum aller Bemühungen stehen.

Morgenpost Online : Was muss konkret geschehen?

Joerres : Damit die Universitäten die hoch qualifizierten Arbeitskräfte hervorbringen, die wir demografisch bedingt so sehr brauchen, benötigen wir dringend Toptalente aus dem Ausland. Wir müssen unsere Bildungssysteme also so attraktiv gestalten, dass die klügsten Köpfe auch wirklich kommen wollen und – das ist ebenso wichtig – dass sie auch bleiben wollen und dürfen. Wie groß das Potenzial im Ausland ist, zeigt ein Blick auf das Silicon Valley, wo zwei Drittel der Firmen von Nicht-US-Bürgern gegründet wurde. Wer smart ist, soll nach Amerika kommen, aber auch bleiben dürfen – das ist die Botschaft, die wir in die Welt hinaustragen sollten. Und das gilt für Ihr Land genauso. Wir sind in einem neuen Zeitalter angekommen: im Human Age. Hier werden Unternehmen erfolgreich sein, die das Potenzial der richtigen Menschen am richtigen Platz freisetzen. Es geht um Innovationskraft und Begeisterung, der Zugang zu Talenten wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.